Für einmal gibt es gute Nachrichten für die Strombarone: Energieministerin Doris Leuthard will ihnen mehr Rendite zugestehen und dazu die Formel für den garantierten Kapitalzinssatz für Stromnetze anpassen, kurz WACC («weigthed average cost of capital») genannt. Das bestätigt Walter Steinmann, Chef des Bundesamtes für Energie (BFE), dem «Sonntag». Die entsprechende Revision der Stromversorgungs-Verordnung (StromVV), die derzeit in Vorbereitung ist, soll per Anfang 2013 in Kraft treten und ab 2014 wirksam werden.

Was nach einer kleinen technischen Änderung klingt, hat für die Konsumenten jährlich Kostenfolgen in Millionenhöhe. Denn sie sind es, welche die höhere Rendite der Stromkonzerne über ihre Stromrechnung bezahlen. Der heute festgesetzte Zinssatz für 2013 beträgt 3,83 Prozent. Nach neuer Berechnungsmethode würde er um 0,8 Prozentpunkte höher liegen, wie aus der Zeitschrift «Bulletin» des Stromwirtschaftsverbandes VSE zu entnehmen ist.

Gemessen am Restwert des Stromnetzes von 19 Milliarden Franken wären dies gut 150 Millionen, die 2013 zusätzlich in die Kassen der Stromkonzerne fliessen würden. Zudem dürfte das investierte Kapital mit dem Umbau weiter zunehmen, und damit auch der Gewinn. Über die Berechnung des WACC wird schon seit einigen Jahren gestritten. Bis anhin lehnte der Bundesrat eine Erhöhung ab. Angesichts der steigenden Strompreise im Nachgang zur partiellen Strommarktliberalisierung war es politisch nicht opportun, die Konsumenten zusätzlich zu belasten.

Doch jetzt, im Zug der Energiewende, hat der Wind gekehrt. Die Politik ist darauf angewiesen, dass die Stromkonzerne ins Stromnetz investieren. Und so belohnt der Bund nicht nur Neuinvestitionen mit dem höheren Zinssatz. Dieser solle auch für das bereits investierte Kapital gelten. Der Gewerbeverband (SGV) meldet denn auch bereits Widerstand an: «Eine pauschale Erhöhung des Zinssatzes kommt für uns nicht infrage», sagt SGV-Energiespezialist Henrique Schneider. «Keine andere Branche hat heute eine garantierte Gewinnrendite von 3,8 Prozent.» Es sei naiv zu glauben, dass die Stromkonzerne den zusätzlichen Gewinn integral in neue, intelligentere Stromnetze investierten. «Mehr Gewinn bedeutet nicht automatisch mehr Investitionen. Die Aktionäre von Elektrizitätsunternehmen sind oft Gemeinde oder Kantone. Die wollen nicht auf ihre Dividende verzichten.»

Die Erhöhung des Kapitalzinssatzes ist nicht das einzige Zückerchen, das der Bund den Stromkonzernen zugesteht, um sie für die Energiewende zu gewinnen. So soll auch eine Bestimmung gestrichen werden, welche die Elektrizitätswerke zwingt, den Kunden den Strom zu Marktpreisen zu verkaufen, wenn diese tiefer sind als die Gestehungskosten der Werke. Derzeit würden die Stromversorger grosse Verluste einfahren, müssten sie sich an diese Bestimmung halten.

Die Regulierungsbehörde ElCom hat im Mai signalisiert, dass sie diesen Passus in Artikel 4 der Verordnung nicht mehr umsetzen wird. Nun will der Bund die Verordnung anpassen: «Es laufen derzeit Bestrebungen, dies im Rahmen der Revision StromVV gemäss der neuen ElCom-Weisung anzupassen», sagt BFE-Sprecher Matthieu Buchs.



Walter Steinmann, Direktor des Bundesamts für Energie, verteidigt die Energie-Reformen

Herr Steinmann, Sie wollen den Energiekonsum bis 2035 um 35 Prozent pro Kopf senken. Dürfen wir künftig nur noch bei Kerzenlicht lesen?
Walter Steinmann: Sicher nicht! Wir benötigen heute 45 Prozent der Energie für die Produktion von Wärme. Wenn wir mehr Nullenergiehäuser bauen und alte Wohnungen sanieren, sinkt der Energieverbrauch bereits beträchtlich. Auch die Autos werden in den kommenden Jahren effizienter und verbrauchen weniger Benzin oder Diesel. Oder das Licht: LED-Lampen benötigen 80 Prozent weniger Strom als die alten Glühbirnen.

