VON OTHMAR VON MATT

Herr Pelli, wurden Sie von Moritz Leuenbergers Rücktritt überrumpelt?
Nein. Wir hörten Gerüchte. Seit einer Woche begann man darüber zu sprechen, dass Leuenberger zurücktreten könnte, sobald der Gotthard-Durchstich erfolgt ist. Überrascht bin ich aber über die sechs Monate Wartezeit.

Haben Sie bereits mit Hans-Rudolf Merz gesprochen?
Seit gestern ist mein Leben noch komplizierter geworden. Ich war ständig am Telefon und hatte noch nicht die Gelegenheit dazu.

Jetzt können Sie – in Allianz mit der SP – auch Ihren Finanzminister ersetzen.
Nein. Für uns ist klar: Herr Merz muss bis Ende Legislatur im Bundesrat bleiben. Tritt auch er noch zurück, wird die Situation parteipolitisch sehr unstabil. Eine Doppelvakanz birgt viele Risiken, sie verkompliziert die Lage eher, als dass es sie klärt. Die Stabilität der Regierung ist für die Schweiz aber wichtig.

Das sagen Sie jetzt wohl aus rein taktischen Gründen.
Nein. Sie können davon ausgehen, dass ich alle Optionen sehr sorgfältig geprüft habe.

Was hat diese gründliche Analyse ergeben?
Erstens wollen wir keine sechsmonatige Kampagne. Und zweitens drohen bei einer Doppelvakanz undurchsichtige parteipolitische Allianzen.

Sie befürchten, dass die Grünen Anspruch auf den FDP-Sitz von Hans-Rudolf Merz erheben und mithilfe der SP zu einer ernsten Gefahr werden? Und dass dann auch noch die SVP gegen die FDP antritt?
Zu viele Ansprüche an Sitze anderer Parteien schaffen Unberechenbarkeit. Bei der Ersatzwahl von Pascal Couchepin liess sich das Verhalten der Parteien noch etwas einschätzen. Das wäre diesmal nicht mehr der Fall.

Das bedeutet: Der FDP-Bundesratskandidat könnte gegen einen Grünen- und einen SVP-Kandidaten bereits in einem frühen Wahlgang ausscheiden und es gar nicht in die Endausmarchung schaffen?
Die Frage ist: Wer schätzt die Konkordanz und wer nicht? Ich stehe zu ihr. Ich habe im Parlament aber festgestellt, dass nach aussen zwar alle die Konkordanz mit Zauberformel 2-2-2-1 verteidigen. Verdeckt hingegen sieht es anders aus. Die Eigeninteressen der Parteien stehen im Vordergrund. Das Ganze ist dadurch unberechenbar geworden.

Damit sprechen Sie die SVP an, die Leuenberges SP-Sitz will?
Sie setzt damit ein merkwürdiges Zeichen. Da sie immer behauptet, zur Konkordanz zu stehen.

Und was bedeutet Leuenbergers Rücktritt für die SP?
Herr Leuenbergers Rücktritt ist ein Parteimanöver. Die SP will unbedingt noch vor den Wahlen 2011 ihre beiden Bundesräte ersetzen. Das ermöglicht Moritz Leuenberger. Die Operation hat ein Ziel: dass auch Micheline Calmy-Rey 2011 zurücktritt.

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