Die bröckelnden Bande zwischen der Deutschschweiz und der Romandie sollen gestärkt werden. Dafür setzt sich der Schweizer Schulleiterverband (VSLCH) ein. «Der Französischunterricht darf nicht aus der Primarschule verschwinden, sondern muss Vorrang vor Englisch erhalten», sagt Bernard Gertsch, Präsident des VSLCH. Wenn Schüler eine zweite Landessprache beherrschten, trage dies zur nationalen Einheit bei.

Deshalb wollen die Schulleiter nun Partnerstädte und Partnerschulen in allen Sprachregionen finden. Sie unterstützen damit ein Projekt der ch-Stiftung für eidgenössische Zusammenarbeit, das von allen 26 Kantonen getragen wird. Unter dem Namen «Schulreise Plus: Von der Schulreise zum Austauschtag» sollen zwei Klassen aus unterschiedlichen Sprachregionen miteinander in Kontakt treten – eine Art Mini-Erasmus für Primar- und Oberstufenschüler.

Ziel ist es, den Fremdsprachenunterricht spannender und alltagstauglicher zu gestalten. Eine reisende Klasse besucht eine Schulklasse vor Ort. Diese wird zum Gastgeber und Reiseführer für lokale Sehenswürdigkeiten. Das Projekt startet kommenden Herbst und hat bereits prominente Unterstützer. SRG-Chef Roger de Weck und Bundesrat Alain Berset fungieren als Patrons.

Berset hatte diese Woche den Sprachenstreit neu befeuert. Dass in der Primarschule nur Englisch unterrichtet werde, sei keine Option, sagte er im Parlament und drohte den Kantonen mit einem Machtwort aus Bern. Ungewöhnlich deutliche Worte im föderalistisch geprägten Schulsystem der Schweiz.

Damit reagierte Berset auf Pläne mehrerer Deutschschweizer Kantone, in der Primarschule einzig Englisch zu unterrichten. Französisch oder Italienisch würden dadurch in die Oberstufe verbannt werden.

Für Altbundesrat Pascal Couchepin, den ehemaligen Innen- und Kulturminister, ist die Entwicklung alarmierend. «Falls wir nicht aufpassen, driften die Sprachregionen noch weiter auseinander», sagt er. Dabei sei es eine grosse Schweizer Stärke, dass verschiedene Kulturen zusammenlebten. «Es ist gefährlich, wenn Kantone der Deutschschweiz den Französisch- oder Italienischunterricht ganz aus der Primarstufe streichen», sagt Couchpin. «Das sendet ein fatales Signal in die Westschweiz.»

Der Sprachenstreit brodelt bereits seit Monaten. Lehrer und Politiker von links bis rechts begehrten gegen zwei obligatorische Fremdsprachen für Kinder unter 12 Jahren auf. In Uri lernen Primarschüler bereits nur eine Fremdsprache: Englisch. Und das dürfte keine Ausnahme bleiben. In Graubünden kam zuletzt eine Initiative für nur eine Fremdsprache zustande. Weitere Vorstösse wurden in Schaffhausen, Baselland, im Thurgau, in Solothurn, Nidwalden und Luzern lanciert.

Experten gehen davon aus, dass jedes fünfte Kind mit zwei obligatorischen Fremdsprachen überfordert ist. Das bemängelt auch der Schweizer Lehrerverband (LCH). Zwar wollen die Lehrer weiterhin zwei Fremdsprachen unterrichten, lernschwache Schüler sollen davon allerdings befreit werden. Lehrer-Präsident Beat Zemp sieht weiteren Handlungsbedarf: Schüler sollen mindestens drei Lektionen pro Woche Französisch büffeln. Heute sind es oft nur zwei Stunden.

Notfalls will der Lehrerverband seine Anliegen mit einer nationalen Volksinitiative durchsetzen, wie Zemp zuletzt ankündigte. Doch dafür sei es noch zu früh. Derzeit läuft die Übergangsfrist für die Umsetzung des Harmos-Konkordats. Bis 2015 haben die Kantone Zeit, sich auf eine gemeinsame Fremdsprachenstrategie zu einigen. Doch wird das immer unwahrscheinlicher. Bereits heute diskutieren die kantonalen Erziehungsdirektoren über eine Verlängerung der Frist – damit sie eine Harmonisierung auch ohne Bundesintervention erreichen.

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