VON OTHMAR VON MATT

Herr Gaillard, die SP sagt, Bundesrätin Doris Leuthard erinnere in der Krise an jemanden, der vom Hochhaus falle und bei jedem Stockwerk denke: «Bis jetzt geht alles gut.»
Seit Mitte der Siebzigerjahre haben Bundesrat und Nationalbank noch nie so schnell auf eine Wirtschaftskrise reagiert. In den Neunzigerjahren hatten wir zwei Jahre nach Krisenbeginn noch Zinsen von 8 Prozent, der Bundesrat hatte nichts unternommen. Heute, nach sechs Monaten Rezession, wurden die Zinsen auf 0,5 Prozent gesenkt, Bundesrat und Parlament haben zwei Stabilisierungspakete beschlossen. Zudem sind wir gerade bei der Arbeitslosenversicherung (ALV) viel besser vorbereitet. Sie verfügt über eine halbe Milliarde für arbeitsmarktliche Mass-nahmen. Der Vorwurf trifft nicht zu.

Die SP spricht von bis zu 60 000 Jugendarbeitslosen.
Dies ist – nach unseren Prognosen – glücklicherweise um den Faktor zwei überzeichnet. Wir gehen aber davon aus, dass die Jugendarbeitslosigkeit in diesem Sommer stark ansteigt. Wichtig ist deshalb, dass die Unternehmen diesen Sommer ihre Lehrlinge möglichst weiterbeschäftigen.

Rufen Sie die Unternehmen dazu auf?
Wir sind im Gespräch mit den Sozialpartnern. Zudem bietet die ALV die Möglichkeit, Jugendlichen ohne Stelle Praktika zu ver-schaffen, um berufliche Erfahrungen zu sammeln. Wir werden die Zahl der Praktika bis 2010 von 2000 auf rund 4000 ver-doppeln. Wir verfügen bei der ALV über viele Instrumente, um die Jugendlichen zu unterstützen, etwa Motivationssemester. Kantone und Bundesamt für Berufsbildung bauen zudem in der ganzen Schweiz ein Coaching auf. Jugendliche mit schulischen Schwierigkeiten werden bei der Stellensuche unterstützt. Und man darf nicht vergessen: In der Schweiz gibt es sehr viele Weiterbildungsmöglichkeiten. Ein Teil der Jugendlichen ohne Stelle beginnt ein Studium an einer Fachhochschule.

Wie viel Geld sprechen Sie?
2008 gaben wir für arbeitsmarktliche Massnahmen über 500 Millionen aus. Für 2010 rechnen wir mit über 800 Millionen. Der Aufbau kommt leicht verzögert, weil die Kantone Zeit benötigen, um die Massnahmen einzukaufen.

Wie stark sind Schulabgänger betroffen, die eine Lehrstelle suchen?
Dank enger Zusammenarbeit zwischen den Behörden und den Sozialpartnern konnte die Zahl der Lehrstellen im letzten Jahr um 10 000 erhöht werden. Wir haben erste Hinweise, dass die Zahl im Sommer auf diesem hohen Niveau bleibt. Das ist erfreulich. Viele Unternehmen haben in den letzten Jahren neue Lehrstellen geschaffen, auch in Spitälern. Dies wirkt 2009 noch stabilisierend. Deshalb haben wir in der Schweiz eine rekordtiefe Arbeitslosigkeit für unter 20-Jährige.

Wie sieht es für 2010 aus?
Wenn diese Rezession lange dauert, wird es 2010 schwieriger.

Haben Sie einen Plan B?
Die ALV ist eine atmende Organisation. Wir geben den Kantonen Geld nach mathematischen Formeln und in Abhängigkeit der Zahl von stellensuchenden Personen. Wir können die Mittel erhöhen, ohne ein Gesetz ändern zu müssen. Wir rechnen bei den Regionalen Arbeits-vermittlungszentren (RAV) bis Ende Jahr mit einem Zuwachs von gegen 300 Personalvermittlern. Auch die Arbeitslosenkassen werden dieses Jahr mehr als 120 zusätzliche Personen einstellen. Auf diese Art können wir rasch reagieren, wir verschulden uns aber. Das geht nur unter der Vor-aussetzung, dass wir die Schulden im nächsten Aufschwung zurückzahlen. Das taten wir im letzten Aufschwung leider nicht, weshalb wir mit 4 Milliarden Schulden in die neue Rezession gestartet sind.

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