Sie behaupten also, dass wir auf nichts verzichten müssen?
Wir müssen die Energie intelligenter einsetzen. Wir können nicht allein auf den technischen Fortschritt hoffen, wir müssen mit klugen Rahmenbedingungen wie Anreizen, Standards und Effizienzvorgaben die Potenziale rausholen.

Und wir werden mehr bezahlen.
Ja. Aber die höheren Preise führen dazu, dass wir energieeffizienter werden. Und wer Energie effizienter einsetzt, kann entsprechend sparen. Hier sind auch die Elektrizitätswerke gefordert: Sie müssen sich vermehrt als Dienstleister verstehen, die uns Konsumenten aufzeigen, wie wir im Haushalt und auch im Gewerbe möglichst wenig Energie verbrauchen.

Können die Stromkonzerne ihren Platz finden im neuen System, das nicht mehr von ein paar grossen, sondern von vielen kleinen Firmen mit Strom beliefert wird?
Es wird auch in Zukunft grosse Kraftwerke geben. Zudem braucht es auch künftig grosse Anbieter, die die oberen Netzebenen unterhalten und stabilisieren. Sie werden auch in intelligentere Netze, in Smart Grids, investieren. Natürlich werden auch die kleineren Elektrizitätswerke intelligentere Netze haben, die uns Konsumenten konkret unterstützen. Ein Beispiel: Wenn ich über ein Handy-App erfahren kann, wie gross gerade die Stromproduktion meiner Solaranlage ist, kann ich die Waschmaschine so steuern, dass sie erst dann läuft, wenn ich den eigenen Strom verbrauchen kann.

Was kostet die Umstellung auf Smart Grids?
Der Umbau des Netzes wird etwa 14 Milliarden Franken kosten. Dazu kommen jedoch noch die Kosten für den Ersatz der bestehenden, gealterten Stromleitungen, die sowieso anfallen. Insgesamt rechnen wir mit etwa 18 Milliarden.

Die Stromwirtschaft argumentiert, dass sich diese Investitionen bei der heutigen Regulierung der Preise nicht lohnten. Daher werde nicht investiert.
Die Pensionskassen würden sich doch bedanken, hätten sie eine solche Rendite, wie sie bei Investitionen ins Stromnetz garantiert sind. Für 2013 beträgt der garantierte Kapitalzinssatz gut 3,8 Prozent.

Die Elektrizitätsfirmen wollen mehr verrechnen können, sie fordern höhere «weigthed average cost of capital» (Wacc). Kommen Sie ihnen entgegen?
Wir wollen die Formel für den Zinssatz tatsächlich korrigieren. Es wird eine leichte Anpassung nach oben geben. Wichtiger als die Erhöhung der Rendite ist aber, dass der Zinssatz nicht mehr so volatil ist, dass er keine grossen Ausschläge mehr hat.

Wollen Sie den Zinssatz nur für die neuen Investitionen anheben oder auch für die bestehenden Netze?
Wenn wir über den Wacc reden, dann meinen wir immer alle Investitionen.

Da geht es um viel Geld.
Hören Sie, hier geht es nicht einfach um Gewinne, die wir verschenken, es geht um Investitionsanreize. Zudem sind 80 Prozent dieser Betriebe im Besitz der öffentlichen Hand, die nicht primär der Gewinnmaximierung verpflichtet ist. Natürlich werden die Chancen auf Gewinn etwas erhöht, aber Netze sind Monopole und da muss der Staat eine klare Vorgabe für Gewinne machen und gleichzeitig sagen, dass dieses Geld jetzt für den Umbau hin zum smarteren, intelligenteren Netz verwendet werden soll.

Werden die ambitionierten Ziele der Energiewende nicht erreicht, will die Schweiz mehr Strom importieren. Aber ist das Netz dafür wirklich bereit?
Die Schweiz ist gut angebunden. 20 Prozent aller Transitströme in Europa laufen durch die Schweiz. Wir müssen aber mit Blick auf die Versorgungssicherheit weiter in die Koppelung mit Europa investieren.

Die Probleme liegen teilweise im Ausland. Beispielsweise fliesst der Strom in Deutschland nur schlecht vom Norden in den Süden.
Als Schweiz können wir vorläufig vor allem über die europäische Vereinigung der Netzbetreiber mitwirken und unsere Anliegen einbringen.

Da ist auch eine gute Portion Hoffen mit dabei.
Nein, wir wurden beispielsweise diesen Sommer eingeladen, Stellung zu nehmen zum Ausbau der deutschen Netze im Netzentwicklungsplan. Auch Deutschland hat erkannt, dass die Linien nicht in Baden-Württemberg enden sollten, sondern idealerweise mit der Schweizer Wasserkraft in den Alpen gekoppelt werden.

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