VON SANDRO BROTZ

Der Mann, der den beispiellosen Polit- und Wirtschaftskrimi auslöste, mag öffentlich nur noch über seine Malerei reden. Für Ex-Bundesanwalt und Bergmaler Valentin Roschacher ist der Fall Holenweger weit weg. Für jenen Mann, den Roschacher zum angeblich Drogengeld waschenden Bankier machte, ist er seit dem Moment seiner Verhaftung am 11. Dezember 2003, morgens um halb sieben Uhr, jeden Tag präsent. Oskar Holenweger – vom Verdacht der Drogengeldwäscherei entlastet, aber wegen Bestechung und Geldwäscherei angeklagt – musste bisher tief in die Tasche greifen. Allein die Anwaltskosten belaufen sich «auf den Wert eines Hauses», wie er einem Freund anvertraute. Nach Informationen von «Sonntag» liegt die Summe bei über einer Million Franken.

Weit mehr kostet die Untersuchung den Steuerzahler: «Über 200 Personen waren in das Verfahren involviert und haben Lohnkosten von 15 Millionen Franken verursacht», sagt SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli. Er bezieht sich dabei auf eine bisher nicht bekannte, exakte Aufstellung innerhalb der Bundesverwaltung.

Das Verfahren gegen den Gründer der Tempus Bank hat unzählige Untersuchungsorgane, Behörden und politische Gremien beschäftigt. Dabei sind Zehntausende von Mannstunden angefallen. Allein die Untersuchungsakten füllen über 100 Bundesordner. Es kam ausserdem zu elf Nebenverfahren. Mit dem Fall Holenweger befasst haben sich unter anderen:

2 Bundesanwälte (Valentin Roscha-cher, Erwin Beyeler)

2 Vize-Bundesanwälte (Michel-André Fels, Claude Nicati)

Mindestens 5 Staatsanwälte (Alberto Fabbri, Urs Fuhrer, Sara Schödler, Lienhard Ochsner, Thomas Wyser)

2 Eidgenössische Untersuchungsrich-ter (Ernst Roduner, Thomas Hansjakob)

Dutzende Mitarbeiter der Bundeskri-minalpolizei (unter Kurt Blöchlinger)

Mehrere Mitarbeiter beim Bundessicherheitsdienst

7 Gutachter (Georg Müller, Rolf Lüthi, Niklaus Oberholzer, Giovanni Biaggini, Bernard Bertossa, Andreas J. Keller, Niklaus Schmid)

Die Revisionsgesellschaft KPMG (12 Personen)

Die Eidgenössische Bankenkommission (heute Finma)

Die Geschäftsprüfungs-kommission, GPK, Subkommission Nationalrat (unter Lucrezia Meier-Schatz)

Die Geschäftsprüfungs-delegation GPDel (unter Hugo Fasel)

Damit schlägt der Fall Holenweger die Verfahrenskosten im Fall Werner K. Rey gleich um mehr als das Dreifache. Beim Pleitier waren es 4,5 Millionen Franken – und dabei sind die Gerichtskosten schon inbegriffen.

Während die Bundesanwaltschaft «generell keine Zahlen» bekannt geben will, äussert sich das Bundesstrafgericht in Bellinzona erstmals öffentlich in der Sache: «Die Bundesanwaltschaft bezifferte die Auslagen mit 116000 Franken und beantragt für das Vorverfahren für allgemeinen Amtsaufwand Gebühren von 67000 Franken», teilt der stellvertretende Generalsekretär Patrick Guidom dem «Sonntag» mit. Das Total von 183000 Franken wirkt vergleichsweise tief. Kein Wunder: Die Lohnkosten von 15 Millionen Franken sind darin nicht enthalten. Allein Bundesanwalt Roschacher, der seine Arbeit auf den Fall ausrichtete, verdiente jährlich rund 200000 Franken.

Der frühere Justizminister Christoph Blocher, zu dessen Abwahl die Affäre im Dezember 2007 letztlich führte, äusserte sich in seinem Internet-TV zur Anklage: «Der ganze Fall zeigt, wie schlecht die Bundesanwaltschaft organisiert ist.» Blocher wiederholte seine Aussage, dass der Fall Holenweger benutzt worden sei, «um einen politischen Putsch zu machen.»

Privatbankier Holenweger ist von der Anklage nicht überrascht. Er ging spätestens nach dem Bericht des Eidgenössischen Untersuchungsrichters Hansjakob von einer Anklageerhebung aus, wie mehrere Quellen bestätigen. Holenweger hofft, dass es jetzt schnell zu einem Prozess vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona kommt. Die Anklagepunkte wertet er als Versuch, ihm mit konstruierten Fakten einen Strick drehen zu wollen. Holenweger gehe die jahrelange Vorverurteilung an die Substanz, sagen Freunde übereinstimmend.

Offiziell lässt Star-Anwalt Lorenz Erni (Roman Polanski, Philippe Bruggisser, Corine Mauch) nur verlauten, dass sein Klient «sämtliche Vorwürfe bestreitet». Nach Informationen des «Sonntags» versuchte Erni noch am Mittwochnachmittag erfolglos, bei der Bundesanwaltschaft mehr Informationen zu einer Medieneinladung zu bekommen. «Orientierung über das Verfahren gegen den Privatbankier H.», kündigte die Bundesanwaltschaft darin lediglich an. Erni erhielt die Anklageschrift aber trotz Interventionen erst am Donnerstagmorgen um 8 Uhr – mit der Post.

Derweil ist der ehemalige Bundesanwalt Roschacher weiter auf Motivsuche in den Bergen. Oder wie er auf seiner Homepage schreibt: «Ich steige hinauf in die Bergwelt und spüre edle Kraft, Vernunft, Respekt, Solidarität und Anstand.»

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