VON CHRISTOF MOSER UND FLORENCE VUICHARD

Bis zum 31.März müssen alle AKWBetreiber dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) Fragen zur Sicherheit beantworten, die sich aus der Katastrophe in Japan ergeben haben. Die Fragen münden in höheren Sicherheitsanforderungen bei schweren Erdbeben und Hochwasser.

Erstmals macht jetzt die Atom-Aufsichtsbehörde klar, dass AKWs vom Netz genommen werden, die auf diese Fragen keine befriedigenden Antworten haben. «Wenn ein Werk nicht beweisen kann, dass Erdbeben und Hochwasser bewältigt werden können, wird es abgeschaltet – am 1. April oder in den darauf folgenden Tagen», sagt Ensi-Geschäftsleitungsmitglied Georges Piller zum «Sonntag».

Grundlage für die Neubeurteilung der Risiken ist das Forschungsprojekt «Pegasus», das das Erdbebenrisiko für die fünf Schweizer AKWs höher einschätzt als bisher angenommen. Bislang ging man davon aus, dass Erdbeben 20 Prozent des Risikoprofils eines AKW ausmachen – heute sind es 80 bis 85 Prozent. Das Desaster von Japan ist in diese Neubeurteilung noch nicht eingeflossen.

In den Fokus gerät damit vor allem Mühleberg. Ende 2010 hat das BKW-Werk beim Ensi einen Bericht abgegeben, der zeigen soll, dass der Meiler auf das erhöhte Erdbebenrisiko vorbereitet ist. Die Prüfung des Berichts ist im Gang – und jetzt kommen aufgrund von Fukushima bereits neue Fragen auf das Werk zu. Entsprechend gross ist die Nervosität bei den Mühleberg-Verantwortlichen.

Als «10 vor 10» am Mittwoch mutmasste, es könnte eng werden für Mühleberg, und sich dabei auf schwammig gehaltene Aussagen von Ensi-Direktor Hans Wanner berief, korrigierte BKW-Chef Kurt Rohrbach diesen in einer morgens um vier Uhr verfassten Mitteilung umgehend: «Mühleberg nicht im Fokus – Ensi-Chef distanziert sich», lautete der Titel.

Das Vorgehen sorgte auch bei den Behörden für Stirnrunzeln, zumal die BKW am Donnerstag an der Bilanz-Medienkonferenz eine Sicherheitsshow aufführte, die von der für das AKW zuständigen Berner Regierungsrätin Barbara Egger-Jenzer als «nicht sehr geschickt» abqualifiziert wird.

Erschwerend kommen für Mühleberg zwei weitere Faktoren hinzu. Erstens hat sich seit der Katastrophe von Fukushima die Beweislast geändert: «In Zukunft wird ein AKW im Zweifelsfall wohl eher abgeschaltet, wenn die Sicherheit nicht erwiesen ist», sagt CVP-Nationalrat und Gösgen-Verwaltungsrat Pirmin Bischof.

Zweitens wäre der Strombranche ein Sündenbock gerade recht, um davon abzulenken, dass derzeit kein AKW auf das höhere Erdbebenrisiko vorbereitet ist, wie auch Ensi-Direktor Wanner betont: «Bei allen Werken sind grosse Fragen offen.» Hinter vorgehaltener Hand kritisieren Vertreter von anderen Stromkonzernen deshalb offensiv die «mangelnde Sicherheitskultur» und «fehlende Transparenz» im AKW Mühleberg.

Laut BKW-Präsident Urs Gasche gibt es keine «objektiven Gründe, die gegen Mühleberg und auch nicht gegen andere KKW sprechen». Er glaubt, dass Mühleberg aus zwei Gründen in den Fokus gerät: weil die Opposition in Bern sehr aktiv sei und aus «opportunistischen Überlegungen» der Konkurrenz. Und er zeigt sich besorgt, dass die Behörden an Mühleberg ihre Glaubwürdigkeit beweisen wollen: «Es kann schon sein, dass wir zum Bauernopfer gemacht werden sollen», so Gasche.

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage: Sollte das AKW Mühleberg sofort abgestellt werden?

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