Es war auch der Frust, der aus Toni Brunner sprach. Zum ersten Mal äusserte sich der SVP-Präsident diese Woche zu den Vorgängen rund um die NZZ. «An den Reaktionen hat man gesehen, dass es Kreise gibt, die eine Annäherung zwischen SVP und FDP verhindern wollen», sagte Brunner Anfang Woche vor Journalisten in Bern – und verwies dabei explizit auf Listenverbindungen zwischen den Parteien.

Der gescheiterte Versuch des NZZ-Verwaltungsrats, Markus Somm zum Chefredaktor der Traditionszeitung zu berufen, sorgt für Spannungen im bürgerlichen Lager. Redaktion und Teile des Zürcher Freisinns halten den heutigen Chefredaktor der «Basler Zeitung» für zu SVP-nah. Sie äusserten laute Befürchtungen über eine Annäherung der traditionell freisinnig geprägten NZZ an die Partei Christoph Blochers.

Tatsache ist, dass Brunners vor einem Jahr lanciertes Angebot an die FDP, in den Nationalratswahlen 2015 landesweite Listenverbindungen mit der SVP einzugehen, ungenutzt verstreichen dürfte. Nachdem es vergangenen Sommer noch ausgesehen hatte, als könnte es in zehn Kantonen zu einer solchen Allianz kommen, ist die Lage zu Beginn des Wahljahres eine andere.

Gemäss Recherchen will heute in der Westschweiz keine einzige freisinnige Kantonalpartei eine Listenverbindung mit der SVP eingehen, und in der Deutschschweiz sind die Vorbehalte ebenfalls deutlich gewachsen. Begründet wird dies nicht nur rechnerisch (meist profitiert von Listenverbindungen die grössere Partei), sondern zunehmend auch mit verschiedenen Volksinitiativen der SVP, in denen man im Freisinn einen Beleg für eine «Radikalisierung» der SVP sieht.

Dabei wäre die SVP-Spitze zu weitgehenden Zugeständnissen an die FDP bereit gewesen, wie Toni Brunner am Dienstag auf Nachfrage durchblicken liess. Wären flächendeckende Listenverbindungen zustande gekommen, hätte sich die SVP demnach bereit erklärt, in kleineren Kantonen mit wenig Parlamentsmandaten auf eigene Kandidaten zu verzichten. Doch daraus wird nun nichts.

Nicht überrascht ist darüber der frühere FDP-Präsident Franz Steinegger. Die Kantonalparteien müssten selber wissen, welche Allianzen sie eingehen wollen, sagt er. Für ihn sei klar: «Man darf sich nicht von der SVP vereinnahmen lassen. Nach den Initiativen der SVP, die faktisch den Bilateralismus infrage stellen, ist die Bereitschaft zur Kooperation an der freisinnigen Basis sicher gesunken. Der Wille zu Listenverbindungen ist dort kleiner als in den Leitungsgremien der Partei.» Da nütze es auch nichts, wenn Kantonalpräsidenten ständig betonten, dass Listenverbindungen eine rein arithmetische Frage seien.

Steinegger weiss, wovon er spricht. Gegen Ende seiner langen Amtszeit an der Spitze des Freisinns, im Wahljahr 1999, ging die FDP in vielen Kantonen Listenverbindungen mit der SVP ein. Gleichzeitig distanzierte sich Steinegger während Monaten laut und regelmässig von Blocher. «Die Methoden der SVP haben eindeutig einen totalitären Anstrich bekommen», sagte er nach der Ankündigung einer Initiative, mit der die SVP forderte, Bundesrat und Parlament bei der Behandlung von Volksbegehren auszuschalten. Das Bild, das die FDP so gegen aussen hinterliess, war widersprüchlich.

Zumindest dieses Problem wird der heutige FDP-Präsident Philipp Müller (er wollte sich sich gegenüber der «Schweiz am Sonntag» nicht äussern) in diesem Wahljahr nicht haben. Als realistische Option verbleiben Listenverbindungen nur noch in einzelnen Kantonen wie Schaffhausen, wo FDP und SVP seit Jahrzehnten eng zusammenspannen – auch in Wahlen.

Typischer für die Einschätzung in vielen anderen Kantonen ist dagegen die Äusserung des Zuger FDP-Ständerats Joachim Eder. «In Zug wäre ein Zusammengehen mit der SVP undenkbar», sagte er kürzlich an einer FDP-Veranstaltung in Solothurn. «Bei uns politisiert die CVP noch sehr bürgerlich, weswegen wir vernünftigerweise mit ihr am ehesten Kooperationen eingehen.»

Spuren hinterlassen hat in Zürich der Machtkampf um die NZZ zwar nicht an der Spitze der kantonalen FDP, wie Parteipräsident Beat Walti sagt, «aber es ist gut möglich, dass die Basis dadurch hellhörig wurde». An seiner Beurteilung vom vergangenen Sommer habe sich nichts geändert: Bei Listenverbindungen gehe es «auch, aber nicht nur um Arithmetik». Deshalb sei er skeptisch. Er verweist darauf, dass die Zürcher FDP 2011 einen zwölfjährigen Niedergang stoppte, indem sie erstmals wieder alle Mandate verteidigte – ohne Allianz mit der SVP. «Die Übungsanlage», sagt Walti, «hat sich also bewährt.»

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