Hochgeladen auf Youtube wurde das Video am 10. Dezember 2011, von einem User namens «Hancerova». 2436 Personen wollten das Märtyrer-Video zu Barbara Anna Kistler bisher sehen, der Schweizer Guerilla-Kämpferin im türkischen Kurdistan. Es zeigt Kistler mit Sturmgewehr und als weibliche Che-Guevara-Illustration.

Kistler, 1955 in Zürich geboren, starb 1993 im kurdischen Dersim, nachdem sie Ende 1992 von türkischen Soldaten schwer verwundet worden war. Kistler hatte sich der maoistischen TKP/ML (Türkiye Komünist Partisi/Marksist-Leninist) angeschlossen. «Wir haben es unserem Volk versprochen, wir werden nie schweigen», heisst es in einem Song über sie. «Lawinen fallen, Stürme gehen über uns, Barbara ist die Sonne von Munzur!» Erwähnt wird sie auch im Buch «Zwei Jahre bei der kurdischen Frauenarmee» der deutschen Guerilla-Kämpferin Anja Flack von 2003. Es sei den Frauen um nichts Geringeres gegangen «als den Aufbau der ‹weltweit ersten Frauenarmee›», schrieb die «TAZ» 2004.

Mit Kistler befasst hat sich auch Res Strehle, heute Chefredaktor des «Tages-Anzeigers». In einem Nachruf. Kistler sei mit der «Waffe in der Hand» gestorben, schrieb er. Mit der «Konsequenz ihres Handelns» habe sie für viele einen Massstab gesetzt: «Barbara presente!»

Publik gemacht hatte das, vier Jahre vor der «Weltwoche», die «Wochenzeitung» (WoZ). Kistlers Spur führt ins Zentrum des militanten linken Umfelds Zürichs der 1980/90er-Jahre. Der Bruder Kistlers soll der Freund von Andrea Stauffacher gewesen sein. Diese wiederum begründete 1992 den Revolutionären Aufbau Zürich (RAZ) mit, eine antikapitalistisch-marxistische Organisation mit Kontakten zur internationalen linksextremistischen Szene. Vor allem zu den italienischen Roten Brigaden.

Die WoZ befand sich damals im Spannungsfeld zwischen linkem Journalismus und linkem Extremismus. Strehle war 1981 einer ihrer Mitgründer. 1986 verliess er sie, nach einem «Machtkampf von epischer Dimension», wie der Ökonom Gian Trepp in seinem Blog schreibt. «Zentraler Streitpunkt war die Anschaffung eines Computers. Zur Hölle mit dieser Ausgeburt des Schweinesystems, sagte damals die Strehle-Fraktion, damit werden nur Revolutionäre ausspioniert.»

1993 kam es erneut zu Differenzen: Die WoZ lehnte es ab, Strehles Nachruf auf der Titelseite zu drucken und publizierte einen Text der heutigen Redaktionsleiterin Susan Boos. Der Nachruf erschien eine Woche später im Innenteil. Boos: «Der RAZ wollte uns diktieren, was wir über den angeblichen Tod Kistlers schreiben sollten. Wir fanden die Umstände aber irgendwie komisch. Für uns war das kein Heldenepos.»

Es war Markus Somm, heute Chefredaktor der «Basler Zeitung», der sich per Leserbrief einschaltete. «Ein beeindruckender sensibler Nachruf von Res Strehle erscheint, und überrascht erfährt man, dass dieser Artikel viel zu pathetisch ist und Gott sei Dank eine Woche zuvor kurzfristig aus der Zeitung gekippt wurde», schrieb Somm, gemäss Insidern im Auftrag einer Freundin. «Über den politischen Standort der WoZ war man schon verunsichert genug, jetzt muss man zusätzlich an den journalistischen Qualitätsstandards zweifeln.» Somm schrieb vom «politischen Weg einer aussergewöhnlich mutigen Frau», die «andere Mittel wählte als Lichterketten und Versöhnungstee­Runden».

Somm galt als Trotzkist und war GSoA-Mitglied. Kurze Zeit später wurde er Inland-Redaktor des «Tages-Anzeigers». Viele linke Aktivisten hätten damals den «definitiven Weg zurück in den bürgerlichen Schoss über die Medienkarriere» gefunden, sagt Kurt W. Zimmermann, Kolumnist und Unternehmensberater: Jürg Wildberger und Filippo Leutenegger über das Fernsehen, Thomas Held via Ringier, Kenneth Angst via NZZ, Strehle und Somm via Tamedia.

