Juristin Emilie Kempin-Spyri, «Flüchtlingsmutter» Gertrud Kurz und Politikerin Emilie Lieberherr – diese Frauen werden künftig in allen Deutschschweizer Klassenzimmern eine wichtige Rolle spielen. So sieht es der neue Lehrplan 21 vor. Es ist das erste Mal, dass bedeutende Frauen der Schweizer Geschichte in einem Lehrplan namentlich verankert und damit zum Pflichtstoff werden.

Fachexperten sehen dies als einen bedeutenden Schritt. Zwar habe sich in den letzten Jahren einiges getan, aber Frauen und ihre Rolle in der Geschichte seien in den Lehrmitteln immer noch unterrepräsentiert, sagt Jan Hodel, Dozent für Geschichtsdidaktik an der Pädagogische Hochschule FHNW. Der Unterricht sei heute immer noch stark von Konventionen und Traditionen geprägt. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse würden noch zu wenig und zu langsam in den Unterricht einfliessen.

Darum begrüsst Hodel die konkreten Beispiele des Lehrplans. Er warnt allerdings davor, die genannten Persönlichkeiten als die wichtigsten oder gar einzigen Frauen im Geschichtsunterricht zu behandeln. Die Entwicklung der Geschlechterrollen müsse dort ebenfalls thematisiert werden.

Marco JoriO, Chefredaktor des «Historischen Lexikons» der Schweiz, sieht ebenfalls Handlungsbedarf. «Es gibt wohl geeignetere Beispiele als Emilie Lieberherr.» Vor allem die starken Frauen der Kirche fänden noch zu wenig Beachtung. «Beeindruckende Frauen standen ab dem Mittelalter oft an der Spitze von blühenden Klöstern und übten ökonomisch und kulturell einen erheblichen Einfluss auf die Gesellschaft aus.»

Der Lehrplan 21 sorgt zum ersten Mal für kantonsübergreifende Unterrichtsziele für alle Deutschschweizer Kantone. Er orientiert sich an Kompetenzen, also daran, was Schüler konkret «können» müssen. Die Vernehmlassung läuft noch bis Ende Jahr. Doch schon jetzt ist klar, dass der Schweizer Geschichtsunterricht für Diskussionen sorgen wird.

Die SVP kündet bereits Widerstand an. Die Partei stösst sich vor allem an der Auswahl der historischen Daten, die laut Lehrplan in den Unterricht gehören. «Den Schülern wird ein verzerrtes Bild der Geschichte vermittelt», sagt Ulrich Schlüer, Präsident der SVP-Bildungskommission. Wichtige Ereignisse für die Neutralität und Unabhängigkeit der Schweiz würden einfach ausgeblendet. Besonders die Niederlage von Marignano 1515 gehört für die SVP zwingend in den Lehrplan. Darauf haben sich SVP-Politiker aus allen Kantonen geeinigt. Die Schlacht gegen das französische Heer markierte das Ende der Alten Eidgenossenschaft. «Daraus entstand das Bekenntnis zur Neutralität», sagt Schlüer. Historiker bezweifeln diese Sicht. «Es ist ein läppisches Spiel, einzelne historische Daten für heutige politische Strömungen instrumentalisieren zu wollen», sagt Marco Jorio. Historisch gesehen sei das «Blödsinn». Erst 100 Jahre später, während des Dreissigjährigen Krieges, habe die Schweiz ihre Neutralität entwickelt.

Doch 1515 dürfte nicht der einzige Streitpunkt im Lehrplan bleiben. Bis Ende der Vernehmlassung kämpfen Interessengruppen weiter um Namen und Daten im Lehrplan – und damit um die Deutung der Schweizer Geschichte.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!