Herr Botschafter, warum ist Ungarn dagegen, Flüchtlinge auf die europäischen Staaten zu verteilen?
István Nagy: Die EU geht dieses Problem falsch an. Es macht keinen Sinn, darüber zu sprechen, wie man Flüchtlinge auf Länder verteilt, solange man nicht weiss, wie viele überhaupt ankommen werden. Zuerst müssen wir uns in Europa darum kümmern, dass unsere Grenzen sicher sind. Nur dann sind wir in der Lage, den Eintritt des Migrationsstromes in die Schengen-Zone zu bewältigen.

Wie sich das Ungarn vorstellt, haben wir gesehen: Ihr Land errichtete Stacheldrahtzäune und Grenzbarrikaden.
Wir haben unsere Landesgrenzen nicht hermetisch abgeschlossen. Die Grenzzäune sind der Versuch, wieder die Kontrolle über die grünen Grenzen zu erlangen, da wir wissen müssen, mit wie vielen Migranten wir es zu tun haben und wer sie überhaupt sind. Dazu verfügen wir über mehrere Grenzübergänge, an denen wir die nötigen Kontrollen und Registrierungen durchführen können.

Ihre Regierung ist aber auch grundsätzlich dagegen, Flüchtlinge innerhalb von Europa zu verteilen.
Das sind ganz praktische Einwände, die wir hatten – auch wenn ich betone, dass wir uns im Prinzip an die nun von den EU-Innenministern beschlossene Regelung halten werden. Wir bezweifeln aber, dass das in der Praxis funktioniert. Nehmen wir an, es gibt eine Behörde, die die Migranten auf die Länder verteilt. Was hält dann einen Flüchtling, den man zum Beispiel in die Slowakei oder nach Ungarn schickt, davon ab, weiter nach Spanien oder nach Deutschland zu ziehen, falls er sich schon innerhalb der Schengen-Zone befindet? Das ist nicht zu handhaben.

Warum sind es besonders die osteuropäischen Staaten, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen?
Man muss sehen: Über die serbische, später dann auch über die kroatische Grenze sind zuletzt 230 000 Menschen nach Ungarn gelangt. Das sind ungeheuer viele. Die Staaten Osteuropas verfügen nicht über die nötigen Mittel, die Länder wie Deutschland und Frankreich haben. Und dann gibt es auch historische Gründe: Wir waren in den vergangenen Jahren nicht mit Einwanderung in so einem Ausmass konfrontiert.

In der Flüchtlingskrise erhält Deutschland für seine Aufnahmebereitschaft Lob – dagegen scheint Ungarn vielen als das hässliche Gesicht Europas.
Ich will keine anderen Staaten kritisieren. Ich bin sicher, dass Kanzlerin Angela Merkel mit ihrem Signal Gutes tun wollte. Aber selbst Deutschland als reiches, mächtiges Land hat die Lage unterschätzt. Dass Ungarn nun das schwarze Schaf Europas sein soll, ist unfair. Das sind wir nicht. Wir leisten bloss unseren Beitrag zur Lösung eines globalen Problems. Dass dies von manchen Medien nicht richtig dargestellt wird, ist enttäuschend.

Die Szenen aus den ungarischen Flüchtlingslagern sprachen für sich selbst.
Vielleicht gab es Dinge, die wir hätten anders machen können. Aber es sind nun einmal riesige Flüchtlingsgruppen, die derzeit zu uns kommen. Wir hatten keine Zeit, uns dafür bereitzumachen. Wir mussten die Armee und die Polizei vorbereiten, wir mussten die Hilfsorganisationen und die Kirchen einbinden. Das geschieht alles nicht von heute auf morgen. Und ein Ende der Krise ist nicht in Sicht. Umso mehr sollte die EU nun Griechenland helfen, die Aussengrenze zu sichern. Es braucht dort eine Pufferzone. Und wir müssen Länder wie die Türkei, Libanon und Jordanien unterstützen, die mit den Millionen Flüchtlingen auf ihrem Gebiet an ihre Grenzen stossen.

