Plötzlich ist sie da, am frühen Donnerstagabend. Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf biegt um die Ecke, bei der Post am Bundesplatz, direkt gegenüber dem Bundeshaus. An ihrer Seite Kommunikationschefin Brigitte Hauser-Süess. Die beiden passieren BDP-Nationalrat Lorenz Hess, grüssen freundlich, bleiben aber nicht stehen. Eine Minute später biegt Bundesratssprecher André Simonazzi um die Ecke. «Jetzt gibts doch noch eine wichtige Medienkonferenz», frotzelt Hess.

Natürlich gibt es sie nicht an jenem Abend. Einiges deutet aber darauf hin, dass es nächste Woche so weit sein könnte. Im SP-Umfeld etwa geht man davon aus, dass sich Widmer-Schlumpf dann erklärt. Wohl vor Samstag, dem Tag, an dem die BDP im Berner Kursaal ihre Delegiertenversammlung abhält. Das würde eher auf einen Rücktritt hindeuten, weil ihr so Zeit bliebe, zunächst National- und Ständeratspräsidenten zu informieren, dann die Bundesräte einzeln und den Gesamtbundesrat. So wollen es die Gepflogenheiten.

Auch viele in der Bundesverwaltung tippen auf Rücktritt. Gute Quellen haben festgestellt, dass Widmer-Schlumpf ihre Geschäfte seit Jahresbeginn sehr klar so terminiert, dass sie Ende Jahr gehen könnte. Bei ihr gibt es nicht viele Zufälle. Auch wenn die Bündnerin den Medienvertretern am Mittwoch im Zusammenhang mit der Verschärfung der Kapitalvorgaben für die Grossbanken weiszumachen versuchte, die Terminierung sei nicht gezielt gewählt.

Widmer-Schlumpfs gemeinsamem Auftritt mit Nationalbankpräsident Thomas Jordan und Finma-Direktor Richard Branson haftete aber etwas Historisches an: Praktisch auf den Tag genau vor sieben Jahren, am 16. Oktober 2008, war sie schon einmal gemeinsam mit den Spitzen von Nationalbank und Finma aufgetreten. Damals sass auch Bundesrat Pascal Couchepin an ihrer Seite, heute ein guter Freund der Bündnerin. Bundesrat, Nationalbank und Finma verkündeten an jenem Tag die Rettung der UBS mit einem 60-Milliarden-Hilfspaket.

Widmer-Schlumpf sei es nicht unwichtig, wie sie in den Geschichtsbüchern dargestellt werde, sagen Personen, die sie gut kennen. Deshalb werde sie am Schluss ihrer Bundesratszeit nicht eine grosse Niederlage riskieren wollen.

Ob sie Bundesrätin bleibt oder nicht: Widmer-Schlumpf hat Erstaunliches geleistet und die Latte für ihren Nachfolger sehr hoch gelegt. Eine Grobanalyse zeigt, dass sie in ihren acht Jahren als Bundesrätin rund 190 Geschäfte des Bundesrats vor dem Parlament vertrat. Gut 140 davon allein in ihren fünf Jahren als Finanzministerin, und viele davon waren grosse und sehr komplizierte Vorlagen. 95 Prozent davon brachte sie trotz teilweise massiver Widerstände und Anfeindungen durch.

Zum Vergleich: Justizministerin Simonetta Sommaruga (SP) als Zweitaktivste vertrat in dieser Zeit rund 80 Geschäfte mit einer Erfolgsquote von etwa 90 Prozent. Alle übrigen Bundesratsmitglieder brachten zwischen etwa 40 und 60 Geschäfte vor die Räte. Höhere Erfolgsquoten als Widmer-Schlumpf hatten nur die beiden Freisinnigen.

Jetzt heisst es, nicht einmal BDP-Vertreter wüssten, was ihre Bundesrätin plane. Im Bild sind laut Insidern nur gerade fünf enge Vertraute und Weggefährten Widmer-Schlumpfs: ihr Ehemann Christoph, eine Tochter, Sohn Ursin, Jörg Gasser, Generalsekretär des Finanzdepartements (EFD), und Kommunikationschefin Brigitte Hauser-Süess. Letztere sagt dazu nur: «No comment.»

Am Tag nach den Parlamentswahlen, am Montag, hatten sich SP-Präsident Christian Levrat, CVP-Präsident Christophe Darbellay und BDP-Präsident Martin Landolt mit Bundesrätin Widmer-Schlumpf zu einer Standortbestimmung getroffen. Das bestätigen drei Quellen. Ob die Präsidenten da aber klare Signale empfangen haben, ist fraglich.

Eine entscheidende Rolle für die Bundesratswahl vom 9. Dezember kommt der CVP zu. Das sieht vor allem SP-Präsident Levrat so. «Eveline Widmer-Schlumpf muss nun entscheiden, ob sie weitermachen will oder nicht. Falls sie zurücktritt, muss die CVP entscheiden, ob sie einen zusätzlichen Sitz will», sagte er gegenüber dem «Tages-Anzeiger». «Das geht mich nichts an.»

Die CVP selbst hatte diese Woche gleich zwei Präsidiumssitzungen. An jener vom Montag trafen sich die Mitglieder, jene vom Mittwoch führten sie per Telefonkonferenz durch. Widmer-Schlumpf warte auf ein Zeichen für eine gemeinsame Fraktion zwischen CVP, BDP und GLP, sagen zwei CVP-Politiker. Beide halten fest: «Dieses Signal bekommt sie aber nicht.»

Fraktionschef Filippo Lombardi bestätigt: «Wie aus unserer Stellungnahme vom Mittwoch hervorgeht», sagt er, «sind die zwei Fragen nicht zu verknüpfen.» Die zwei Fragen sind: die Bundesratswahl und die Zusammenarbeit in der Mitte. Denn beschlossen hat die CVP, Sondierungsgespräche mit BDP und der GLP in die Wege zu leiten.

Diese Version deckt sich mit jener der BDP. «Es geht bei den Gesprächen zwischen BDP, CVP und GLP nicht um eine Widmer-Schlumpf-Rettungsaktion», betont BDP-Vizepräsident Lorenz Hess. «Auslöser waren auch nicht die Wahlergebnisse.» Die Erkenntnis, dass die Mitte eine Form der Zusammenarbeit für die nächsten vier Jahre finden müsse, sei schon vor den Wahlen gewachsen. Aus damals «unorganisierten Gesprächen» seien jetzt «organisierte» geworden. Auch er sagt: «Eine Fraktionsgemeinschaft ist in der kurzen Zeit bis zu den Bundesratswahlen gar nicht realisierbar.»

Ohne Widmer-Schlumpf stehen die Chancen der Mitte auf zwei Bundesratssitze aber schlecht. Eine aussichtsreiche eigene Bundesrats-Kandidatur der CVP scheint praktisch ausgeschlossen. Einerseits steht ihr die offizielle CVP-Kandidatur von Walter Thurnherr als Bundeskanzler im Weg. Andererseits täte sich die Fraktion äusserst schwer, sich auf einen Kandidaten zu einigen.

Geht Widmer-Schlumpf? Oder geht sie nicht? Sie hat in ihrem Umfeld auch schon gesagt, manchmal müsse man für seine Überzeugungen persönliche Risiken eingehen. Am Donnerstag war klar, wohin der Weg Widmer-Schlumpfs führte. «Wir gingen», sagt Brigitte HauserSüess, «doch einfach nach Hause.»

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