Der viel beschäftigte Politik-Forscher kommt pünktlich in eine Hotelbar nahe des Zürcher Hauptbahnhofs. Nach dem Gespräch muss er gleich weiter. Er bestellt ein Wasser, dann gehts los.

Herr Hermann, Praxistest: Ich sage Ihnen Geschlecht, Alter und Wohnort einer Person, und Sie sagen mir, was sie wählt.
Michael Hermann: Das funktioniert nicht.

Warum nicht?
Geschlecht und Alter spielen für den Wahlentscheid heute kaum noch eine Rolle, am ehesten noch der Wohnort. 20-Jährige stimmen und wählen heute ähnlich wie 70-Jährige.

Was müssen Sie wissen, um Wahlverhalten vorauszusagen?
Das Abstimmungsverhalten. Wenn ich weiss, wie sich diese Person in den letzten vier Abstimmungen entschieden hat, kann ich ungefähr sagen, was sie wählen wird.

Solche Voraussagen machen Sie künftig für das Wahlbarometer der SRG. Warum hat sich Ihre Firma diesen Auftrag geholt?
Die SRG hat das Angebot meiner Firma sehr sorgfältig geprüft und fand es überzeugend.

Weil Sie anders als Claude Longchamp mit Online-Umfragen arbeiten?
GfS.Bern macht Umfragen per Telefon, neuerdings auch per Handy. Die SRG war in der Ausschreibung offen für neue Methoden. Deshalb haben wir uns beworben. Wir wollen nicht in die Telefonbefragung einsteigen.

Warum nicht?
Es wird immer schwieriger, es gibt weniger Festnetzanschlüsse. Die Leute nehmen auch immer weniger das Telefon ab, wenn sie eine Nummer nicht kennen. Wichtigster Grund ist aber: Online-Umfragen sind eleganter und funktionieren in der Schweiz besonders gut.

Warum besonders gut?
Weil wir von den Abstimmungen sehr gute Daten haben für die Gewichtung von Umfragen. Wir können unser Sample auf reale Proportionen gewichten. Das ist der ganze Zauber.

Wie erheben Sie Online-Umfragen?
Wir haben Daten, E-Mail-Adressen, um Umfragen zu starten. Mit Medienpartnern wie der SRG und zuvor Tamedia können wir auch zu Meinungsumfragen aufrufen. Alter, Geschlecht und Wohnort – diese Angaben dienen dann der repräsentativen Gewichtung.

Warum ist die Online-Methode besser?
Sie lässt sich viel besser skalieren. Ob du 1000 oder 50 000 Personen fragst, es kostet gleich viel. Bei der Telefonbefragung dagegen kostet jeder Anruf zusätzlich, und Anrufe auf Mobiltelefone sind noch teurer. Das grösste Plus sind aber regionalisierte Auswertungen, zum Beispiel für Ständeratswahlen.

Per Telefon ist das nicht möglich?
Viel zu teuer! Für Online-Befragungen hingegen liegt hier Potenzial. Ständeratswahlen sind zum Rennen der Spitzenkandidierenden eines Kantons geworden.

Was Sie abbilden können?
Mit unserer Online-Methode konnten wir zum Beispiel vorhersehen, dass Daniel Jositsch und nicht Ruedi Noser im Kanton Zürich als Favorit für den ersten Ständeratswahlgang ins Rennen ging. Obwohl die Umfrage nicht repräsentativ war – alles nur dank unserer Gewichtung.

Werden wir Sie bald am TV sehen?
Das ist noch nicht bestimmt. Vieles ist noch offen. Sicher ist: Nächstes Jahr werden wir einen ersten nationalen SRG-Wahlbarometer machen.

Warum haben Sie sich nicht auch um die Abstimmungs-Trendvorhersagen beworben?
Wir sind kein grosses Büro und haben keinen Wachstumsdrang. Ausserdem ist es nicht nur lustig, dieses Nervenspiel viermal im Jahr mitzumachen.

GfS.Bern erhält für Abstimmungs-Umfragen mit Abstand am meisten Haue.
Das hat mit der Sonderstellung von Claude Longchamp zu tun. In den 1990ern erlangten Meinungsforscher fast den Status von Magiern. Als Longchamp vor der EWR-Abstimmung 1992 den Stimmungsumschwung voraussagte, verlieh ihm das den Nimbus von Macht. Da hat eine Dekonstruktion stattgefunden.

Eine Dekonstruktion?
Leute frisch von der Hochschule wie das Duo Lehmann/Wasserfallen bei Tamedia können heute auch, was Longchamp kann. Ausserdem sind die Zeiten von Autoritäten vorbei. Meine Experten-Generation wird nie im Leben den Status erreichen können, den Longchamp hatte.

Longchamp sitzt immer noch auf dem Thron, besetzt im TV die Experten-Primetime am Abstimmungssonntag. Auch Ihr Ziel?
Absolut (schmunzelt).

Und jetzt setzen Sie sich schon mal auf die Lehne?
(lacht) Wir freuen uns einfach über den tollen Auftrag.

Hat Ihnen Claude Longchamp zum Wahlbarometer-Auftrag gratuliert?
Nein, das wäre aber auch komisch.

Was haben Sie für ein Verhältnis?
Man streitet professionell. Manchmal spiegeln sich darin unterschiedliche Temperamente. Wir haben kein einfaches Verhältnis, aber es hat eigentlich Platz für beide.

