als jene im Umfeld von Bischof Vitus Huonder.
Papst Franziskus will wissen, was Gläubige von der katholischen Sexualmoral halten. Deshalb verschickte er seinen Bischöfen auf der ganzen Welt Fragebögen. In der Schweiz beantworteten rund 23 000 Menschen aus der Bevölkerung Fragen zur Ehe, Sexualität und Verhütung. Daneben nahmen sich aus jedem Bistum Vertreter der Seelsorge einem ausführlichen Fragebogen an.

Brisant: Während aus allen Bistümern nur ein Antwortschreiben der Seelsorgenden bei der Schweizer Bischofskonferenz eingegangen ist, gibt es aus dem Bistum Chur zwei. Neben dem im Januar veröffentlichen Schreiben des bischöflichen Ordinariats Chur gibt es auch eine Antwort aus Zürich. Und zwar von Mitgliedern der Kommission Ehe und Familie des Seelsorgerates des Generalvikariats Zürich und Glarus, welches zum Bistum Chur gehört.

In Chur ist man darüber überrascht. «Es waren die einzelnen Diözesen zur Antwort aufgerufen und nicht die einzelnen Untergliederungen», sagt Giuseppe Gracia vom bischöflichen Ordinariat Chur.

Das unveröffentlichte Dokument aus Zürich, das der «Schweiz am Sonntag» vorliegt, zeigt, wie gespalten das Bistum Chur ist. So fasst die Kommission aus Zürich die künftigen Herausforderungen für die Kirche wie folgt zusammen: «Die katholische Idealvorstellung der Ehe, der Sexual- und Morallehre muss grundlegend überdacht werden (...) Vor allem darf die Kirche aber nicht mehr die Sexualmoral belehrend von oben herab verkünden (...)»

Völlig anders sieht das Umfrage-Ergebnis aus Chur aus: «Die Kirche muss mutiger werden, die richtigen Antworten auf die Herausforderungen der Zeit zu geben. In diesem Sinn muss sie missionarischer werden; nur so wird sie an Glaubwürdigkeit gewinnen können.»

Wie kommt es, dass Ergebnisse innerhalb eines Bistums so auseinanderdriften? «Die Zusammenfassung aus Chur erweckt den Eindruck, dass sie nicht gerade von einer breiten Basis abgesichert ist», sagt Rudolf Vögele, Leiter des Ressorts Pastoral im Generalvikariat Zürich und Glarus. Doch genau das will Papst Franziskus nicht. Bislang informierte sich die Kurie vorzugsweise bei den Bischöfen über die Stimmung an der Basis; deren Berichte enthielten mitunter mehr fromme Wünsche als Fakten.

Dass die Antworten aus dem bischöflichen Ordinariat Chur wieder genau so ausgefallen sind, wundert Rosmarie Koller-Schmid, Präsidentin des katholischen Frauenbundes, nicht. «Bischof Huonder gewichtet und sieht vieles anders als die meisten Seelsorger und Seelsorgerinnen seines Bistums», sagt sie. Er deute die Welt und Gesellschaft nur negativ und sei überzeugt, dass das Gemeinwohl bei den Gläubigen keine Bedeutung mehr habe. Nur noch Individualismus, Genuss, Selbstverwirklichung und emanzipatorische Sexualpädagogik zähle. «Dass ‹die Welt› auch die Kirche evangelisieren und etwas lehren könnte, davon will Bischof Huonder nichts wissen.»

Zusammen mit weiteren Basisorganisationen plant der katholische Frauenbund im März eine Protestbewegung gegen Bischof Huonder. Die Forderung: Er muss weg. «Es geht uns nicht nur um einen Leitungswechsel im Bistum Chur. Wir wollen, dass die Bischöfe mit uns den Dialog suchen, wie die Kirche Schweiz zukunftsfähig werden kann.» Laut Koller-Schmid leiden die katholischen Verbände unter den ausgrenzenden Aussagen des Bischofs.

Ob sich Huonder halten kann, wird sich zeigen. Feststeht: Es wird wohl schwierig werden für ihn. Andere Bistümer haben die Sorgen und Nöte der Gläubigen erkannt. An einer Pressekonferenz am Dienstag zur Papst-Umfrage sagte der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, Markus Büchel: «Der Papst hat uns Beine gemacht.» Die Kirche müsse sich jetzt den Fragen der Zeit stellen. Im Herbst wird Papst Franziskus in Rom mit Bischöfen aus aller Welt auf einer ausserordentlichen Synode über die Umfrage-Resultate beraten. Ob er tatsächlich die Kirche reformiert, wird sich zeigen.


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