Nach dem Volksaufstand 1956 flohen 200 000 Ungarn vor den Kommunisten ins Ausland – auch Sie emigrierten 1966. Hat Ihr Land nicht eine besondere Verantwortung im Umgang mit Flüchtlingen?
Kürzlich stiess ich zu Hause auf meine Flüchtlingskarte. Ich erhielt sie, nachdem ich von Ungarn über Jugoslawien nach Italien gelangte. Es war nicht leicht damals. Wir gingen von Polizeikontrolle zu Polizeikontrolle, mussten in Quarantäne. Danach schickten sie uns von einem Lager in das nächste. Das konnte Wochen, aber auch Monate dauern. Aber wir beklagten uns nie. Wir akzeptierten die Umstände, da wir froh waren, in der freien Welt angekommen zu sein.

Und das soll bei den heutigen Flüchtlingen anders sein?
Ja. Viele kooperieren nicht. Sie wollen sich nicht registrieren lassen, sie wollen ihre richtigen Namen nicht nennen, keine Fingerabdrücke geben. Sie sehen nicht ein, dass sich auch Flüchtlinge an Regeln zu halten haben.

Trotzdem: In Ungarn mit seiner Geschichte weiss man, wie traumatisch eine Flucht sein kann – und wie wichtig es ist, dass Geflüchtete anderswo aufgenommen werden. 12 000 fanden eine neue Heimat in der Schweiz.
Gerade in der Schweiz wurden die ungarischen Flüchtlinge sehr gut aufgenommen, das stimmt. Sie wurden gute Bürger und haben der Schweiz auch etwas zurückgegeben. Aber das waren andere Grössenordnungen. Für einen Ungarn war es damals nicht sehr schwierig, sich hier, in einem anderen europäischen Land, zu integrieren.

Ihr Ministerpräsident Viktor Orban sprach kürzlich von 100 Millionen Flüchtlingen, die sich auf den Weg nach Europa machen könnten. Übertreibt er bewusst?
Natürlich war das keine offizielle Statistik, aber es war ein nötiger Weckruf. So ungenau ist diese Zahl nicht: Es kommt darauf an, von welchen Gebieten wir sprechen. Im Moment spricht zum Beispiel kaum jemand von den Migranten, die von Afrika über das Mittelmeer kommen. Aber das ist ein ganzer Kontinent. Daran sieht man: Europa kann und muss dazu beitragen, dass sich die Lebensbedingungen in den Ursprungsländern verbessern, weil wir in Europa nicht einfach jeden aufnehmen können.

Orban warnt immer wieder vor einer Bedrohung des «christlichen Europas» durch die Einwanderung. Warum?
Das ist eine Frage der Arithmetik. Ungarn hat zehn Millionen Einwohner. Wenn wir eine grosse Zahl an muslimischen Einwanderern aufnehmen, hätte das nun mal grosse demografische Auswirkungen. Dabei haben wir in den vergangenen Jahren bereits 3000 Einwanderer aus mehrheitlich arabischen Ländern aufgenommen.

Aber Europa mit seinen 500 Millionen Einwohnern wird doch selbst mit vielen Migranten nicht zu einem islamischen Kontinent.
Jedes Land muss für sich selber wissen, wie viele islamische Einwanderer es integrieren kann. Wir sind nicht Frankreich, das aufgrund seiner Kolonialgeschichte enge Beziehungen zu muslimischen Ländern hat. Die Franzosen werden auch mit einer höheren Einwanderung fertig. Aber Ungarn hat Erfahrungen anderer Art mit Migration. Auch wir haben eine ansehnliche muslimische Gemeinde, eine der ältesten Europas: Bei uns stehen schon lange Minarette aus der Zeit der osmanischen Herrschaft. Doch wie gesagt: Wir sind ein kleines Land, und wir haben schon heute um 7 Prozent Arbeitslose. Wir können den Einwanderern keine Jobs bieten.

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