Nach Zürich ist die Beunruhigung gross in den nationalen Zentralen von Grünen und SP. Nachdenklich macht die Linke vor allem, dass sie bei den Zürcher Wahlen als Gesamtpaket verloren hat. Zwar hat die SP (+0,4 Prozent) leicht gewonnen. Doch die Grünen (–3,4 Prozent) verloren massiv. Gemeinsam büssten SP und Grüne gegenüber 2011 3 Prozent ein. Selbst wenn man die Gewinne der national bedeutungslosen Alternativen Liste (AL, +1,4 Prozent) hinzurechnet, liegt das linke Lager um 1,6 Prozent hinter dem Ergebnis von 2011.

«Wir sind beunruhigt, weil das linke Lager insgesamt verlor», sagt Regula Rytz, grüne Co-Präsidentin. Das lasse sich «nicht wegdiskutieren», findet auch SP-Fraktionschef Andy Tschümperlin.

Die Linke ist sich nicht gewohnt, dass sie insgesamt geschwächt wird. Eine Analyse zeigt, dass SP und Grüne seit 1999 gemeinsam bisher nur zweimal Wählerstimmen einbüssten: 1999 (–2,4 Prozent) und 2007 (–4,5 Prozent). In beiden Fällen verlor die Linke dann auch bei den Nationalratswahlen Anteile: 1999 –0,5 Prozent und 2007 –2,0 Prozent.

Im Normalfall wiegen Gewinne der einen linken Partei Verluste der anderen auf. Diesmal allerdings nicht. Und das macht die Linke nervös. Umso mehr, als auch die Grünliberalen (–2,6 Prozent) zu den Verlierern gehören. Zwar gilt die GLP als Mitte-Partei. Doch die GLP ist unabdingbar beim zentralen Anliegen von Mitte-Links, der Energiewende.

Nach ersten Analysen ist man bei SP und Grünen übereinstimmend zum Schluss gekommen, dass nun auch die Linke einen breit angelegten Pakt nach Vorbild des bürgerlichen Schulterschlusses von SVP, FDP und CVP benötigt. Seit den Zürcher Wahlen gebe es «eine neue Ausgangslage», sagt Tschümperlin. Mit dem bürgerlichen Zusammenschluss habe sich das eine Lager formiert. Dieses Zusammengehen sei mit der Wahl von CVP-Kantonsrätin Silvia Steiner in den Regierungsrat erfolgreich gewesen. «Das zweite Lager, die offene und solidarische Schweiz, ist nun sehr stark gefordert, ebenfalls eine Koalition zu bilden», sagt Tschümperlin und betont: «Wir führen intensive Gespräche mit den Grünen und anderen Parteien.» Ähnliches sagt auch Regula Rytz. «Unsere Hauptpartnerin ist die SP», betont sie im Hinblick auf mögliche Listenverbindungen. «Aber es laufen auch Gespräche mit GLP und anderen Parteien für eine breite Koalition gegen den drohenden Rechtsrutsch.»

Damit deutet alles darauf hin, dass es bei den Nationalratswahlen auf einen Lagerwahlkampf zwischen Mitte-Links und Mitte-Rechts hinausläuft. «Die Politik verblockt sich», sagt Rytz. Recherchen zeigen, dass es bereits konkrete Avancen gibt von Links in Richtung GLP. Erstmals bemüht sich SP-Präsident Christian Levrat persönlich um eine engere Anbindung. Er hat GLP-Präsident Martin Bäumle telefonisch ein Gesprächsangebot unterbreitet. Bäumle bestätigt das und sagt: «Das nehme ich natürlich wahr, nicht mehr und nicht weniger.» Levrat geht es um Listenverbindungen. Und Bäumle hält fest, er führe hier «Gespräche in alle Richtungen».

Die beiden Blöcke kämpfen nun um Mehrheiten im Parlament und im Bundesrat. Dabei geht es um die Ausrichtung in der Energiepolitik, der Verkehrspolitik, der Raumplanung und der Altersvorsorge. Die FDP befürworte eine bürgerliche Mehrheit, sagt Präsident Philipp Müller. «Auf dem Papier gibt es sie seit 2011. Es wird Zeit, dass es eine echte bürgerliche Politik gibt.»

Für Müller ist klar, wo es bisher klemmte, wenn es um bürgerliche Politik ging: «Die CVP ist entscheidend.» Das sieht man auch bei den Grünen so. «Die grosse Frage ist: Wo ordnet sich die CVP ein?», sagt Co-Präsidentin Rytz. «Sie ist in der aktuellen Blockbildung die Schlüsselpartei.» Die Position von Christophe Darbellay sei derzeit aber «rätselhaft wie die Sphinx». Und in Zürich habe sich «die CVP von der SVP gerade eine Regierungsrätin kaufen lassen», sagt Rytz. BDP-Nationalrat Hans Grunder glaubt gar, Darbellay habe «seine Seele verkauft». Weil die CVP wie FDP und SVP für 2017 eine Abstimmung zur Energiewende will. Dafür brauche es ein Referendum. Grunders Folgerung: «Darbellay muss mithelfen, das Referendum zu ergreifen.»

Darbellay selbst nimmt die Anwürfe gelassen. Wer solche Kritik übe wegen der Abstimmung zur Energiewende, sei «ein Angsthase». Darbellay: «Ein gutes Projekt soll man vors Volk bringen.» In einem Punkt wird Darbellay aber glasklar. «Der bürgerliche Schulterschluss kam für uns zum richtigen Zeitpunkt und war für die Positionierung der Partei in wirtschafts-, finanz- und sicherheitspolitischen Fragen wichtig», sagt er. «Diese war offenbar nicht so klar.» Um gleich hinzuzufügen: «Doch wir bleiben eine Mitte-Partei. Unsere Partner sind primär BDP, EVP und GLP.»

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