Herr Brunner, die SVP ist im Dauerwahlkampf.
Toni Brunner: Wir nehmen die Wahlen 2011 sehr ernst. Für uns ist das die wichtigste Abstimmung der Legislatur. Wir müssen die Leute mobilisieren, mit ihnen reden, sie überzeugen, wählen zu gehen. Von den Nichtwählern sind etwa 40 Prozent SVP-affin. Da liegt ein riesiges Potenzial brach.

Werden Sie Ihr Wahlziel erreichen und die 30-Prozent-Marke knacken?
Wir sind gut im Schuss. Wir werden aber extrem bekämpft – leider nicht auf der sachlichen Ebene, wo wir die Argumente auf unserer Seite haben, sondern wir werden seit Wochen als Partei verunglimpft.

Von wem?
Auch von Ihrer Zeitung. Weil man uns nicht mit Argumenten beikommt, müssen wir uns viel gefallen lassen. Man operiert mit Unwahrheiten.

Zum Beispiel?
«Der Sonntag» unterstellte uns in einem Artikel, wir hätten CVP-Politiker gekauft. Wer dies behauptet, lügt.

Zwei CVP-Politiker sagten in schriftlich abgesegneten Zitaten, ihnen seien direkt oder indirekt finanzielle Unterstützung und Karrieremöglichkeiten angeboten worden. Dass Geld geflossen sei, stand nicht.
Entscheidend ist gar nicht, was Sie schreiben. Sondern wie es rüberkommt: Die SVP kauft keine CVP-Politiker. So ein «Seich». Diese Story ist erfunden.

Sie ist nicht erfunden. In einem Fall gibt es schriftliche Beweise.
Dann soll man das bitte offenlegen. Das nähme mich nämlich auch wunder. Ich habe die angeblichen Fälle abgeklärt, und die Leute sind sehr erbost über diese Behauptungen. In einem Artikel der «SonntagsZeitung» stand zudem, die SVP habe 200 bis 300 Millionen in einer Stiftung. Das ist schlicht lächerlich.

Die «Weltwoche» schrieb, die Stiftung habe ein Vermögen von 104 000 Franken. Sie als Stiftungsrat können jetzt sagen, welche Zahl stimmt.
Wenn die «Weltwoche» etwas schreibt, ist es fundiert recherchiert. Ich kann aber nicht bei jeder falschen Geschichte wie ein aufgeregtes Huhn durch die Gegend hüpfen, ich rücke sie gerade, wenn ich wie jetzt die Gelegenheit dazu habe. Aber der SVP gegenüber kann man sich offenbar alles erlauben. Auch bei den Behörden. Wir wurden gezwungen, mit unserem Familienfest auf den 10. September auszuweichen. Obwohl wir in einem freien Land leben, in einer Demokratie. Ich zweifle daran, dass die politischen Verantwortlichen der Stadt Bern wirklich gewillt sind, uns den nötigen Schutz zu geben.

Man hat das Gefühl, der Wahlkampf habe gar noch nicht begonnen.
Man verweigert sich den Themen, lässt keinen Wahlkampf mehr zu. Der «SonntagsBlick» und «Der Sonntag» haben sich geweigert, unser Inserat zu drucken, in dem wir den Fall Interlaken thematisierten, wo ein Mann aufgeschlitzt wurde. Das ist Zensur.

Die Ablehnung wurde juristisch begründet: Sie können nicht alle Kosovaren verunglimpfen, wenn einer ein Verbrechen begeht. Sie haben das Inserat dann selbst korrigiert.
Es waren zwei. Wenn man nicht mehr sagen darf, was ist, ist das Zensur. Die SVP wird zunehmend ausgegrenzt. Man geht den wirklichen Problemen aus dem Weg. Die SP verweigert sich der Diskussion, auch bei den anderen Parteien stelle ich Ähnliches fest. Wir haben eine extrem verletzte FDP. Einige Exponenten haben nie verkraftet, dass die SVP stärker geworden ist.

