VON OTHMAR VON MATT

Herr Regierungspräsident, beim Stichwort «Basel und Bundesrat» lachen Sie. Weshalb?
Guy Morin: Weil die Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft seit 1848 nur drei Bundesräte hatten. Emil Frey 1890, Ernst Brenner 1897 und Hans-Peter Tschudi 1959. In derselben Zeit hatten beispielsweise Kantone wie Neuenburg neun Bundesräte, Tessin sieben und Solothurn sechs.

Da stimmt etwas nicht?
Wir haben auch das Gefühl, dass die Region Basel von der Bundesversammlung nicht im gleichen Mass berücksichtigt wird wie andere Regionen.

Weshalb? Basel ist zweit- oder drittwichtigste Stadt der Schweiz.
Wir sprechen von der zweitwichtigsten. Wir sind der zweitgrösste Wirtschaftsstandort, ein Drittel der Schweizer Exporte wird in unserer Region produziert. Die Hälfte der Importe gelangt über unsere Region in die Schweiz. Mit unseren Museen, Theatern und Orchestern können wir uns auch in der Kultur sehr behaupten.

Vom Fussball wollen wir gar nicht erst sprechen.
(Lacht) Wahrscheinlich spielt der Fussball bei diesem Entscheid keine entscheidende Rolle. Wir sind tatsächlich Fussballhauptstadt.

Also: Weshalb kommt Basel so schlecht weg?
Die Region Basel hat in der Bundesversammlung wenig Stimmkraft, nimmt man die Anzahl National- und Ständeräte. Die Ost-WestAchse zwischen Genf, Bern, Mittelland, Zürich und Graubünden hat ein viel stärkeres Gewicht, genauso wie die ländliche Schweiz. Eine urbane Region, die auf der anderen Seite des Juras liegt, hat vielleicht weniger Chancen.

Tut Basel zu wenig?
Vielleicht traten wir in der Tat nicht selbstbewusst genug auf. Einige versuchten es. Am Nächsten ans Amt kam in letzter Zeit Hans-Rudolf Nebiker. Ihm wurde aber Adolf Ogi vorgezogen. Paul Wyss und Andreas Gerwig scheiterten bereits in der Fraktion.

Sie sind gut informiert.
Ein Basler Bundesrat ist in der Region ein Thema.

In Ihrer Regierung auch?
Wir fänden es ganz toll. Es ist zwar nicht die Aufgabe eines Bundesrates, eine Region zu vertreten. Mit einem Basler Bundesrat würde aber das Interesse der Bundesverwaltung für diese Region zunehmen. Es geht auch um die urbane Schweiz. Moritz Leuenberger vertrat sie sehr klar. Die Metropolitan-Regionen Genf, Zürich und Basel sind insgesamt untervertreten. Darum geht es diesmal. Es gibt diese Vakanz bei der SP und Eva Herzog überlegt sich eine Kandidatur.

Haben Sie mit ihr darüber gesprochen?
Natürlich. Aber sie sagt uns nichts anderes als den Medien. Wir haben den Eindruck, dass sie breit gestützt wird. Das konnte man in den lokalen Medien lesen. Frau Herzog hatte das beste Wahlresultat bei den Erneuerungswahlen 2004. Sie ist eine toughe Finanzdirektorin, hat ihre Rechnung im Lot. Natürlich auch wegen unserer guten Wirtschaft wie Novartis, Roche und anderen.

Tough kann ein Nachteil sein. Die heutigen Bundesräte seien zu wenig teamfähig, heisst es. Ist Eva Herzog das?
Als Finanzdirektorin redet sie natürlich in allen Geschäften mit. Sie muss die Sicht des Staatshaushaltes einbringen, macht das sehr konsequent, ist aber eine Teamplayerin. Sie trägt alles mit, auch wenn wir sie überstimmen, was selten vorkommt. Sie ist eine prägende Kraft im Kollegium.

Auch SP-Ständerat Claude Janiak gilt als Anwärter. Spielt es für Sie eine Rolle, ob es ein BS- oder BL-Bundesrat wird?
Nein. Claude Janiak und Eva Herzog vertreten die urbane Bevölkerung gleich gut.

Mit dem Rücktritt von Hans-Rudolf Merz rückt ein weiterer Baselbieter ins Rampenlicht: Caspar Baader, der als SVP-Kandidat antreten soll. Wie sehen Sie seine Kandidatur?
Die regionalpolitischen Überlegungen für einen Bundesrat aus der Region Basel gelten für alle möglichen Kandidaturen aus BS oder BL.

Sehen Sie auch einen möglichen Basler FDP-Kandidaten?
Es ist nicht die Aufgabe einer Regierung, potenzielle Bundesratskandidatinnen oder -kandidaten zu nennen.

Verbessert ein Bundesratssitz die Integration Basels in die Schweiz?
Mit Bestimmtheit. Er würde auch das Selbstbewusstsein der Region stärken. Wir müssen in Zukunft sowieso sehr viel selbstbewusster auftreten. Die Mittel für Infrastrukturen etwa werden in Bundesbern verteilt und wir haben wichtige Infrastrukturprojekte wie den Jura-Durchstich, die Regio-S-Bahn und den Schienenanschluss des Euro-Airports. Der Standortwettbewerb verschärft sich, weil die Mittel enger werden. Die neue Funktion des Regierungspräsidenten, der auf vier Jahre gewählt ist, soll genau das aufnehmen. Es steht sogar in der Verfassung, dass ich den Kanton nach aussen repräsentieren soll.

Ist es ein Problem, dass die «Basler Zeitung» keine nationale Stimme mehr ist?
Wir haben uns sehr stark für den Fernseh- und Radiostandort Basel eingesetzt, damit mindestens die Kultur- und Wissenschaftsredaktion von SF in Basel bleibt. Die Medien spielen ganz sicher eine Rolle. Die «Basler Zeitung» nimmt einen neuen Anlauf und hat den Anspruch, national eine gewisse Bedeutung zu erlangen. Wir unterstützen die «Basler Zeitung» dabei.

Zürichs zweiter Bundesratssitz ist umstritten. Das dürfe nicht zum Automatismus werden, heisst es hinter vorgehaltener Hand.
Ich fände es schön, wenn jede der drei Metropolitanregionen eine Stimme im Bundesrat hätte. Zwei Zürcher, eine Genferin und kein Basler wäre ein klares Missverhältnis.

Unternimmt die Basler Regierung noch etwas?
Es hat wohl noch keine Regierung Druck auf die entsprechende Fraktion oder auf die Bundesversammlung ausgeübt. Dass ich dieses Interview gebe, ist aber kein Zufall. Ich habe es im Kollegium abgestimmt.

Glauben Sie, dass Eva Herzog antritt?
Ich weiss, dass sie sich eine Kandidatur sehr ernsthaft überlegt.

Sie haben bestimmt ein Gefühl.
Da möchte ich nichts sagen. Sie muss das in aller Ruhe überlegen können. Es ist aber auch ein Zeichen, dass sie mit diesem Interview einverstanden ist.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!