Eine parlamentarische Initiative ihres Waadtländer Parteikollegen Jacques Neyrinck hat CVP-Vizepräsidentin Ida Glanzmann aufgeschreckt. In seinem Vorstoss, den die nationalrätliche Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) vorletzte Wochen behandelt hat, fordert Neyrinck eine Gendatenbank für Babys. «Eltern ist die Möglichkeit zu bieten, ihr neugeborenes Kind einer genetischen Untersuchung zu unterziehen», schreibt Neyrinck. Die Tests sollen freiwillig sein, die Resultate in eine nationale Gen-Datenbank einfliessen, auf die Mediziner und die Genforschung Zugriff haben.

Glanzmann ist eine erklärte Gegnerin solcher Tests – auch auf freiwilliger Basis: «Mit jeder neuen Möglichkeit, die Gene auf Krankheiten zu analysieren, steigt der Druck auf Eltern, ihre Kinder untersuchen zu lassen.» Sie warnt vor weitreichenden Folgen: «Krankenversicherer könnten diese Tests durch die Hintertüre für obligatorisch erklären, indem sie Heilungs- und Betreuungskosten für ungetestete Kinder irgendwann nicht mehr übernehmen.» Dass der Vorstoss aus den eigenen Reihen kommt und von mehreren CVP-Parlamentariern unterstützt wird, versteht die Luzerner Nationalrätin nicht: «Als CVP müssen wir in ethischen Fragen besonders sensibel sein.»

Neyrinck begründet seinen Vorstoss mit den neuen Möglichkeiten der Gen-Medizin. Die Kosten für Tests seien «beträchtlich gesunken», sodass «routinemässige» Untersuchungen realistisch geworden seien. Damit könnten Erbkrankheiten rechtzeitig erkannt und behandelt werden, was die Kosten bei der Kranken- und Invalidenversicherung senken würde. Neyrinck, der diese Woche nicht erreichbar war, schreibt weiter: «Es ist wichtig, dass diese Datenbank den Betrieb so rasch als möglich systematisch aufnimmt» – im Interesse des Schweizer Forschungsplatzes.

Doch selbst CVP-Nationalrätin und WBK-Mitglied Kathy Riklin, als Universitätsrätin für Wünsche der Wissenschaft zugänglich, winkt ab: «Genetische Daten sind auch ein Geschäftsmodell. Mit einer Gendatenbank sind eher kommerzielle und weniger Forschungsförderungsinteressen verbunden».

Neyrinck fällt nicht das erste Mal mit einem genmedizinischen Vorstoss auf. Bereits 2010 forderte er, jeder Person das Recht auf einen Gentest einzuräumen, «selbst wenn keine besonderen medizinischen Gründe vorliegen». Der Waadtländer, selber Elektrotechniker, gilt als enger Freund von Patrick Aebischer, dem Präsidenten der EPF Lausanne, der als Mediziner der Gentest-Lobby angehört. Personalisierte Medizin gilt als nächstes grosses Geschäft in der Medizin. Anfang dieses Jahres sorgte ETH-Genetiker Ernst Hafen für Furore, der ebenfalls Gentests für alle forderte. Die Umtriebigkeit der Gen-Mediziner ist kein Zufall: Bis Ende Oktober lief die Vernehmlassung für die Ausführungsbestimmungen zum «Bundesgesetz über die Forschung des Menschen».

«Wir brauchen in diesen Fragen eine öffentliche Wertedebatte. Der Druck der Medizin ist gross und nimmt weiter zu», sagt Glanzmann. Die WBK hat Neyrincks Forderung einen Dämpfer verpasst: Die Kommissionsmehrheit hat seine Initiative in eine Motion abgeschwächt. Weil Neyrinck «nicht ausreichend darlegen konnte», was der Zweck dieser Datenbank ist, wie FDP-Kommissionspräsident Christian Wasserfallen sagt.

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