Die Szenerie wirkte gespenstisch. Gleissende Autoschweinwerfer durchbrachen die Dunkelheit. Zwei Traktoren – einer hinten, einer vorne – blockierten die schwarze Limousine, die aus Bern gekommen war. Die Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli und Mario Gattiker, Direktor des Bundesamts für Migration (BfM), sassen in einer Seitenstrasse fest. Anwesende beschimpften Hochuli übel, als «Schlampe» und «Hure». Es war die Polizei, die dem Spuk ein Ende bereitete.

Das geschah am 24. November 2011. Schon am Nachmittag befindet sich die 560-Seelen-Gemeinde Bettwil auf der Hochebene am Lindenberg im Ausnahmezustand. Die Dorfstrasse übersät mit Sprayereien, in den Wiesen Traktoren mit Güllewagen. Hochuli und Gattiker, die gemeinsam zur Informationsveranstaltung anreisen, ahnen nichts vom Volksaufstand. Sie betreten eine proppenvolle Turnhalle. Überall hängen Slogans: «140 Asy’s: Nein!». «Diktatur? Demokratie!». «Niemals». «Existenzangst!».

Die Not ist gross. Verzweifelt sucht Bern Ende 2011 Unterkünfte für Asylbewerber. 140 will das BfM in Bettwil unterbringen. Die Spannung in der Halle ist greifbar. «Wir lassen uns die Perle Bettwil von euch Bürokraten nicht kaputtmachen», ruft ein Votant. Als Hochuli entgegnen will, wird sie ausgelacht. «Wer ist gegen diese Asylunterkunft? Der möge jetzt aufstehen», sagt Gemeindeammann Wolfgang Schibler. Wie auf Kommando erheben sich alle. Jubel setzt ein. Silvesterpfeifen trillern. Die Menschen ziehen die Mäntel über, verlassen den Saal. Gattiker sieht mit steinernem Gesicht zu, sichtlich erschüttert.

Szenenwechsel. Hasliberg, 13. Dezember 2012. Im Hasliberg Congress zieht Gattiker an der Gemeindeversammlung unter «Diverses» Bilanz zu sechs Monaten Asylzentrum Tschorren. 506 Asylbewerber waren im idyllisch unterhalb des Brünigs gelegenen Tourismusdorf mit 1200 Einwohnern vom 1. April bis 28. September untergebracht. «Als ich im März zu Ihnen auf den Hasliberg kam, um Sie über das Asylzentrum zu informieren», gesteht Gattiker, «war ich um einiges angespannter als heute.»

Auch im Hasliberg Congress ist der Saal proppenvoll. Die Menschen lauschen still, als Gattiker die schwierigen Wochen nicht auslässt, die es gab. Im Mai kam es zu einer Einbruchserie, Nord- und Schwarzafrikaner verprügelten sich, die Polizei musste einschreiten. Von «Asyl-Irrsinn!» schrieb der «Blick». «Es gab Schwierigkeiten», sagt Gattiker. «Die konnten zwar behoben werden, aber wir sind trotzdem froh, ist diese Zeit vorbei.» Dann überreicht er Haslibergs Gemeindepräsidentin Katrin Nägeli den Fotoband «Switzerland» von Robert Bösch als Geschenk. Mit einer Widmung von Justizministerin Simonetta Sommaruga. «Was ein Mensch an Gutem in die Welt hinausgibt, geht nicht verloren», schrieb sie darin – und bedankte sich «für die gute Zusammenarbeit».

In Hasliberg, das nach dem Jaunpass und Bettwil die dritte nationale Militärunterkunft für Asylbewerber stellen sollte, hatte man die Tumultbilder aus Bettwil verfolgt. «Wir diskutierten das im Gemeinderat aus», sagt Nägeli. «Was Bettwil ausstrahlte, wollten wir nicht ausstrahlen. Das hat kein Niveau. Wir leisten unseren Beitrag.»

Als die ersten Asylbewerber kamen, habe sie «zuerst leer geschluckt», gesteht sie. «Alle waren gut angezogen. Alle hatten ein iPhone. Das kann sich in unserer Region der eine oder andere nicht leisten.» Die Ablehnung war spürbar. Bauer und Gemeinderat Hans-Rudolf Schaad etwa wehrte sich mit Händen und Füssen, Asylbewerber zu beschäftigen. Als er doch einwilligte, wurde er überrascht. Teilweise warteten sie morgens um 7 Uhr bereits vor der Unterkunft. Um Wanderwege instand zu stellen. Ohne Frühstück im Magen. «An ihnen könnte sich manch junger Schweizer ein Vorbild nehmen», sagt Schaad heute.

Nach dem 24. November 2011 war die Befürchtung gross, dass sich Bettwil zum Fanal der Schweizer Asylpolitik entwickelt. Sie traf nicht ein. «Der Tschorren war der Wendepunkt in der Unterbringungsdebatte», bilanziert Mario Gattiker heute. Auch ihm hatte der Atem gestockt, als er für die Krisensitzung vom 23. Mai von Bern nach Hasliberg fuhr: «An der langen Hauptstrasse sah es aus wie in Afrika», erzählt er. «Auf beiden Seiten der Strasse liefen kolonnenartig bunt gekleidete Asylbewerber. Im gleissenden Sonnenlicht, vor einer atemberaubenden Bergidylle und schmucken Häusern. Das war eindrücklich.»

Hasliberg als Musterbeispiel also? Und Bettwil am Pranger? So einfach sei das nicht, findet Bettwils Gemeindeammann Wolfgang Schibler. Er wurde, auch dank Bettwil, ins Aargauer Kantonalparlament gewählt. «Ich wehre mich, wenn man uns Unanständigkeit vorwirft», sagt er. «Wir wurden provoziert, verunsichert, betrogen.» Hochuli und Gattiker seien «völlig unvorbereitet» nach Bettwil gekommen. Schibler glaubt, dass die Asylgesetz-Verschärfungen ohne Bettwil nicht so schnell über die Bühne gegangen wären. «Und dank Bettwil arbeiten Bund, Kantone und Gemeinden heute besser zusammen.» Schibler hat kein schlechtes Gewissen. Der Beweis: Er verlangte vom BfM rund 10 000 Franken Schadenersatz für Frondienst. Das BfM ging nicht darauf ein.

Deutlich nachdenklicher gibt man sich in der Aargauer Regierung. «Es fragt sich: Was haben wir für eine Kultur entwickelt? Was für Siege werden da gefeiert?», sinniert Balz Bruder, persönlicher Mitarbeiter von Susanne Hochuli, zurzeit Landammann. «Angst vor Schwarzen, vor Unbekannten: Da brach etwas tief aus der Volksseele heraus.» Im Aargau zeige sich, dass Bettwil überall sei, wenn neue Unterkünfte zur Diskussion stünden. «Das ist deutlich spürbar.»

Und die Bilanz von Katrin Nägeli? Zum Schluss der Gemeindeversammlung lässt sie «Stürmische Zeiten» von Peter Reber spielen. «Manchmal weiss man nicht weiter», sagt sie. «Ich bin aber sehr froh und stolz auf unsere Gemeinde, dass wir die sechs Monate so über die Bühne gebracht haben.»

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