Es war ein USA-Aufenthalt, der Somm zur politischen Neu-Positionierung nach rechts bewog. Danach wechselte er zu Roger Köppels «Weltwoche», er schrieb 2009 Christoph Blochers Biografie «Der konservative Revolutionär» und wurde 2010 Chefredaktor der «Basler Zeitung«, die Blocher kontrolliert.

Ebenfalls zu den Mitbegründern der WoZ gehörte der heutige FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger: «Nur hielt ich es dort nur ein Jahr aus, das war mir zu ideologisch.» Italien, wo er aufwuchs, prägte ihn. Der italienische Staat sei «dick, fett und bürokratisch» gewesen. «Viele Menschen empfanden ihn damals und heute als Bedrohung». Italien habe ihm zudem die Bedeutung von Umweltschutz vor Augen geführt.

Leutenegger war Umweltaktivist und AKW-Gegner. «Mich beschäftigte vor allem das Problem des Atommülls», sagt er. Auch habe er am Gottlieb-Duttweiler- Institut (GDI) eine grosse Tagung zum Thema «Spraydosen wohin?» mitinitiiert. «Ich war nie in parareligiösen Politzirkeln, die vom Umsturz der Gesellschaft träumten.» Seine wichtigsten politischen Säulen von damals seien noch heute gültig, betont er: die kritische Haltung dem Staat gegenüber, der sich immer mehr ausbreite, und sein Umweltbewusstsein. «Mit zunehmendem Alter sieht man die Welt aber komplexer.»

Auch Leutenegger machte Karriere in den Medien. Er gründete und führte ab 1993 die «Arena», 1998 wurde er Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, 2002 Geschäftsführer der Jean Frey AG. 2006 gründete er einen eigenen Zeitschriften-Verlag. Und 2011 wurde er VR-Präsident von Blochers «Basler Zeitung». Damit ist er Markus Somms Chef.

Zeitweise im gleichen Mehrfamilienhaus wie Strehle an der Zürcher Neptunstrasse wohnte auch Jürg Wildberger. Als Chefredaktor holte er den «intelligenten, sehr reflektierten und hervorragenden Journalisten» 1995 zum Nachrichtenmagazin «Facts». Politisiert wurde Wildberger über die Junge Kirche und den Jazz. Jahrelang war er Bassist in der Free-Jazz-Szene. Anfang der 1970er-Jahre während des Ökonomiestudiums engagierte er sich in der Uni-Basisgruppe und der Revolutionären Aufbau-Organisation Zürich. Sie hatte «nullkomma-null» mit dem heutigen RAZ zu tun, betont er.

Mitte der 1970er-Jahre wandte sich Wildberger von der Linken ab und ging zur «Finanz und Wirtschaft». «Mir wurde schnell klar, dass der Kapitalismus nicht einfach zusammenbrechen würde», sagt er heute. Trepp schrieb über ihn: «Wir nannten ihn den Verräter, weil er bereits 1975 überlief.» Wildberger machte gutbürgerliche Karriere: Er war stellvertretender Chefredaktor des «European Business Channels», gründete 1990 das Nachrichtenmagazin «10 vor 10», wurde «Facts»- und «Weltwoche»-Chefredaktor und führte das von ihm konzipierte TV 3. Heute betreut er bei den Hirzel Neef Schmid Konsulenten unter anderem das Dossier des Kampfjets Gripen.

Strehle selbst schweigt zu den Linksextremismus-Vorwürfen der «Weltwoche». «Ich will nicht ausschliessen, dass ich mich zu dieser Debatte äussere», sagt er im Interview mit der Zeitschrift «Der Journalist». «Aber nicht vor dem Hintergrund des krassen Kampagnen-Journalismus der ‹Weltwoche›.»

Spätestens 2009, als die WoZ über Strehles Kistler-Nachruf schrieb, hätte sich Strehle aber überlegen müsse, wie er seine Vergangenheit thematisiere, findet WoZ-Redaktionsleiterin Boos. «2009 hielt er sich ohne Not völlig bedeckt, obwohl er unter keinerlei Druck stand.» Boos: «Jetzt wird er dazu genötigt, was es viel schwerer macht, überhaupt darüber zu sprechen.» Erklären müsse sich aber auch Somm. Ein WoZ-Interview habe er noch am Donnerstag abgelehnt. Somm bestätigt das und fügt an: «Zurzeit nehme ich keine Stellung.»

Auch Boos selbst kam die ganze Kistler-Geschichte wieder hoch. 1993 durfte sie sich deswegen wochenlang nicht mehr in der Roten Fabrik zeigen. «Ich hatte genug», sagt sie. «Doch jetzt ist die Zeit vielleicht gekommen, Barbara Kistlers Leben nochmals nachzugehen.»

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