Er ist in der Deutschschweiz unbekannt. Doch im Tessin gilt er als wirtschaftspolitisch bestens vernetzt: Fiorenzo Cotti, Rechtsanwalt mit Kanzlei in Locarno und Lausanne. Er hat Ur-CVP-Wurzeln: Alt-Bundesrat Flavio Cotti ist sein Grossonkel, Alt-CVP-Regierungsrat Luigi Pedrazzini sein Onkel. Und in seiner Kanzlei MCE arbeiten sowohl die Tochter von Flavio Cotti als auch der Sohn von Pascal Couchepin (FDP).

Ihn versuchten SVP-Chefstratege Christoph Blocher und Präsident Toni Brunner als Nationalrats-Kandidaten für die Tessiner SVP anzuwerben. Blocher und Brunner hatten Cotti am 25. März in Lugano für Gespräche getroffen. Brunner telefonierte Ende April nochmals mit Cotti. Es wäre ein Transfer mit viel Symbolik: Der Name Cotti gilt als die Verkörperung der CVP der Neuzeit schlechthin. Flavio Cotti war Bundesrat (1987–99) und Präsident der CVP Schweiz (1984–86). Anzuwerben versuchte die SVP auch Michele Moor, Privatbankier, ehemaliger Präsident der Schweizerischen Offiziersgesellschaft (SOG) und 2007 Nationalrats-Kandidat der CVP.

Die Anwerbungen von Cotti und Moor versandeten allerdings vorerst. Sie scheiterten am Widerstand der Tessiner SVP. Sie wollte keine Quereinsteiger, die altgedienten SVP-Politikern vor die Nase gesetzt würden. Die Tessiner SVP ist seit Jahren das Sorgenkind der SVP Schweiz und bringt neben der Lega, die das rechte Feld im Tessin weitgehend abdeckt, kaum ein Bein vors andere. Für die Nationalratswahlen 2011 ging sie eine Listenverbindung mit der Lega ein.

Cotti und Moor bestätigen die Gespräche. «Ich wurde kontaktiert und hatte mehrere Gespräche», sagt Cotti. «Ich zog eine allfällige Kandidatur in Betracht, bestätigte Herrn Brunner, dass ich für weitere Gespräche zur Verfügung stehe.» Dann habe er aber nichts mehr gehört, weshalb er sich inzwischen auch beruflich «anders organisiert» habe.

Moor hingegen lehnte eine Kandidatur auf der Nationalrats-Liste ab, aus beruflichen, familiären und strategischen Gründen. Er habe vorgeschlagen, eine starke Persönlichkeit sowohl auf National- wie Ständeratsliste zu setzen. Moor: «Damit wäre die Plattform so breit gewesen, dass eine Wahl in den Nationalrat fast sicher zustande gekommen wäre.» