Herr Nause, der Aargauer CVP-Präsident will die CVP auflösen und in die BDP integrieren. Was sagen Sie dazu? .
Reto Nause: Meine Vision ist eine andere. Ich sehe einen starken, geeinten Mitte-Block, der 30 Prozent auf sich vereinigt. Er geht für mich von GLP über BDP, CVP bis hin zu einem Drittel der FDP. Es sind die konstruktiven Kräfte, die eine soziale, ökologisch nachhaltige Marktwirtschaft vorwärts bringen wollen und an das Erfolgsmodell Schweiz glauben. Schliessen sich diese Kräfte zusammen, geht es diesem Land besser. Wir hätten eine echte Bereicherung der Schweizer Politlandschaft. Wir hätten kein polarisiertes Parteiensystem mehr. Die konstruktiven Inputs kämen aus dieser Mitte.

Die Mitte hat eine historische Chance?
Die Wahlergebnisse sind grandios. Seit ich vor 22 Jahren politisiert wurde, gab es an jedem Wahlsonntag nur eine Schlagzeile: Die Polarisierung nimmt zu, die Pole wachsen, die Mitte schrumpft. Jetzt ist das plötzlich fundamental anders. Die Mitte wurde nachhaltig gestärkt. Die Chance für eine Zusammenarbeit ist historisch. Je enger, desto besser. Das kann bis zu Fusionen gehen zu einer neuen Mitte-Partei mit eigenständiger, starker Identität. Mit einem klaren und einfachen Programm. Wir haben die Chance, ein tripolares Parteiensystem zu etablieren, mit der Mitte als stärkster Kraft. In den wirtschaftlich turbulenten Zeiten sind unheilige Allianzen, einseitige Rezepte und Kompromisslosigkeit der absolut falsche Weg.

Sie denken an eine Mitte-Partei?
Ich denke als Vision an eine neue Partei mit neuem Logo, die alle konstruktiven Kräfte unter einem Dach vereint. Das ist das schlagfertigste Gefäss. In der Realität kann es auch eine Fraktionsgemeinschaft sein, das zweitkräftigste Gefäss. Damit würde man die Mitte-Kräfte mindestens unter der Bundeshauskuppel bündeln und maximieren. Es könnte aber auch eine Holding sein. Es ist an der Zeit, über die Parteigärtchen hinauszudenken. Die Wähler haben den Mitte-Parteien einen historischen Auftrag gegeben: die soziale und ökologisch nachhaltige Marktwirtschaft wieder zu beleben. Dieses Programm überzeugt.

Was beinhaltet es?
Man ist finanzpolitisch solide. Man spricht von einem marktwirtschaftlichen und kapitalistischen System, das für die Menschen Wärme ausstrahlt. Von Manageretagen, die das Mass wieder finden. Von sicheren Sozialsystemen, bei denen der Schwächere nicht auf der Strecke bleibt. Von Familien, von der Energiewende. Dieser Themenmix ist bereits vorhanden, alle angesprochenen Parteien finden sich darin wieder.

Die CVP muss das C aufgeben?
Eine neue grosse Mitte-Partei wird auch einen neuen Namen haben. Und ich gehe nicht davon aus, dass er ein C enthält. Für eine übergeordnete Vision muss jeder Partner etwas geben. GLP und BDP müssen, beflügelt von den Wahlerfolgen, ebenfalls einen Teil ihrer Identitäten stiften. Die CVP das C. Letztlich erhält jeder Partner mehr zurück. Eine neue Partei kann mehr Wählerprozente auf sich vereinigen als jene der heutigen Kleinparteien zusammengerechnet. Eine neue Partei hätte Ausstrahlungskraft, sie könnte 30 Prozent erreichen, führend werden. Alle Umfragen zeigen, dass sich ein Drittel der Schweizer weder links noch rechts positioniert, sondern in der Mitte.

Die BDP taktiert aber, was in der CVP für Verärgerung sorgt.
Hans Grunder hat eine historische Verantwortung und eine historische Chance. Dessen muss er sich bewusst sein. Und er muss sich auch der Verantwortung gegenüber der eigenen Bundesrätin bewusst sein. Mich irritiert eines massiv: die Gespräche der BDP mit der FDP im Zusammenhang mit den Bundesratswahlen. Die BDP ist strategisch völlig falsch beraten, wenn sie die Nähe zur Blocher-Wählerin FDP sucht.

Eitelkeiten erschweren eine Fusion.
Die Präsidenten müssen im Sinne des übergeordneten Ganzen bereit sein, einen Schritt zurück zu machen. Damit etwas Neues, noch Stärkeres, noch Attraktiveres entsteht. Gesetzt sind dafür die beiden Bundesrätinnen Doris Leuthard und Eveline Widmer-Schlumpf.

Die CVP soll Widmer-Schlumpf wiederwählen?
Das ist die CVP ihr schuldig. Die CVP wählte sie vor vier Jahren in den Bundesrat, und sie macht ihren Job gut.

Und der zweite Sitz für die SVP?
Die CVP sollte ihr endlich die Verantwortung zubilligen, die sie einfordert.

Auf Kosten der FDP?
Als Ruth Metzler 2003 abgewählt wurde, hatte die CVP einen höheren Wähleranteil als die FDP heute.

Die CVP macht aber im Moment einen relativ ratlosen Eindruck.
Die Wahlen zeigten: Die CVP war mit dem liberal-sozialen Kurs richtig positioniert. Programmatisch gelang es uns aber nicht, Themen zu setzen. Nehmen wir den Atomausstieg. Doris Leuthard gab die Richtung vorbildlich vor, doch die Fraktion reagierte zu zögerlich. Und in die Sicherheit muss man mehr investieren. Aber nicht in Kampfflugzeuge, sondern in Polizisten. Wir müssen unsere Positionen in Sachen soziale Marktwirtschaft stärken, gegen die neoliberalen Dogmen von rechts und die Raffgier in den Teppichetagen antreten.

Grunder befürwortet ein KMU-Modell.
Die Zersplitterung der Mitte ist eine Verschleuderung der Ressourcen. Im Wahlkampf 2011 zeigte sich, welche Power die SVP auf sich vereinigen kann. Dem müssen wir aus der Mitte etwas entgegensetzen. Mit getrennten Budgets, ineffizienten Investitionen und Mini-Wahlkämpfen kommt man da nirgendwo hin. Wir brauchen vereinte Kräfte.

Wer soll die Führungsrolle übernehmen für eine solche Fusion?
Äussern die beiden Bundesrätinnen Leuthard in der CVP und Widmer-Schlumpf in der BDP einen Wunsch, wird er ihnen erfüllt. Und in der GLP hat Präsident Martin Bäumle die Autorität dazu. Ich hoffe, dass sie sich des historischen Zeitfensters bewusst werden.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!