VON ESTHER GIRSBERGER, PATRIK MÜLLER (INTERVIEW),
WYTTENBACH/EX-PRESS UND RAPHAEL HÜNERFAUTH (BILDER)

Herr Bundesrat, Sie werfen den Medien vor, sie würden mit den Mächtigen kuscheln. Sind die Medien auch zu Ihnen persönlich zu wenig kritisch?
Ueli Maurer: Ganz klar. Die Medien sind unkritisch gegenüber der Regierung, aber auch gegenüber anderen Mächtigen – etwa Migros und Coop. Gut, die schalten Inserate. Ich bin jetzt bald neun Monate im Amt und wurde noch nie wirklich kritisiert. Kritik hilft immer, sich zu verbessern. Mir fehlt das jetzt etwas, aus meiner Zeit als SVP-Präsident bin ich mir anderes gewohnt. Aber ich hoffe, Sie werden das nachholen.


Haben Sie die Rede hier am Verlegerkongress selber geschrieben?
Wir haben sie miteinander besprochen, ich habe sie dreimal korrigiert. Es sind nicht alle Formulierungen von mir, aber die Rede enthält das, was ich meine und denke. Ich habe die Rolle der Medien in unserer direkten Demokratie beleuchtet.


Sie sagten: «Es ist die tiefe Überzeugung eines Demokraten, dass sich die beste und vernünftigste Ansicht durchsetzt.» Behaupten Sie im Ernst, dass dies hierzulande nicht der Fall ist? Die SVP hat sich doch durchgesetzt, sie wurde zur stärksten Partei und Sie zum Bundesrat!
Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass sich die Medien während Jahren auf die SVP eingeschossen haben. Niemand wurde so kritisiert wie wir. Und wer kritisiert wird, muss sich der Öffentlichkeit stellen und nimmt am Ideenwettbewerb teil. Nehmen Sie die FDP: Sie wurde in all den Jahren immer pfleglich behandelt, erst in den letzten zwei, drei Jahren gab es auch Kritik. Und was ist aus dieser Partei geworden? Das bestätigt meine These: Dort, wo die Kurtisanen flüstern, da schläft man ein – auch als Partei.


In den letzten Jahren hat sich das Verhältnis der Medien zur SVP entkrampft.
Sehen Sie, und prompt geht die SVP in den Umfragen zurück! (Publikum lacht und applaudiert.)


Wenn Sie die Journalisten als Kurtisanen bezeichnen, Herr Bundesrat, warum lassen Sie sich dann in der «Schweizer Illustrierten» im Velodress abbilden, auf dem Boden sitzend beim Aktenstudium? Sie machen dieses Spiel ja auch mit!
Ich habe mich darüber auch geärgert, weil ich gesagt hatte: Aus der Wohnung gibt es keine Fotos. Da sieht man wieder, wie gearbeitet wird. Aber grundsätzlich geht es hier um einen Kompromiss: Seit zehn Jahren versucht die «Schweizer Illustrierte», meine Familie ins Blatt zu bringen. Dann opfere ich mich ab und zu für Geschichten, um die Familie zu schützen. Wahrscheinlich bin ich zu lieb mit den Medien. Ich denke, die müssen ja auch etwas bringen. Aber das ist jetzt wieder für einige Jahre erledigt.


Sie sagten, die Medien pfuschen, schweigen tot, manipulieren. Einen solchen Angriff auf die Medien gab es noch kaum je von einem Bundesrat. Stecken persönliche Verletzungen dahinter?
Nein, ich habe keine persönlichen Aversionen. Aber Sie wissen doch, wie man Titel macht, was in ein Kästchen kommt, welches Bild man wählt.


Nennen Sie bitte Beispiele, wo gepfuscht oder manipuliert wurde.
Ich gab einer Zeitung vor einem Monat ein Interview, das anders herauskam, als wir es besprochen hatten.


Aber Sie haben das Interview gegenlesen können?
Ja, einer meiner Mitarbeiter hat es gelesen. Doch was man ja nicht gegenlesen kann, sind der Titel, der Anriss auf der Frontseite, das Kioskplakat. Wenn ich diese Dinge mit dem Interview vergleiche, ist für mich die Grenze der Redlichkeit überschritten. Es wurde etwas aus dem Zusammenhang gerissen und emporstilisiert. Jetzt brauche ich etwa ein halbes Jahr, um zu sagen, dass ich keine kleinere Armee will, sondern eine stärkere.


Weiter behaupten Sie, die Medien würden wichtige Nachrichten totschweigen. Auch hier: Beispiele, bitte!
Zurzeit verfolge ich die Medien zu wenig genau, aber in meiner Zeit als SVP-Präsident machte ich die Erfahrung, dass nicht berichtet wurde über wichtige Pressekonferenzen, an denen etwa Papiere vorgestellt wurden, an denen wir monatelang gearbeitet haben.
Ist es nicht eher so, dass jeder SVP-Pieps in den Medien gross kommt?
Ich erinnere mich an ein Positionspapier zur Energiepolitik, zu dem die Presse keine Zeile brachte. Umgekehrt werden personelle Streitigkeiten aufgebauscht, und es kommen 50 Journalisten, die giggerig und geil auf irgendeinen Satz warten. So vermittelten die Medien das Bild einer Partei, die nur streitet, aber nichts liefert. Das ist nicht objektiv.


Werden auch jetzt, wo Sie Bundesrat sind, Themen aus dem VBS totgeschwiegen?
Ich staune manchmal, worüber viel und worüber kaum je berichtet wird. Wir haben auf unserer Homepage eine Liste mit 30 Mängeln der Armee aufgeschaltet. Schauen Sie diese mal durch, wir haben das alles offengelegt. Da verstecken sich 30 Skandalgeschichten drin, aber dieser Hintergrund interessiert offenbar nicht.

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