VON OTHMAR VON MATT

Eine Umfrage unter Generalstabsoffizieren zeigt, wie unzufrieden diese mit der politischen Führung, der Ausrichtung und der Strategie der Armee sind. «Wenn Sie sich heute entschliessen würden, der Armee den Rücken zu kehren, aus welchem Grund würden Sie das tun?» So lautete eine der Fragen, welche 153 Generalstabsoffiziere beantworteten. Die Antworten müssen zu denken geben. 57 Prozent der hohen Offiziere würden die Armee wegen der «unklaren Gesamtstrategie» verlassen, 38 Prozent wegen «schlechter Führung und Planung», 34 Prozent wegen fehlender Perspektive – und 33 Prozent wegen des «Images der Armee».

Der desolate Zustand, den die hohen Offiziere zeichnen, wird durch eine Tatsache noch brisanter: 43 Prozent der Generalstabsoffiziere, die an der Umfrage der Gesellschaft der Generalstabsoffiziere (GGstOf) teilgenommen haben, sind Berufsoffiziere im VBS. Besonders in die Pflicht nehmen die ranghohen Offiziere die Politik. «An sie richtet sich die Kritik», sagt Markus M. Müller, Major im Generalstab und Chef Kommunikation der GGstOf. «An die Landesregierung und das Parlament mit den Sicherheitspolitischen Kommissionen.»

Wie lange soll eine Rekrutenschule dauern? Wie gross soll die Armee sein? Wie viele Brigaden soll sie besitzen? Heute beschäftigten sich die Politiker meist nur noch mit organisatorischen Fragen statt mit der Gesamtstrategie, kritisiert Müller. «Das sind schwer nachvollziehbare Prioritäten.» Die Berufsoffiziere sähen sich mit ständig neuen Reformen konfrontiert, wüssten aber nicht, wohin die Reise wirklich gehen solle. «Und sie fragen sich, ob sie in zwei Jahren noch gebraucht werden.»

Den Schwarzen Peterwill Müller aber keineswegs dem heutigen Verteidigungsminister Ueli Maurer zuspielen. Die Kritik sei nicht personalisiert. Der strategielose Zustand gründe in einem langjährigen Malaise. «Intern reden wir schon lange über die Probleme», sagt Müller. «In den letzten 20 Jahren wurde viel Geschirr zerschlagen.» Deshalb habe die Gesellschaft die Umfrage durchgeführt. Müller: «Wir wollten es schwarz auf weiss.»

So habe das Parlament den sicherheitspolitischen Bericht von 2000 lediglich zur Kenntnis genommen. «Der Bericht gab zu wenig klare Leitlinien vor», sagt Müller. Unter Adolf Ogi und Samuel Schmid habe die Armee ein Portfolio neuer Aufgaben übernommen, um sich besser zu legitimieren. Doch es sei unklar, wofür die Armee heute stehe. Müller: «Die einzige Raison d’Être der Armee war in den letzten Jahren das Sparen.»

Kritik übt Müller auch daran, dass Politik und Armeeführung die Vorschläge der Milizorganisationen zu oft ignorieren. «Zusammen mit anderen Milizorganisationen weisen wir schon lange auf die wunden Punkte hin. Die Kritik ist nicht neu.» Das VBS will Umfrage und Kritik der Generalstabsoffiziere nicht kommentieren.

Die hohen Offiziere zeichnen auch ein düsteres Bild rund um die Miliz. Der Anteil an Milizoffizieren aus der Privatwirtschaft in den Generalstabslehrgängen nehme seit Jahren ab. Während in der Armee 61 das Korps der Generalstabsoffiziere aus rund 60 Prozent Miliz- und 40 Prozent Berufsoffizieren bestand, habe sich das Verhältnis in der Armee XXI radikal geändert.

Das zeigt die GGstOf in ihrer Untersuchung «Die Zukunft der Miliz im Korps der Generalstabsoffiziere» auf. «Heute kommen aus der Privatindustrie und aus dem Bereich der Selbstständigerwerbenden noch rund ein Fünftel der Generalstabsoffiziere», sagt Müller. «Der fehlende nationale Konsens über die Rolle der Armee, sowohl bei der Wahrung der inneren als auch der äusseren Sicherheit, wirkt sich über kurz oder lang auf die Bereitschaft der betroffenen Bürger aus, Verantwortung zu übernehmen.» Die Besten kehrten der Armee den Rücken.

Die Autoren der Studie kommen zum Schluss, dass «umfassender und dringender Handlungsbedarf» bestehe. «Wir haben gleich auf doppelter Ebene einen ziemlichen Brain Drain», sagt Müller. Einerseits bei den Milizoffizieren: Es seien vor allem die potenzialstärksten und engagiertesten jungen Persönlichkeiten, die sich bei der Rekrutierung oder beim Entscheid für eine Offiziersausbildung von der Armee abwendeten. Andererseits aber auch bei den Berufsoffizieren: «Auch hier», hält Müller fest, «haben wir Probleme, den Nachwuchs im System zu halten.»

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