VON PATRIK MÜLLER, CHRISTOF MOSER UND FLORENCE VUICHARD

Libyens Diktator wolle von der Schweiz eine Entschuldigung für die Publikation der Polizeifotos in der Presse, die den verhafteten Hannibal Gaddafi auf sehr unvorteilhafte Weise zeigen: Diese Meldung sorgte diese Woche für Schlagzeilen. Jetzt kommt aus, dass dies nicht stimmt.

Die Verwirrung ausgelöst hat Bundespräsident Hans-Rudolf Merz höchst persönlich. Merz gewährte dem Westschweizer Magazin «L’Hebdo» ein ausführliches Interview. Darin wurde er mit der Aussage zitiert: «Il a exigé de nouvelles excuses», er – gemeint ist Gaddafi – habe beim Treffen mit Merz am Rande der UNO-Vollversammlung in New York neue Entschuldigungen gefordert für die Erniedrigung, als die er die Publikation der Fotos empfunden habe.

Nun stellt das Departement von Merz klar: Gaddafi habe beim 40-minütigen Treffen die Gelegenheit für eine Art «Kopfleerete» wahrgenommen und sich dabei nicht nur über die Verhaftung, sondern auch über die Hannibal-Fotos beschwert. Dies sagt Merz’ Kommunikationschefin Tanja Kocher zum «Sonntag».

Eine formelle Entschuldigung aber habe Gaddafi nicht gefordert, wie sie Libyen wegen der Verhaftung von Hannibal Gaddafi erwartet und Merz bekanntlich im August in Tripolis auch geleistet hatte. «Es gibt keine zweite Entschuldigung vom Bundespräsidenten, Herr Merz hat Herrn Gaddafi darauf verwiesen, dass im Fall der Polizeifotos eine Untersuchung läuft», sagt Kocher. Zum Stand der Untersuchung heisst es bei den Genfer Behörden: «Kein Kommentar.»

Seine Redseligkeit bringt Bundespräsident Merz weiter in die Kritik. Die Berner Nationalrätin und FDP-Parteifreundin Christa Markwalder sagte in der gestrigen Mittelland Zeitung, sie sei darüber «irritiert». Der Zuger Nationalrat Jo Lang (Grüne) forderte im «Tages-Anzeiger» Merz zum baldigen Rücktritt auf.

Doch der denkt offenbar nicht daran, dem Druck nachzugeben. Nach der massiven Kritik Anfang September habe er sich wieder aufgerappelt, sagt ein Insider. FDP-Nationalrätin Marianne Kleiner, die wie Merz aus Appenzell Ausserrhoden kommt und ihn gut kennt, sagt: «Herr Merz sprüht vor Energie, es ist erstaunlich. Er schaut die Probleme mit Libyen als Herausforderung an.»

Libyen lässt sich derweil gemäss einer Quelle aus dem Nachrichtendienst von einer internationalen PR-Agentur beraten, um Stimmung gegen die Schweiz zu machen. Unter anderem soll die Agentur die Internetseite hannibal.ly laufend mit Informationen aus der Schweiz versorgen.

Gerüchten zufolge, die in Bern kursieren, soll es sich um den weltweit tätigen PR-Konzern Burson Marsteller handeln. Doch Roman Geiser, Chef von Burson Marsteller Schweiz, dementiert: «Weder der Schweizer Ableger von Burson Marsteller noch eine andere europäische Filiale arbeiten für Libyen.»