VON OTHMAR VON MATT UND FLORENCE VUICHARD

Da wundern sich selbst SP-Bundesratskandidatinnen. «Noch bis vor einem Monat galt Karin Keller-Sutter (SG) in den Medien als Strahlefrau und zukünftige Bundesrätin», stellt eine fest. «Und jetzt plötzlich soll alles falsch sein.»

Unnahbar, kalt, Hardlinerin und Einzelkämpferin, nur auf das eigene Image bedacht, keine Brückenbauerin: Diese Vorbehalte tauchten am 24. Juli urplötzlich aus dem Nichts im «Tages-Anzeiger» auf. Vorwürfe, die in der FDP anonym bis heute zu hören sind. Ein Parteivorstandsmitglied hielt gegenüber dem «Sonntag» fest, Keller-Sutter habe nie etwas für die Partei getan. Und Negatives dringt sogar aus der Regierung des Kantons St.Gallen nach draussen. Ein Mitglied beschwerte sich gegenüber einer Drittperson, Keller-Sutter sei unkooperativ und unmöglich. Wie Micheline Calmy-Rey oder Rita Fuhrer eben.

Nach aussen hin gibt sich Karin Keller-Sutter zwar gelassen gegen solches «Nachtreten». Sie wollte dazu keine Stellung nehmen. Beunruhigt ist sie trotzdem. Das bestätigen Telefonanrufe, die sie an Parteikollegen tätigte.

Für FDP-Nationalrätin Marianne Kleiner (AR), eine Vertraute Keller-Sutters, kommt die Diffamierungskampagne aus den eigenen Reihen nicht überraschend. Sie hatte Keller-Sutter früh gewarnt. «Sobald eine Frau Erfolg hat, gut aussieht und dazu noch eher rechts steht, suchen die Medien diese Dinge», meint Kleiner. «Das sagte ich ihr schon zu Beginn. Diese Wochen werden für alle kein Spaziergang.»

Zehn Jahre lang habe Keller-Sutter «klaglos und in bester Manier» regiert und nie die Kollegialität verletzt. «Als Star hat man es aber auch in der eigenen Regierung nicht leicht», sagt Kleiner. «Selbst bei Regierungskollegen gibt es viel Neid und Eifersucht.»

Von «Argwohn, Missgunst und Eifersucht» spricht auch Ständerat Peter Briner, Keller-Sutters Parteikollege aus Schaffhausen. Weil sie eine «ganz starke Persönlichkeit» sei. «Auch unter Freunden ist man ja Konkurrent», sagt Briner. Er hält es für «schon sonderbar»: «Da hat man eine Kandidatin, der man keinen Fehler nachweisen kann, die auf dem internationalen Parkett bestehen kann, weil sie perfekt Französisch, Deutsch und Englisch spricht.» Dass man eine solche Kandidatin «zu demontieren sucht», lasse sich nur mit Missgunst erklären.

Wer hinter den Diskreditierungen steckt, ist unklar. SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner, der von «eindeutiger Antipropaganda» spricht, glaubt, sie stamme von «sehr liberalen Frauen und Männern». Zwei Quellen behaupten, der Zürcher FDP-Bundesratskandidat Ruedi Noser sei Teil davon. Das weist dieser entschieden von sich: «Ich freue mich darauf, wenn sich jeder Kandidat möglichst gut präsentieren kann. Und ich hoffe, dass es die anderen auch so halten.»

Es gibt auch eine Stimme, die behauptet, im Umfeld von FDP-Nationalrat Johann Schneider-Ammann werde gegen andere Kandidaten recherchiert. Auch dieser dementiert entschieden. «Ich habe keine Recherchegruppe. Meine Kandidatur ist eine Bereitschaft zugunsten meines Landes», betont der Unternehmer. «Kein verkrampftes Anstreben. Mein Prinzip ist: ‹Ich gehe für etwas und nicht gegen etwas oder jemanden.›»

Zurzeit verdächtigt im Freisinn jeder jeden ein bisschen. FDP-Parlamentsmitglieder glauben sogar, die Anti-Keller-Sutter-Kampagne sei von ganz oben orchestriert. Vom Parteivorstand. Mit einem Ziel: Schneider-Ammann in den Bundesrat zu hieven. «Das ist absoluter Quatsch», sagt Fraktionschefin Gabi Huber, die dem Evaluationskomitee angehört. «Ich äussere mich im Vorfeld über keine einzige Kandidatur öffentlich. Und schon gar nicht über Anonymitäten.»

Für Kommunikationsberater Mark Balsiger ist klar: Die Zeit der «Wühlmäuse und selbst ernannten Strategen» ist gekommen. Bewusste Lobbyarbeit sei Standard, sobald sich das Kandidaten-feld gelichtet habe. «Vor allem Männer lieben Ränkespiele sehr», sagt der Autor des Buches «Wahlkampf in der Schweiz» – und spricht von «Boys with Toys».

Die Liste jener, die mit den «Boys with Toys» leidvolle Erfahrungen machen mussten, ist lang. Oft waren Frauen die Opfer – und das bekannteste der Neuzeit war SP-Politikerin Christiane Brunner. 1993 machten anonyme Gerüchte und ein Brief unter der Gürtellinie die Runde gegen die Bundesratskandidatin. Dass sie mit einer Strafanzeige gegen unbekannt konterte, nützte ihr nichts. Am 10. März 1993 wurde nicht sie gewählt, sondern Ruth Dreifuss. Zehntausend Frauen demonstrierten.

Auch die CVP-Bundesratskandidatin Rita Roos wurde 1999 Opfer einer Verleumdungskampagne. An ihrer Stelle wählte die Bundesversammlung Ruth Metzler. Diese wiederum fiel 2003 selbst einer Kampagne aus den eigenen Reihen zum Opfer, als die CVP einen Sitz an die SVP abtreten musste.

Für Ränkespiele im Freisinn hingegen hat Marianne Kleiner klare Muster ausgemacht. Die erfahrene Politikerin war von 1994 bis 2003 Regierungsrätin und ist seither Nationalrätin. Das Muster zeigte sich bei den Kampfwahlen ums FDP-Präsidium von 2003 (die linksfreisinnige Christiane Langenberger gegen die eher rechte Trix Heberlein) wie 2005 (der eher linke Fulvio Pelli gegen den eher rechten Georges Theiler). Gelitten hätten immer die Rechtsfreisinnigen, sagt Kleiner. «Theilers Leben wurde akribisch untersucht und Heberlein als spröde taxiert.» Langenberger und Pelli hingegen kamen glimpflich weg. Sie wurden nicht unter die Lupe genommen.

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