Herr Blocher, die neuste Umfrage gibt der MasseneinwanderungsInitiative nur wenig Chancen. Haben Sie schon verloren?
Christoph Blocher: Sicher nicht. Die Umfrage wundert mich nicht: Claude Longchamp hat sich mit seinen Befragungen schon bei der Minarett-Initiative und bei der Autobahnvignette die Finger verbrannt. Schauen Sie: Es braucht viel Mut, bei einer Befragung am Telefon dazu zu stehen, jetzt Ja zu stimmen. Denn das haben ja die Wirtschaftsverbände verboten! Es herrscht eine Art Pogrom-Stimmung gegen uns, die Gegner sprechen von der «SVP-Abschottungs-Initiative».

Die SVP ist normalerweise auch nicht gerade zimperlich in Abstimmungskämpfen.
Die Verbände verhalten sich kurzsichtig und verantwortungslos, wenn sie uns nun dumm hinstellen. Wir waren es, die den Kampf gegen die 1:12-Initiative angeführt haben, weil wir die glaubwürdige Wirtschaftspartei sind – die FDP gilt als zu nahe bei den Abzockern. Diesen Kampf haben wir für die Wirtschaft gewonnen. Und wir werden uns auch gegen die Mindestlohn-Initiative der Gewerkschaften mit aller Kraft engagieren.

Ist der Absender SVP für die Initiative ein Nachteil?
Das scheint mitzuspielen, obwohl wir diesmal zurückhaltend auftreten. Interessant an der Umfrage ist ja, dass unsere Argumente mehrheitsfähig sind: Man will die Einwanderung wieder selber in die Hand nehmen, sorgt sich um die Arbeitsplätze und um die Verknappung infolge der Zuwanderung. Zu den Argumenten kann man einfacher stehen als zu einer Initiative, die von der SVP kommt.

Vielleicht ist das Volk skeptisch, weil die Initiative unscharf formuliert ist und keine Obergrenze bei der Einwanderung nennt?
Wir schlagen vor, dass man zur Einwanderungspolitik zurückkehrt, welche die Schweiz 2002 bis 2006 hatte. Es konnten damals nur die Ausländer kommen, die man brauchte. Die anderen nicht. Heute können alle kommen. Damals gab es einen Vorrang für Inländer, jetzt einen Vorrang für Europäer. Wenn Economiesuisse sagt: Das nützte nichts, dann ist das falsch! Es funktionierte, und pro Kopf ist die Wirtschaft gewachsen. Eine fixe Obergrenze für die Einwanderung in der Initiative festzulegen, wäre problematisch. Es soll Schwankungen geben können.

Bei der Ausschaffungs-Initiative, die Sie beim Volk durchgebracht haben, war die SVP-Kampagne
viel aggressiver. Ist die SVP diesmal zu nett?

Wir machen eine tiefsinnige Kampagne mit dem Titel «Masslosigkeit schadet». Das ist nicht so einfach zu vermitteln, aber es ist die richtige Botschaft. Wir sind ja nicht gegen Zuwanderung an sich, sondern nur gegen masslose Zuwanderung. Aber nochmals: Ich gehe davon aus, dass viel mehr Leute unsere Initiative unterstützen, als es in den Umfragen zum Ausdruck kommt. In der Deutschschweiz merken wir zudem bei den gedruckten Medien, dass sie nicht ganz so einseitig berichten wie damals bei den Abstimmungen über den EWR oder über die Ausschaffungsinitiative – die wir trotzdem gewonnen haben.

Das ist neu: Sie loben die Medien?
Loben wäre zu viel, aber in der deutschen Schweiz haben nicht alle Zeitungen gemauert und nur die Vorteile der Personenfreizügigkeit gepriesen. Das heisst aber nicht, dass sie auf unserer Seite sind.

In vier Wochen wird abgestimmt, was unternehmen Sie, um die Stimmung noch zu wenden?
Wir werden noch einige Inserate schalten, aber es wird von unserer Seite her nicht der ganz grosse Kampf sein, wir werden die Schweiz nicht mit Inseraten zupflastern. Wir haben unsere Mittel ausgegeben.

Sie könnten ja selber noch Geld lockermachen.
Ich habe einen namhaften Betrag investiert, viele andere haben auch Geld geben – bei uns tut das jeder aus dem eigenen Sack und nicht, indem sie es den Firmen wegnehmen. Wir haben nie so viel Geld wie Economiesuisse, die wohl 7 bis 9 Millionen ausgibt.

Haben Sie schon aufgegeben?
Nein, wir machen weiter. Eine Überraschung ist möglich. So wie 1992 beim EWR, wo auch niemand damit rechnete, dass wir gewinnen würden.

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