Die Runde, die sich am Montag im «Genovas» am Zürcher Idaplatz versammelte, war illuster. Neben GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy, Politologe Michael Hermann, Nicola Forster, Gründer des Think-Thank Foraus, Politberater Andreas Müller und Vertretern von Operation Libero gehörte ihr auch ein besonderer Prominenter an: Autor und Kabarettist Viktor Giacobbo. Er sei privat dort gewesen, weil er eingeladen worden sei, sagt Giacobbo. Es sei «ein sehr anregender Anlass» gewesen. Das Ziel der Runde: Sie will ein «optimistisches Narrativ» zur offenen Schweiz entwickeln – als Alternative zur nationalkonservativen Erzählung der abgeschotteten Schweiz von 1291 der SVP.

«Bisher hat man es verpasst, dem konservativen Narrativ eine positiv-progressive Erzählung gegenüberzustellen», sagt Kathrin Bertschy. Das soll sich ändern. «Die Zeit ist nun gekommen für ein kraftvolles progressives Storytelling. Wir haben einen Marktplatz der Ideen und der Geschichten eröffnet.»

Mit «wir» ist das 2016 gegründete Politlabor GLP Lab gemeint, das Bertschy präsidiert. «Es soll Interessierten eine Teilhabe an der Politik ausserhalb der Parteistrukturen ermöglichen.» Das Lab führt den Prozess zum Narrativ mit Foraus und Operation Libero. Er begann 2016. «Unsere Idee ist es, eine Anleitung für progressive Geschichtenerzählungen zu schreiben», sagt Bertschy. «Sie soll Antwort auf die Frage geben: Mit welcher Geschichte einer offenen, progressiven Schweiz kann ich überzeugen, wenn mir jemand die konservative Geschichtsverdrehung aufschwatzen will?»

Feinde, Helden und Ikonen
Die Runde versuchte zu ergründen, was die SVP-Erzählung so erfolgreich macht. «Sie lebt von holzschnittartigen Feindbildern, Helden und Ikonengeschichten», sagt Bertschy. «Sie ist geprägt davon, Widerstand zu leisten, gegen was auch immer.» Sie beschwöre die gloriosen alten Zeiten, sehe das Volk als höchste Gewalt und sei demagogisch. «In ihrer Erzählung befindet sich die Schweiz immer am Rand einer Katastrophe, wird aber vom Heilsbringer gerettet.»

Die progressiven Kräfte hatten es 1848 verpasst, selbst eine tragende Erzählung zu entwickeln. «Mit 1848 hätte die Schweiz eine sehr gute Gründungsgeschichte erzählen können», sagt Politologe Hermann, Autor des Buchs «Was die Schweiz zusammenhält». Er war als Experte eingeladen. «Sie hob sich mit ihr in ganz Europa ab, war das einzige Land, in dem eine liberale Revolution gelang.» Die Liberalen verzichteten aber darauf, 1848 zu ihrer Erzählung zu machen, um die Integration der Katholisch-Konservativen nicht zu gefährden.

Im folgenden Jahrhundert einigten sich Liberale und Konservative aus staatspolitischen Gründen wiederholt auf die Abschottungs-Erzählung. In der Phase des aggressiven Nationalismus sei diese «eine Überlebensstrategie» gewesen, sagt Hermann. Der Schulterschluss funktionierte auch im Abwehrkampf gegen den Sozialismus nach dem Ersten Weltkrieg und im Rahmen der geistigen Landesverteidigung während des Zweiten Weltkriegs.

Zwar gab es immer wieder Versuche für ein progressives Narrativ. So schufen die Schriftsteller Max Frisch («Dienstbüchlein») und Friedrich Dürrenmatt («Die Schweiz, ein Gefängnis») ein Gegenbild. «Doch es war eines der Selbstkasteiung, dem das Konstruktive fehlte», sagt Hermann. In den 1990er-Jahren entstand der «Swiss Chic». Höhepunkt war der Auftritt von Anita Fetz (BS) im Schweiz-T-Shirt an der UNO-Debatte im Parlament. «Dieser ‹Swiss Chic› fiel mit 9/11 und Swissair-Grounding in sich zusammen», sagt Hermann. Es war die Operation Libero, die ein neues Narrativ zu prägen versuchte – mit «Chancenland» und «Geboren 1848». «Mit ‹Chancenland› sagen wir, dass die Schweiz ihre beste Zeit noch vor sich hat», sagt Jessica Zuber, Co-Präsidentin der Operation Libero Bern. Und: «Wir Kinder von 1848 bedeutet, dass die Verfassung unsere wichtigste Grundlage ist. Alle Bürger haben die gleichen Rechte.»

Diese Begriffe allein trugen aber nicht als Erzählung. «Sie gehen weit über politische Begriffe oder Metaphern hinaus», schrieb Andreas Müller im Artikel «Die Schweiz auf dem Marktplatz der Geschichten». Der Politberater war bis Ende 2016 Vizedirektor von Avenir Suisse und als Experte zu Gast. «Narrative müssen kongruente Geschichten sein, die Orientierung bieten.»

Für Müller könnte das Bild der «Lernnation Schweiz» ein Narrativ sein. Er hat es im Artikel «Die lernende Schweiz» skizziert. «Die Eidgenossenschaft ist erfolgreich, weil sie immer eine lernende Nation war.» Müller: «Das wäre ein Geschichtsbild, das die Menschen aktiviert: Wer lernfähig und -willig ist, hat keine Angst vor der Zukunft.»

Foraus arbeitet zurzeit an einem eigenen progressiven Narrativ. «Wir schreiben an einem Buch, das eine neue Vision des Migrationslands Schweiz aufzeigt», sagt Forster. Es erscheint im April bei NZZ Libro. Foraus zeigt Erfolgsbeispiele auf. Die erstaunliche Erkenntnis: 75 Prozent der Hightech-Startups werden von Ausländern gegründet.

In der Schweiz brauche es heute ein «doppeltes Narrativ», glaubt er. Einerseits eine positive Vision, die über reine Verlustängste hinausgehe. Andererseits sei aber vor allem Widerstand gefragt. Mit dem Trump-Zeitgeist sei die liberale Wertordnung dermassen stark erschüttert worden, wie er es «nie für möglich» gehalten hätte. «Wir müssen diese negativen Tendenzen aufhalten.»

Auch die konservativen Argumente hätten sich globalisiert, sagt Politberater Müller. Bei Masseneinwanderung, Brexit und Trump hätten jeweils zwei Themen im Zentrum gestanden: «nationale Handlungsfreiheit und Identitätsfragen». «Das nationalkonservative Narrativ», stellt Müller fest, «ist in der westlichen Welt omnipräsent geworden».

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