Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) kann das Thema Lehman Brothers noch nicht abhaken. Dafür sorgt der Aargauer Nationalrat Philipp Müller (FDP) mit einer Interpellation, die er in der Dezembersession einreichen wird. Müller will vom Bundesrat wissen, wie er die «eklatanten Widersprüche» zwischen dem Finma-Bericht vom März 2010 und dem vom März 2009 erklärt.

Vor drei Wochen veröffentlichte «Der Sonntag» den internen Finma-Bericht auf dem Internet. Der Bericht, der auf www.sonntagonline.ch abrufbar ist, setzt sich kritisch mit Schweizer Banken auseinander, die im grossen Stil strukturierte Lehman-Papiere an Schweizer Kunden verkauft hatten.

Die Finma und die stark kritisierte Credit Suisse spielten die Bedeutung des internen Berichts stets herunter. Nur der offizielle Bericht vom März 2010 stelle die verbindliche Position der Finma dar, liess der Regulator in Bern verlauten. Für die Credit Suisse sei der interne Bericht gar ohne jede Bedeutung.

Das sieht Finanzpolitiker Müller anders. Und mit ihm eine ganze Reihe geschädigter Lehman-Opfer, die zum Teil um ihre gesamten Ersparnisse gebracht wurden. Auf dem Bürotisch von Müller stapeln sich Korrespondenzen und Dossiers in dieser Sache. Insgesamt stellt Müller in seiner Interpellation acht Fragen an den Bundesrat.

Er will wissen, warum beispielsweise der Aspekt der «Credit Spreads» im Bericht vom März 2010 konsequent verschwiegen wurde, obwohl dieser im früheren Bericht noch eine zentrale Rolle gespielt hatte. Credit Spreads sind auch heute wieder in den Schlagzeilen in Zusammenhang mit der Schuldenkrise in Europa. Sie sind ein Indikator für die Bonität eines Landes oder eines Unternehmens.

Müller fragt: «Warum behauptet die Finma im Bericht vom März 2010, Lehman habe bis zum Zeitpunkt der Insolvenzerklärung über eine gute Bonität verfügt, obwohl im Bericht vom März 2009 darauf hingewiesen wird, dass zahlreiche Banken den Vertrieb von Lehman-Produkten aufgrund der Bonität bzw. des Kreditrisikos teilweise bereits früh im Laufe der Kreditkrise gestoppt hatten?»

Er will auch Klarheit über andere auffällige Unterschiede in den beiden Berichten. Wie könne die Finma im Bericht vom März 2010 behaupten, die Credit Suisse habe eine vergleichsweise grosse Anzahl von Kunden im Rahmen ihres Kulanzangebots ganz oder teilweise entschädigt, wo sie doch wissen musste, dass lediglich 3700 von 10000 Kunden ein Teilentschädigungsangebot erhalten haben und von 1,321 Milliarden Franken gerade einmal 150 Millionen zurückbezahlt wurden?

Der Bundesrat soll zudem Antworten liefern, warum die Finma bei der Beurteilung, ob strukturierte Produkte für Sparer und Kleinanleger geeignete Anlageinstrumente sind, eine «radikale Kehrtwende» vollzog, so Müller. Im ersten Bericht zog die Finma in Zweifel, ob strukturierte Produkte für Kleinsparer tatsächlich geeignet seien. Im Schlussbericht steht davon nichts mehr.

Müller erwartet die Antworten des Bundesrats bis März 2012 -- und mit ihm Tausende von Anlegern, die immer noch vor Gerichten für ihre Gelder kämpfen.

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