Wird bis 2030 aller Atomstrom durch erneuerbare Energien ersetzt, soll es in der Schweiz netto 5700 neue Stellen geben. Dies prognostiziert die Studie «Beschäftigungseffekte des geordneten Atomausstiegs in der Schweiz», welche die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) Wädenswil im Auftrag der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES) erstellt hat. Die SES ist Mitglied der Umwelt-Allianz und damit für den Atomausstieg.

Voraussetzung für die neuen Jobs ist der Atomausstieg bis 2029, wie ihn die Initiative verlangt, über die am 29. November abgestimmt wird. Gleichzeitig muss aber auch das 1. Massnahmenpaket der Energiestrategie 2050 umgesetzt sein. Dann entstehen im Bereich der erneuerbaren Energien fast 7000 neue Jobs, wie die Studie errechnet hat: 5000 Stellen werden durch Bau und Wartung von Photovoltaik-Anlagen geschaffen, der Bau von Biogas- und Windkraftanlagen bringt 700 bis 800 weitere Stellen – und mit der Bereitstellung des Energieholzes zur Stromproduktion ergeben sich 600 weitere Stellen. Im gleichen Zeitraum fallen bei den AKW 1300 Stellen weg. Netto bleiben 5700 Jobs.

«Die Studie der ZHAW zeigt: In einer gesamtheitlichen volkswirtschaftlichen Betrachtung gibt es beim Atomausstieg mehr Profiteure als Verlierer», sagt Felix Nipkow, Projektleiter Strom & Erneuerbare der Energie-Stiftung. «Bisher konzentrierte man sich zu sehr auf die Risiken.» Was Nipkow ins Auge sticht: «Ein grosser Teil der neuen Arbeitsplätze kommt von der Photovoltaik.» Das ist für den Verfasser der Studie kein Zufall. «Photovoltaikanlagen sind am einfachsten zu bauen, auch bezüglich der Investitionen», sagt Jürg Rohrer, Professor für erneuerbare Energien an der ZHAW Wädenswil. Technologisch sei man sehr weit, es gebe gut geschultes Personal. «Dazu kommt der angenehme Nebeneffekt, dass die Arbeitsplätze über die ganze Schweiz verteilt sind.» Für Rohrer gibt es eine Frage: «Will man die Handbremse lösen oder nicht?»

Lehnt die Bevölkerung am 27. November die Ausstiegsinitiative ab, wird aber das erste Massnahmenpaket der Energiestrategie dennoch realisiert, prognostiziert die Studie der Schweiz netto noch immer 2000 neue Stellen. Durch Windkraftanlagen entstünden 350 neue Jobs, durch Photovoltaikanlagen 650 und durch Biogasanlagen 900 Stellen. Netto nur knapp 500 Stellen werden geschaffen, wenn die Initiative abgelehnt und die Energiestrategie nicht umgesetzt wird.

Angst vor Verlagerungen
Arbeitsplätze sind auch bei den Gegnern der Initiative ein grosses Thema. In Wirtschaftskreisen befürchtet man bei einem Ja zur Initiative Verlagerungen. «Gefährlich ist es, wenn es wegen eines schnelleren Atomausstiegs zu einem einseitigen Preisschub in der Schweiz kommt», sagt Frank R. Ruepp, Vorsitzender der Gruppenleitung vonRoll infratec AG und Präsident der IG Energieintensive Branchen (IGEB). Er macht eine einfache Rechnung: «Ein Rappen mehr pro Kilowattstunde kostet zum Beispiel in einer grossen Giesserei 3 bis 4 Arbeitsplätze. Ein Schweizer Alleingang ist gefährlich.»

Die energieintensiven Branchen bewegten sich in der Schweiz in einem «nicht sehr industriefreundlichen Umfeld mit vielen Unsicherheiten», sagt Ruepp. «Dies führt zur Gefahr, dass internationale Industrieunternehmen Investitionen plötzlich in einem anderen Land tätigen oder Abteilungen im Ausland aufbauen.» Gefährlich daran sei, «dass dieser Prozess schleichend geschieht». Ruepp: «Diese Arbeitsstellen kommen nie wieder zurück.»

Gerieten die Energiepreise in der Schweiz aufgrund des Atomausstiegs aus dem Ruder, «haben wir einen wirtschaftlichen Nachteil», sagt auch SVP-Nationalrat Franz Grüter, Präsident des Verwaltungsrats von green.ch. Er hat ausgerechnet, dass seit 2012 in der Schweiz eine Milliarde in IT-Rechenzentren und IT-Datenstandorte investiert wurde. «Es ist im Zeitalter der Digitalisierung volkswirtschaftlich von grosser Bedeutung, wenn wir in Europa zu einem der wichtigsten Standorte für Daten und IT-Systeme werden», sagt er. «Der Bau dieser Infrastrukturen zieht in der Folge auch Arbeitsplätze an.»

Energieministerin Doris Leuthard selbst warnt. Bereits 2017 müssten drei Werke abgeschaltet werden. «Das beträfe auch Arbeitsplätze», sagt sie. Der Strom aus diesen Werken könnte nicht schnell genug mit Strom aus einheimischen erneuerbaren Energien ersetzt werden. «Es käme zu mehr Stromimporten. Neue Jobs gäbe es damit nicht in der Schweiz, sondern im Ausland.» Leuthard betont, «dass wir mit der Stärkung der einheimischen erneuerbaren Energien Stellen schaffen können». Dafür brauche es aber die entsprechenden Fördermittel. «Diese kommen erst mit der Energiestrategie 2050, die noch nicht in Kraft ist.»

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