Warum sind Sie zu einer so grossen Nummer im Umfragen-Geschäft geworden?
Ich habe sehr früh mit Programmieren angefangen, weil ich Legastheniker bin und das Schreiben vor dem Computerzeitalter sehr schwierig war für mich. Und mich hat immer interessiert, wie Werte zustande kommen. Jetzt analysiere ich gesellschaftliche Werte mit technischen Methoden. Politik ist ein Resonanzraum, in dem sich gesellschaftliche Veränderungen zeigen. Mich interessieren tektonische Verschiebungen.

Welche tektonische Verschiebung in der Schweiz sehen Sie als die markanteste an?
Die Nationalisierung der Politik ist eine sehr starke Veränderung. Früher war die FDP Waadt etwas völlig anderes als die FDP Zürich. Die Unterschiede unter den Kantonen waren fast grösser als zwischen den Parteien. Als es vor 1985 die SVP im Kanton Thurgau noch nicht gab, politisierten die Bauern im Kanton in der FDP und auf nationaler Ebene bei der SVP. So etwas ist heute undenkbar. Das ist alles weggebürstet und heruntergestrählt. Parteien sind heute fast wie Sekten.

Wie Sekten?
Früher fanden Aushandlungsprozesse schon in den Parteien statt, heute gehen Parteien aufeinander los. Heute tobt ein Wettbewerb der Parteien, und jede Partei hat die Wahrheit für sich gepachtet, es ist ein Wettbewerb um die Deutung der Wirklichkeit. Darunter leidet die Kompromissfähigkeit.

Woran mangelt es?
Das Schweizer System hat ein Verantwortungsdefizit. Die Wähler wählen die Regierung nicht, auch nicht indirekt. Deshalb werden vor allem Personen gewählt, die Probleme ansprechen. Das System ist darauf getrimmt, die Sorgen anzusprechen und aufzunehmen.

Das ist gut, oder nicht?
Unsere Demokratie ist zur Therapie für besorgte Bürger geworden. Das ist doch ironisch: Einerseits totale Vereinzelung, die Leute wollen sich nicht mehr längerfristig an politische Haltungen binden, deshalb passt die Initiative so gut in unsere Zeit. Andererseits sind Probleme immer stärker miteinander verknüpft und lassen sich nicht mit Initiativen lösen.

Sie sehen einen Reformstau?
Wir leben von den Zinsen. In den 1990er-Jahren haben wir in der Schweiz das System weiterentwickelt. Jetzt kommen die wirklich wichtigen Themen an der Urne gar nicht mehr vor. Alle paar Jahre wird das Asylrecht reformiert, die können sich nicht wehren. Alles andere bleibt stecken.

Der Politik sind die Visionen abhandengekommen?
Das ist keine Spezialität der Schweiz. Die 1990er waren eine Zeit des Aufbruchs, als wäre nach dem Fall der Berliner Mauer eine aufgestaute Energie freigesetzt worden. Jetzt schlägt das Pendel zurück. Das Zusammenspannen von links und liberal in den 1990ern war eine Ausnahme. Weil der Drang vorwärts so stark war, dass man Unterschiede vergessen hat.

Was bleibt von der Politik ohne Visionen?
Was immer bleibt, ist die Frage, wo das Geld herkommt und wo das Geld hingeht. Deshalb wird die Links-Rechts-Achse nie verschwinden. Was ebenfalls bleibt: das Bewahren und Abgrenzen, die Angst vor Identitätsverlust, der sich an Ausländern festmacht.

Die FDP gewinnt wieder Wahlen.
Hält dieser Trend an?

Für diejenigen, die den gesellschaftlichen Trend nach rechts mitmachen, aber nicht SVP wählen wollen, ist die FDP erste Wahl. Da hat sich die FDP rechts der Mitte gut positioniert. CVP und BDP sind für ihre Mitteposition abgestraft worden. Das heisst aber nicht, dass die Bevölkerung eine rechte Politik will.

Wie meinen Sie das?
Rechts der Mitte positioniert sich die Bevölkerung wegen Migrations- und Öffnungsfragen, nicht wegen Wirtschaftspolitik. Der Rechtsrutsch drückte den Wunsch nach konservativer Politik aus, erhalten wird die Bevölkerung wirtschaftsliberale. Das wird zum Problem, wenn die bürgerlichen Parteien ihre Mehrheit jetzt als Mandat auffassen.

Heute arbeiten Rechtskonservative und Liberale besser zusammen, als die Unterschiede es eigentlich zulassen.
Das ist der Zeitgeist. Die FDP vergisst, wo die grossen Gräben sind, weil sie sich auf die Wirtschaftspolitik konzentriert, die alles andere überdeckt. In der Schweiz kommt man aber um die gesellschaftspolitischen Themen in den Abstimmungen nicht herum.

Was kann die SP noch ausrichten?
Opposition ist das Einzige, was der SP bleibt. Das ist einerseits hart, andererseits auch einfach: Die Bürgerlichen tragen jetzt wirklich die politische Verantwortung. In vier Jahren wird die Bevölkerung entscheiden, ob ihr das gefällt oder nicht. Hier zeigt sich durchaus eine Annäherung ans Mehrheitssystem, dieser Geist ist aus der Flasche.

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