Das ist auch nicht einfach.
Nein. Man könnte aber bei der FDP auch Grösse zeigen. Statt immer noch auf dem hohen Ross zu hocken, wäre etwas mehr Bescheidenheit ratsam. Nehmen wir die Zuwanderungs- und Migrationspolitik: Hier hat die SVP mit ihrer Initiative gegen die Massenzuwanderung eine eigene Lösung als Diskussionsgrundlage auf den Tisch gelegt. Statt eigene Vorschläge zu bringen, werfen die Freisinnigen mit Kraftausdrücken gegen uns.

Die anderen Parteien werfen der SVP im Gegenzug vor, sie sage Nein zu allen Kompromissen. Etwa bei der Umsetzung der Ausschaffungs-Initiative.
Es darf hier keinen Kompromiss geben. Es handelt sich nun um einen Auftrag der Schweizer Bevölkerung. Wir werden sehr hartnäckig bleiben. Die SVP akzeptiert Mehrheitsentscheide immer. Jetzt gehörten wir für einmal zu den Gewinnern. Nun darf die Demokratie nicht zur Einbahnstrasse verkommen. Gewinnen die «Falschen», werden plötzlich Volksentscheide nicht mehr akzeptiert und umgesetzt. Das ist fatal und es geht um die Frage, wie man in Zukunft mit den demokratischen Rechten und einer Volksmehrheit umgeht. Hier sehe ich ein grosses Betätigungsfeld auf die SVP zukommen.

Ein Schwerpunkt in der nächsten Legislatur?
Ja. Die anderen Parteien wollen eine Schwächung der Volksrechte und dem Volk das letzte Wort wegnehmen. Die SVP will die Volksrechte aber stärken. Das ist für uns der Grundpfeiler der direkten Demokratie. Sie ist einmalig in Europa.

Welche weiteren Themen werden Sie bearbeiten?
Die souveräne und selbstbewusste Positionierung der Schweiz in Europa, nebst der selbstständigen Steuerung der Migration. Die SVP wird sich in der nächsten Legislatur auch stärker der Medienpolitik annehmen.

Wie?
Wir haben ein völlig verunglücktes Radio- und Fernsehgesetz, in welchem Politiker entscheiden, wer wo Konzessionen erhält. Und das in einem freien Land. Die Medienlandschaft ist zudem unglaublich durchreguliert. Mit dem Gebührensplitting hat man auch noch alle regionalen Sender ruhiggestellt. Wir haben heute einen Einheitsbrei in der Tagespresse. Ich will den Wettbewerb stärken. Und ich möchte in meiner Amtszeit einmal erleben, dass die SVP aus einer Redaktionsstube Flankenschutz für eine politische Idee erhält. Das gibt es praktisch nicht. Ich kann nicht verstehen, wie unsouverän man in diesem Land mit abweichenden Meinungen umgeht. Wir müssen wieder kämpfen für den Grundwert der freien Meinungsäusserung. Offenbar hat man einen Heidenrespekt vor der SVP. Das wiederum werte ich als positives Zeichen.

Wie viel Geld gibt die SVP für den Wahlkampf aus?
Ich äussere mich nicht zu Zahlen. Aber wir sind nicht wesentlich präsenter als die andern Parteien, das ist ein Märchen! Schauen Sie mal all die Plakate der beiden Mitteparteien. Da ist offensichtlich viel Geld vorhanden.

CVP und FDP haben je rund 3 Millionen Franken. Sie haben 20 bis 25 Millionen, schätzt CVP-Präsident Christophe Darbellay.
Totaler Blödsinn! Herr Darbellay verbreitet damit gezielt Unwahrheiten, die jenseits von Gut und Böse sind.

Dann sagen Sie uns doch die richtige Zahl!
Ich sagte vorhin, dass wir das nicht tun. Wir haben keine staatliche Parteienfinanzierung. Wir werden aber unsere Präsenz im Schlussspurt vor den Wahlen noch mit Plakaten auf Bauernboden verstärken. Das ist kostengünstig und geht, da wir der Landwirtschaft sehr verbunden sind.

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