Die muslimische Bevölkerung in der Schweiz wächst, mehr als 400 000 Menschen islamischen Glaubens leben hier. Doch als Landeskirche ist der Islam nicht anerkannt. Nach den Anschlägen von Paris plädieren Schweizer Muslime für eine Anerkennung: Damit liesse sich die Radikalisierung von Jugendlichen besser bekämpfen. Eine Anerkennung würde ihnen erlauben, bei Muslimen Steuern zu erheben, die für Gemeindearbeiten eingesetzt werden könnten.

Skeptisch reagiert Martin Grichting. Der Generalvikar im Bistum Chur sagt: «Wie sollen sich die nach ihrem Glaubensverständnis organisierten Muslime in ein demokratisches System integrieren? Das gibt nur Krach.»

Kirchenrechtler Grichting kennt die Problematik. Auch das konservative Bistum Chur reibt sich immer wieder am heutigen System der Landeskirchen, das auf einer demokratisch-föderalistischen Basis beruht. Mischen sich Gläubige wie im vergangenen Jahr vermehrt in Führungsfragen ein, ist das in Chur nicht gerne gesehen.

Die Diskussion um eine muslimische Landeskirche kommt da gelegen. Grichting sagt: «Die ehemalige Volkskirche war die Basis für die aktuelle staatskirchliche Struktur. Doch diese kann man nicht allen Religionen aufzwingen.» Sie sei der Religionsvielfalt in der Schweiz nicht mehr gewachsen. Die Landeskirchen hätten ausgedient. Die Realität verlange neue Strukturen. Unüberhörbar ist in diesen Worten auch Grichtings eigene Absicht. So schwebt ihm seit längerem statt einer Volkskirche eine kleinere Glaubensgemeinschaft mit treuer Gefolgschaft vor.

Den beiden Landeskirchen laufen die Gläubigen in Scharen davon. Allein 2013 sind schätzungsweise 40 000 Gläubige aus der reformierten und der katholischen Kirche ausgetreten. Heute gehören noch rund vier Millionen Gläubige den beiden Kichen an. Irgendwann, glaubt Grichting, wird mehr als die Hälfte der Steuerzahler in der Schweiz konfessionslos sein. Dafür gibt es mehr Freikirchler und Muslime. Ist es dann noch legitim, dass der Staat den Kirchen hilft, Steuern zu erheben? «Nein», sagt Grichting. Für ihn steht fest: Die Kirchensteuern gehören abgeschafft.

Stattdessen schlägt Grichting ein Modell analog wie in Italien vor. Glaubensgemeinschaften müssen sich dort hauptsächlich durch Spenden finanzieren – wie fast überall auf der Welt. Gleichzeitig können sie an einer Mandatssteuer teilnehmen.

Dagegen wehrt sich eine breite Front. So auch die Schweizer Bischofskonferenz. Erst im Dezember hätten sie sich mit Papst Franziskus geeinigt, am bestehenden System festzuhalten. Das begrüsst Rosmarie Koller-Schmid, Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds (SKF). Das bisherige System sei solid und verlässlich, sagt sie. Auch weil die Finanzen dadurch transparent und in demokratischen Prozessen verteilt würden.

Weil mit einer Mandatssteuer nicht mehr die Kirchen die Höhe der Steuern festsetzen würden, sondern der Staat, warnt davor auch Quirin Weber, Dozent für Religionsverfassungsrecht an der Universität Luzern. «Es gäbe eine zu enge Bindung zwischen Kirche und Staat.» Dass es Überlegungen braucht, wie die Schweiz künftig mit der Religionsvielfalt umgehen will, erachtet Weber aber als wichtig.

Im Auftrag muslimischer Verbände ist er vergangenes Jahr der Frage nachgegangen, ob eine Anerkennung des Islams verfassungsrechtlich möglich ist. Das Fazit: Die Forderung ist legitim. «Die Schweiz ist ein religiös-weltanschaulich neutraler Staat und hat deshalb religiöse Vielfalt zu ermöglichen», sagt Weber. Zudem schaffe die Nichteinbindung von relevanten Religionsgemeinschaften langfristig grössere Probleme als die kurzfristigen Schwierigkeiten.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper