Herr Bundesrat, nach drei Tagen Indien – was ist Ihr Fazit?
Ich bin sehr zufrieden: Meine drei Ziele waren, persönliche Kontakte mit Ministern knüpfen, um künftige Gespräche zu vereinfachen, den Schweizer Unternehmungen Türen zu öffnen sowie die Diskussion über das Freihandelsabkommen zwischen der Efta und Indien einen Schritt weiterzubringen. Alle drei Ziele sind erreicht.

Beim Freihandelsabkommen bestehen aber noch immer grosse Differenzen.
Der indische Handelsminister wie auch ich sind zuversichtlich, dass wir es bis Ende 2011 besiegeln können. Aber ich weiss: Der Fahrplan ist ambitioniert, und oft steckt der Teufel im Detail.

Ein Knackpunkt ist der Schutz des geistigen Eigentums. Muss sich die Schweizer Pharma darauf einstellen, dass sie grosse Abstriche wird machen müssen?
Der Schutz des geistigen Eigentums ist sicherlich einer der heiklen Punkte. Die Schweiz und insbesondere die Schweizer Pharmaindustrie haben sehr hohe Ansprüche. Indien hingegen betont bei jeder Gelegenheit, dass es nicht vorhat, über den WTO-Standard hinaus Konzessionen zu machen. Am Ende braucht es einen Kompromiss, mit dem beide Seiten leben können.

Die indischen Medien haben das Freihandelsabkommen im Rahmen Ihres Besuchs kaum gewürdigt. Sie schreiben lieber über Schwarzgelder in der Schweiz.
Der Finanzminister hat mich zu Beginn unseres Treffens darauf angesprochen und sich erkundigt, wie weit wir mit dem neuen Doppelbesteuerungsabkommen sind. Ich hab ihm erklärt, dass die Schweiz mit höchster Wahrscheinlichkeit das Abkommen vor Ende Jahr ratifizieren kann – nach der parlamentarischen Debatte und nach Ablauf der Referendumsfrist.

Dennoch: Bereiten Ihnen die medial zum Teil aggressiv geführten Debatten um indische Schwarzgelder auf Schweizer Banken keine Sorgen?
Die Abwanderung von Geldern ins Ausland, auch in die Schweiz, sowie die Korruption generell sind derzeit in Indien tatsächlich ein grosses Thema, das habe ich auch den Medien entnommen. Ich habe denn auch die Gelegenheit gepackt, um dem Finanzminister in Erinnerung zu rufen, dass die Schweiz heute schon Amts- und Rechtshilfe leistet. Dazu muss die indische Seite sie aber ergreifen – und auch genügend Nachweise liefern.

Haben Sie eigentlich früher als Unternehmer auch selber Geschäfte mit Indien gemacht?
Wir haben über die Jahre Einzelgeschäfte mit Indien abgeschlossen. Aber wir haben nie eine geeignete Firma gefunden, die wir hätten akquirieren können und die uns einen sofortigen Marktzugang gebracht hätte. Das habe ich nicht fertiggebracht.

Als Swissmem-Präsident hatten Sie an zahlreichen Wirtschaftsmissionen teilgenommen. Nun haben Sie zum ersten Mal als Bundesrat eine angeführt. Ist es ein grosser Unterschied?
Es ist schon ein grosser Unterschied! Als Bundesrat ist man der Leithammel, der Wortführer, man ist von A bis Z in der Öffentlichkeit – und man bekommt die Chance, Bäume zu pflanzen (lacht). Es ist anstrengend, es ist interessant. Als Delegationsmitglied kann man es sich gemütlicher einrichten.

Welche Rolle gefällt Ihnen besser?
Ich will nicht vergleichen. Der Delegationsleiter hat natürlich die spannendere und herausforderndere Funktion.

Beim Besuch eines Schweizer Maschinenbauers in Indien sagten Sie spontan: «I feel at home», ich fühle mich zu Hause. Wären Sie doch lieber heute noch ein Unternehmer?
Hören Sie, ich war 30 Jahre lang Unternehmer mit Leib und Seele, und ich will das nicht verleugnen. Und ja, wenn ich eine solche Fabrik betrete, dann fühle ich mich effektiv in meine langjährige Tätigkeit zurückversetzt. Es ist die Industrie, und ich habe jedes Mal Freude, wenn ich so einen funktionierenden Betrieb sehe. Aber ich kann schon unterscheiden zwischen meiner damaliger unternehmerischen und meiner jetzigen bundesrätlichen Tätigkeit.

