In der Frühlingssession zeigte sich: Interessenvertreter stehen Schlange, um Petra Gössi kennen zu lernen. Trotz dicht gedrängtem Terminkalender kam die Schwyzer Nationalrätin am Freitag um 18 Uhr zum Interview ins Luzerner Hotel Waldstätterhof. Am Samstag wird sie zur neuen FDP-Präsidentin gewählt.

Frau Gössi, Sie werden als «Kommandoüberfall von rechts» beurteilt …
Petra Gössi: Das wusste ich nicht. (Lacht schallend) Das habe ich noch nie gehört.

SP-Präsident Christian Levrat sagte das in der NZZ über Sie als neue FDP-Präsidentin und über Gerhard Pfister als dem neuen CVP-Präsidenten.
Da muss ich lachen. Was hat man nicht alles über Philipp Müller gesagt, als er FDP-Präsident wurde. Seine Entwicklung zeigt, dass man sich als Präsident einmittet, weil es selbstverständlich ist, dass man die Mehrheitsmeinung der Partei vertritt. Aber ich bin natürlich keine Windfahne. Ich habe mein Profil, werde ihm treu bleiben. Auch als Präsidentin bleibe ich Nationalrätin und habe eine persönliche Meinung. Darin bildet sich die Region ab, aus der ich komme: die Zentralschweiz.

SP-Nationalrat Cédric Wermuth sieht Sie als «beinharte Vertreterin des Innerschweizer Privilegienfreisinns».
Diese Aussage bekam ich mit. Ich habe in der letzten Legislatur mit Wermuth in der Finanzkommission gearbeitet. Er vergisst jedoch, dass die FDP in erster Linie eine Volkspartei ist. Als Finanzpolitikerin fasse ich eine solche Aussage eines Sozialisten jedoch als Kompliment auf.

Weshalb?
Sie zeigt, dass ich ein klares Profil habe. Und: Wenn einer ideologisch unterwegs ist, dann er.

In der SP scheinen Sie ein Feindbild zu sein ...
Das stört mich nicht. Wir vertreten logischerweise andere Positionen.

... vielleicht gerade auch, weil die Zentralschweiz für die SP zur Wüste zu werden droht. Am Sonntag kämpft in Uri der letzte SP-Vertreter in der Innerschweiz um seinen Regierungssitz.
Es hilft der Schweiz nicht, wenn die SP in die Opposition geht. Was in Schwyz Andy Tschümperlin passiert ist, wünsche ich niemandem. Ich kämpfe nicht gegen die SP als Partei. Auch in Schwyz nicht. Ich stehe aber klar für liberale Positionen ein.

Ausgerechnet Sie gingen aber für die Schwyzer Regierungsratswahlen ein Bündnis mit der SVP ein.
Das liegt darin begründet, dass die CVP drei statt der zwei Regierungsrats-Sitze beanspruchte, die sie hat. Die CVP hat mit ihren Nominationen unseren FDP-Regierungsrat angegriffen. Obwohl sie die Nationalratswahlen verlor. Selbstverständlich konnten wir diesen Angriff nicht unbeantwortet dulden.

Wie wollen Sie sich im Spannungsfeld SVP, CVP und SP bewegen?
Zunächst müssen wir als Partei unsere eigene, klar erkennbare Position weiterhin vertreten, die uns unser Profil gibt.

Und wie soll sie aussehen?
Die Partei soll klar auf der liberalen Linie erkennbar bleiben. Wir sind die einzige liberale, bürgerliche und reformorientierte Kraft der Schweiz, treten für Öffnung und Eigenverantwortung ein.

Sie brauchen aber Mehrheiten.
Es geht dann darum, sie zu suchen. Im Falle der Individualbesteuerung können wir sie mit der SP finden. In der Finanzpolitik eher mit der SVP – und vielleicht mit der CVP, je nachdem, wie sie sich entwickelt. Geht es um Ausländer-, Migrations- und EU-Fragen, kommt für uns die SVP als Partnerin nicht infrage: Wir sind keine Abschottungspartei.

Persönlich gelten Sie als gesellschaftspolitisch sehr konservativ. Wie wollen Sie die FDP hier positionieren?
In der FDP haben wir auch eine gesellschaftsliberale Strömung. Dagegen sperre ich mich nicht. Ich bin nicht dogmatisch. Aber ich werde bei solchen Fragen nicht an vorderster Front stehen.

