So viel Zuspruch hat Christophe Darbellay noch selten erhalten. Von links bis rechts schliessen sich die Reihen hinter dem CVP-Präsidenten. Den Anfang machte am Freitag SP-Chef Christian Levrat mit seinem Tweet: «Darbellay hat recht: Hummler und Bruderer sind Verräter. Und ein Paar weitere Banker auch. Werden wir jetzt alle vor Gericht gezogen?» Damit löste er eine Solidarisierungswelle aus.

Die Parlamentarier schütteln den Kopf über die beiden Wegelin-Banker Konrad Hummler und Otto Bruderer, die je eine Zivilklage betreffend Persönlichkeitsschutz gegen Darbellay eingereicht haben. Weil er sie in der «Nordwestschweiz» als «Verräter» taxiert hatte, da diese in den USA zu Protokoll gaben, aktive Beihilfe zur Steuerhinterziehung sei ein «übliches Verhalten» auf dem Schweizer Bankenplatz gewesen. Auch die Zeitung wurde eingeklagt.

Die Darbellay-Verteidiger greifen zu ungewöhnlich harten Worten. «Es ist peinlich und beschämend, wenn Exponenten von Banken Mist bauen und dann wie beleidigte Leberwürste reagieren, wenn sie von der Politik kritisiert werden», sagt BDP-Präsident Martin Landolt, dem man als UBS-Mann keine Bankenfeindlichkeit unterstellen kann. «Die von Darbellay geäusserte Kritik war absolut berechtigt.» FDP-Fraktionschefin Gabi Huber (UR) doppelt nach: «Die Reaktion von Hummler ist sehr dünnhäutig, unangebracht und wird wohl auch juristisch kaum Erfolg haben.» Sie könne die Kernaussage Darbellays unterschreiben, wonach Hummler sich über Jahre als Besserwisser und Retter aufgespielt habe, dann vor den Amerikanern eine Kehrtwende mache und auch noch den ganzen Schweizer Finanzplatz in den Dreck ziehe. Der besserwisserische Ton des Bankiers scheint Spuren hinterlassen zu haben. «Wer jahrelang immer wieder an eine Wand pinkelt und dann feststellen muss, dass er selber zur Wand wurde, befindet sich in einer äusserst unangenehmen Lage», sagt FDP-Nationalrätin Doris Fiala (ZH). «Wer austeilt, muss auch einstecken können.»

FDP-Nationalrat Ruedi Noser (ZH) hält fest, dass er den Ärger von Darbellay verstehe. ‹Verräter› sei zwar das falsche Wort. «Aber im Kontext ist klar, was er sagen wollte. Diesen sprachlichen Fehler muss man einem Romand durchgehen lassen.» Auch FDP-Nationalrat Christian Lüscher (GE) zeigt kein Verständnis für Hummlers Vorgehen: «Es gibt Momente, in denen man besser einfach die Faust im Sack machen und schweigen sollte.»

Lüscher und sein Kanzleikollege Charles Poncet, der ehemalige liberale Nationalrat und Gaddafi-Verteidiger, haben Darbellay angeboten, ihn gratis zu verteidigen, wie der CVP-Chef gegenüber dem «Sonntag» festhält. «Das finde ich sehr grosszügig.» An die beiden ersten Termine vor den Friedensrichtern in Uitikon ZH und Teufen AR will Darbellay aber noch ohne Anwalt gehen. Wäre er Darbellay, würde er der Klage mit «grosser Gelassenheit» entgegenblicken, sagt auch der CVP-Ständerat Pirmin Bischof (SO). «Das bietet sogar die Gelegenheit, gewisse Verhaltensweisen der Bankiers Hummler und Bruderer vor dem Richter zu thematisieren.»

Auch die Linke stützt den CVP-Präsidenten, obwohl sie seit Jahren das behauptet, was Hummler und Bruderer in den USA zugaben: Dass ein Teil der Banken bewusst eine Schwarzgeldstrategie verfolgte. «Hummler hat zugegeben, dass Steuerhinterziehungen bei Schweizer Banken üblich gewesen seien», sagt Grünen Co-Präsidentin Regula Rytz (BE) und sieht darin ein gutes Argument für eine griffige Weissgeldstrategie. Dennoch hält sie fest: «Die Klage wegen des Begriffs Verräter finde ich sehr ungeschickt. Politische Auseinandersetzungen sollten auch politisch geführt werden.» Das Wort ‹Verräter› sei sehr hart, aber die Bankiers müssten verstehen, dass viele Schweizer an diesen Begriff gedacht hätten, ergänzt Grünen-Co-Präsidentin Adèle Thorens (VD). «Die Schweizer waren während Jahrzehnten stolz auf ihre Banken.» Enttäuschung und Wut seien deshalb umso grösser. Auch der Banken-Gewerkschafter schlägt sich auf Darbellays Seite. «Diese Menschen sind Kriminelle, die den Ruf des ganzen Bankenplatzes und damit aller Bankenmitarbeiter schlecht machen», sagt SP-Nationalrat Jean Christophe Schwaab (VD), der die Westschweizer Sektion des Bankpersonalverbands präsidiert.

Als einziger der angefragten Politiker greift SVP-Nationalrat Pirmin Schwander (SZ) Darbellay frontal an: «Seine Äusserung ist fehl am Platz. Wir Politiker müssen zuerst die eigenen Fehler suchen. Und wir haben 2008 den grössten Bock gebaut: Wir haben es nicht geschafft, die UBS hopsgehen zu lassen. Dann hätte wir heute weder einen Fall Wegelin noch einen weiteren Steuerstreit mit den USA.» Es gibt auch Politiker, die sich nicht äussern wollen. Zu ihnen gehört etwa FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter (SG). Das erstaunt nicht: Schliesslich sitzt sie mit Hummler gemeinsam im Verwaltungsrat der NZZ.

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