VON YVES CARPY

Der ehemalige Axpo-Manager Hans-Peter Stöckl hält die Pläne seines vormaligen Arbeitgebers für neue Atomkraftwerke für völlig verfehlt: «Ein neues AKW zu bauen, macht keinen Sinn. Es gibt international gesehen keine Stromlücke», ist er überzeugt. «Der Axpo-Chef Heinz Karrer glaubt, er habe immer noch einen Versorgungsauftrag», er gehe deshalb davon aus, dass er alle Kosten einfach an die Kunden verrechnen könne. «Axpo vergisst, dass der Markt liberalisiert wird.»

Auch die angekündigte Preiserhöhung um 7 Prozent ist für Stöckl nicht nachvollziehbar. Der schweizerische Kraftwerkspark sei bereits abgeschrieben. Der Stromkonzern werde aber nicht zugeben, dass die Tariferhöhungen eigentlich der Finanzierung der neuen AKW dienen sollen. Der Strommarktexperte zweifelt, dass die Axpo die Preiserhöhung durchbringt: «Karrer kann nur mehr verlangen, wenn das gesamteuropäische Niveau steigt.

Und am internationalen Markt sanken die Preise und finden erst langsam den Boden.» In Süddeutschland würden an Wochenenden mitunter sogar Negativpreise bezahlt. In Italien schrumpfte in der Krise der Strombedarf um 14 Prozent. Stöckl ist seit 30 Jahren in der Energiebranche tätig.

Zuletzt hat er für die Axpo-Tochter EGL die Beteiligungen an und den Neubau von Kraftwerken im In- und Ausland geleitet, die mit fossilen Energieträgern arbeiten. Obwohl er heute die Geschäfte des Solartechnik-Start-up Airlight Energy leitet, ist er ein kühler Rechner geblieben. Ein AKW rechne sich betriebswirtschaftlich schlicht nicht:

Auch er glaubt, dass die Preise mit der Strommarkt-Liberalisierung steigen. Doch nicht genügend, um die Produktionskosten eines 1600-Megawatt-Reaktors einzuspielen, wie ihn die Axpo, Alpiq und die BKW bauen wollen. Das sind 10 bis 12 Rappen pro Kilowattstunde Strom (siehe Box). Am Donnerstag zum Beispiel stieg der Preis an der Leipziger Strombörse bloss bis 7 Rappen. Das AKW hätte also den ganzen Tag Verlust gemacht.

Schlimmer noch: Stöckl zweifelt, dass das AKW all seinen Strom verkaufen kann: «Ein AKW ist nur für die Grundversorgung mit Bandenergie geeignet; es kann aus Sicherheitsgründen nicht rasch abgeschaltet werden. Die kleine Schweiz braucht aber gar nicht die ganze Zeit die ganze Leistung. Energie könne auch günstiger aus dem Ausland geliefert werden. «Kann Axpo folglich nur die Hälfte des Stroms verkaufen, verdoppeln sich die Herstellungskosten auf über 20 Rappen.»

Um den überschüssigen Strom zu speichern, muss laut Stöckl zudem ein Stausee gebaut werden. Der bringt zusätzliche Deckungskosten von 5,6 Rappen mit sich, aber auch die Hoffnung, den Strom in Spitzenlastzeiten zu Höchstpreisen verkaufen zu können. Die erzielten Gewinne reduzieren die Gesamtkosten von 25 bis 30 Rappen pro Kilowattstunde.

Dieser Preis kontrastiert nun stark mit den tiefen Gestehungskosten von 3 bis 5 Rappen pro Kilowattstunde, welche die Schweizer Stromindustrie für die AKWs in Leibstadt oder Gösgen ausweist. «Da macht es keinen Sinn, wenn die Schweiz einen falschen Kraftwerktyp baut. Besser würde die Schweiz daher im grösseren Stil dort in erneuerbare Energien investieren, wo der höchste Wirkungsgrad zu erzielen ist und die Renditen über Einspeisevergütungen staatlich garantiert sind – also im Ausland.

Das meint auch Christian Russenberger, selbstständiger Strategie- und Finanzierungsspezialist im Energiebereich. Der Alpenraum sollte zudem mit seinen Speicherseen besser als Batterie für erneuerbare Energien dienen und die natürlichen Schwankungen auffangen, die wegen der wechselnden Wind- und Wetterverhältnisse herrschen.

Angesichts der Rieseninvestitionen, welche die Schweiz in der Atomkraft vorhat – 10 Milliarden Franken für ein neues AKW – warnt er vor teuren Rettungsaktionen. Zum Garantieren der Grundlast im Netz in Ergänzung zu Wasser- und Windenergie reichen laut Russenberger drei Gas-Kobikraftwerke, die man nach Bedarf ein- und ausschalten kann. Ihre Baukosten seien mit je 500 Millionen Franken auch ein viel geringeres Investitionsrisiko.

Das Hindernis: Das Verbot, dass der CO -Ausstoss im Ausland kompensiert werden darf, macht ihren Betrieb – obwohl volkswirtschaftlich sinnvoll – zu teuer. «Der Schweiz fehlt eine gesamtheitliche Energiepolitik», stellt der Energieexperte Russenberger fest.

Er stösst sich auch daran, dass keiner der Stromkonzerne den Preis offenlegen will, für den sie sich derzeit in die vielen, projektierten Windparks in der Nordsee einkaufen. «Nur so können wir darüber urteilen, ob die Mittel kosteneffizient investiert werden», meint der Energie-Fachmann. So aber erscheine die aktuelle Preiserhöhung der Axpo als reine Willkür.

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