Haben Sie den Wechsel in den Bundesrat schon mal bereut?
Nein, auch weil ich sehe, dass meine Nachfolger in meinem ehemaligen Unternehmen Fuss fassen. Mein Sohn und meine Tochter sind mit Leib und Seele dabei. Und ich zweifle keine Sekunde daran, dass sie es besser machen werden als ich. Ich war damals auch 31 Jahre alt, als ich den Betrieb übernommen habe, also genau so alt wie mein Sohn heute.

Sie sagen, Sie hätten den Schritt nie bereut. Auch dann nicht, wenn man Ihnen mangelnde Dossierkenntnis vorwirft?
Ich nehme die Kritik zur Kenntnis. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich im Fall einer Wahl zum Bundesrat ein Jahr brauche. Im Parlament habe ich mich vor allem um Industriepolitik gekümmert, jetzt bin ich über Nacht auch Landwirtschaftsminister und Berufsbildungsminister geworden. Die Dossiers sind komplex, der Tag ist meist verplant. Es fehlt schlicht und einfach die Zeit, diese in ganz kurzer Zeit unter Kontrolle zu bekommen. Ich habe mir ein Jahr gegeben, nach einem Jahr kann man mich wirklich messen.

Sind Sie einfach etwas ehrlicher als andere, die vielleicht nur so tun, als ob sie alles wüssten?
Mir wurde auch schon gesagt, ich müsse etwas schauspielern und auch Antworten geben, falls ich sie nicht hundertprozentig hinterlegt habe. Aber ich bleibe meinen Prinzipien treu: Ich stehe hin, wenn ich eine Antwort und eine Meinung habe. Wenn ich den Sachverhalt nicht kenne, lasse ich gerne den Vortritt Mitarbeitern, die sich schon lange mit dem Dossier beschäftigen. Und achte darauf, dass die politische Stossrichtung stimmt.

Erste Politologen prognostizieren, dass im Dezember allenfalls Sie statt der bis anhin als gefährdet angesehenen Eveline Widmer-Schlumpf abgewählt werden. Macht Ihnen das Sorgen?
Ich habe keine schlaflosen Nächte deswegen. Ich habe immer gesagt, dass ich nicht für nur ein Jahr antrete. Es gibt nur ein Rezept für mich: den Job gut machen. Und dann wird das Parlament befinden müssen, wen es in der nächsten Legislatur im Bundesrat haben will. Meine Partei, die FDP, tritt nicht zu den Wahlen an, um zu verlieren, sondern um ihren zweiten Sitz im Bundesrat zu verteidigen.

Im Moment sieht es aber schlecht aus für die FDP.
Selbstverständlich schaue ich nicht gerne zu, wie meine Partei Wähler und Sitze verliert. Aber die FDP ist nach wie vor eine gute, eine liberale Partei, die ein breites Spektrum an Meinungen zulässt. Das stiehlt ihr etwas an Kontur in den wichtigsten Themen. Daran muss sie in den nächsten Monaten arbeiten. Dann wissen die Wählerinnen und Wähler wieder konkreter, wer wir sind und wo wir stehen. Dann kommen auch das Interesse und das Vertrauen in die Partei zurück. Und dann gibt es auch keine Diskussion um einen Sitzverlust für die Partei oder für den Schneider-Ammann.

Braucht die FDP einen neuen Präsidenten?
Das ist für mich nicht die Frage. Fulvio Pelli setzt sich ein – da ist es angesichts seiner exponierten Position klar, dass er von allen Seiten Kritik einstecken muss. Der Chef ist entscheidend, aber er ist nie allein. Es ist immer das Team, welches über die Politik entscheidet, die dann kommuniziert und mit aller Konsequenz gelebt werden muss. Das ist eine Herausforderung, welche die FDP jetzt hat.

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