In den Schweizer Städten wächst die Zahl der Schulklassen, in denen fremdsprachige Kinder die Mehrheit bilden. Im Kleinbasler Schulhaus Horburg etwa beträgt der Anteil an deutschsprachigen Primarschülern aktuell noch 11 Prozent. In 220 von 500 Primar- und Sekundarschulklassen des Kantons Zürich machen die Kinder mit deutscher Erstsprache weniger als ein Drittel aus. Ähnlich ist die Situation in Biel und Bern. In vielen Klassen sitzt kein einziges Kind mehr, das zu Hause Deutsch spricht.

Wovor die SVP schon lange warnte, wird nun zum Thema bei linken Bildungspolitikern. In Basel sorgte diese Woche ein Vorstoss der SP-Grossrätin Sibylle Benz Hübner für Aufsehen. Er wird von Parlamentariern der Grünen, CVP, FDP und SVP unterstützt und verlangt, dass in den Basler Schulklassen jedes dritte Kind schweizerdeutscher Muttersprache sein soll. «Gute Bildungschancen und Integration funktionieren über Sprache», sagt Benz Hübner. «Kinder sollen sprechen können wie ihr Lebensumfeld – und das ist Schweizerdeutsch.»

Auf grosses Interesse stösst die Idee auch in anderen Städten. Der Zürcher SP-Kantonsrat Markus Späth, Mitglied der Bildungskommission, will die Quote auch im Kanton Zürich prüfen lassen. In vielen Landgemeinden sei die soziale Durchmischung der Schulklassen zwar ideal. «In manchen Quartieren von Zürich und Winterthur droht hingegen eine sprachliche Gettobildung.»

Erreicht werden könnte eine bessere Durchmischung nach Vorstellungen der Quotenbefürworter durch eine flexiblere Verteilung der Schüler auf die Quartiere. Dabei nehmen sie auch längere Schulwege in Schulhäuser ausserhalb des Wohnquartiers in Kauf. «In den Städten könnte man vom hervorragenden öffentlichen Verkehr profitieren, um eine bessere Durchmischung zu erzielen», sagt der Zürcher Bildungspolitiker Späth. Und die Baslerin Benz Hübner weist darauf hin, dass die Schulhausdichte heute hoch sei. «Der Schulweg sollte aber wenn immer möglich zu Fuss begehbar sein. Deshalb braucht es verkehrsberuhigte Strassen.»

Erfahrungen aus den USA zeigen, dass der Widerstand der Eltern gegenüber Quoten gross ist. In den 1950er-Jahren begann in amerikanischen Städten das «busing», die Schulbus-Programme, mit denen weisse Kinder an schwarze Schulen geschickt wurden. Viele Schulen nehmen noch heute eine Zwangszuteilung vor, gestützt auf das Einkommen der Eltern.

In der Wissenschaft ist der Einfluss der Zusammensetzung von Schulklassen auf die Lernqualität vielfach untersucht worden. Urs Moser, Bildungsforscher an der Universität Zürich, hält denn eine Mindestquote auch für sinnvoll: «Bereits ein Anteil von einem Drittel kann einen positiven Effekt haben.»

Gut belegt ist, dass die Lernerwartungen in einer Schule sinken, wenn der Anteil an sozial schwachen Schülern ein bestimmtes Mass überschreitet. «Unter dem Aspekt der Chancengleichheit ist das problematisch», sagt Moser. So beobachte man, dass in Klassen mit vielen sozial schwachen Schülern oft mildere Notenmassstäbe gelten würden. «Damit ist den Kindern aber auch nicht gedient.»

Auch in der Stadt Bern gibt es Klassen mit hohen Ausländeranteilen. «Durchmischung in Schulen ist für die Integration und die Entwicklung der Kinder wichtig», sagt Roland Näf, Berner SP-Kantonalpräsident und Co-Schulleiter an einer Volksschule. Die Lösung sieht er weniger in der Umteilung von Schülern, sondern in der Wohnbaupolitik: «Gibt es in einem Quartier für alle sozialen Schichten attraktive Wohnungen, kann eine Gettoisierung verhindert werden.»

Benz Hübner sieht im Wohnbau ebenfalls «das wichtigste Instrument» für sozial durchmischte Quartiere. Doch die Zeit dränge: «Wir können nicht 20 Jahre warten, bis die Wohnbaupoli-
tik greift, sondern müssen schon jetzt aktiv werden.»

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