Ein anderes Spannungsfeld betrifft die Menschenrechtskonvention (EMRK). Gemäss Smartvote wollen Sie nicht, dass Entscheide des Gerichtshofes (EGMR) verbindlich sind.
Ich stelle weder die Menschenrechte noch den Gerichtshof infrage. Ich bin Juristin und mit der sehr starken Tradition gross geworden, welche die Schweiz in Sachen Menschenrechte hat. Doch einen Punkt hinterfrage ich kritisch. Die EMRK wurde geschaffen, um gewisse Minimalstandards der Menschenrechte zu etablieren. Die Strassburger Richter greifen mit ihrer Rechtsprechung jedoch in immer detailliertere Fragestellungen ein, die nichts mit Menschenrechtsschutz zu tun haben. Mir geht es also nicht etwa darum, die SVP-Selbstbestimmungs-Initiative zu unterstützen.

Sie sind gegen diese Initiative?
Ja. Kommt diese Initiative durch, verliert die Schweiz an Glaubwürdigkeit und Rechtssicherheit. Sie wäre kein verlässlicher Vertragspartner mehr. Wir gäben alles auf, was uns in den letzten Jahren zum Erfolg verhalf. Hier geht es um die Öffnung der Schweiz.

Die EMRK wollen Sie jedoch nicht auflösen?
Nein. Das geht mir zu weit.

Einiges deutet darauf hin, dass Sie sich am stärksten an CVP-Präsident Gerhard Pfister reiben werden.
Es würde mich nicht mal erstaunen, träfe Ihre These zu (lacht).

Weshalb nicht?
Mit Gerhard Pfister bewegt sich die CVP verstärkt zurück ins bürgerliche Lager. Dort gibt es bereits starke Parteien. Das führt automatisch zu Reibungen.

Der Wettbewerb dort wird härter?
Meine Erfahrung aus der Zentralschweiz war eine andere: Die CVP politisiert klar auf linker Linie, mit der SP. Viele CVP-Unternehmer kamen deshalb zur FDP. Sobald sie das Wertkonservative in der CVP wieder finden, kann die CVP wieder bürgerlicher werden.

Diese Unternehmer kehren zurück?
Auch Bauern könnten zur CVP zurückkehren. Es tut der Politik gut, wenn die SVP ein wenig an politischer Stärke verliert. Das wird das Klima auflockern.

Vielleicht will Pfister die CVP zur besseren FDP machen.
Das wird der CVP nicht gelingen. Die CVP ist wertkonservativ. Die FDP aber ist die einzige Partei, die liberal, bürgerlich und reformorientiert ist. In Wirtschaftsfragen haben wir eine sehr hohe Glaubwürdigkeit. Wir sind als Wirtschaftspartei das liberale Original – wir sind der Garant für das Erfolgsmodell Schweiz.

Eine GfS-Nachanalyse zur Durchsetzungs-Initiative zeigte gemäss «SonntagsBlick»: Die FDP hat ein Wählerpotenzial von 25 Prozent. Was ist Ihr Ziel?
2015 schafften wir es nicht, die SP zu überholen. Doch 2019 gelingt uns das – wir überholen sie. Unsere grosse Herausforderung liegt in der Mobilisierung.

Wie wollen Sie besser mobilisieren?
Wichtig ist, dass unsere Exponenten aus allen Regionen zu den Leuten gehen. Ich war im Kanton Schwyz in den letzten vier Jahren sehr viel unterwegs und konnte meine Stimmenzahl verdoppeln. Dafür muss man erlebbar und spürbar sein. Philipp Müller konnte das hervorragend. Aber auch ich kann es. Auf der Strasse kann ich mit jedem sprechen. Auch wenn mir das keiner glaubt, der mich nicht kennt.

Sie gelten als trocken.
Ich weiss, dass ich konzentriert oder streng aussehen kann. Doch an einem Stammtisch kann ich mich problemlos mit allen unterhalten. Am Donnerstag war ich bei der FDP in Genf. Ich parlierte Französisch – und erhielt gute Feedbacks. Es war super. Ist man herzlich und motiviert, mobilisiert das sofort.

Philipp Müller sagt, Sie seien gewinnender als er.
Ein schönes Kompliment. Ich trete aber in grosse Fussstapfen. Er führte uns zu einem riesigen Erfolg. Das ist eine echte Herausforderung. Der Respekt ist entsprechend gross. Aber Herausforderungen sind dazu da, gemeistert zu werden.

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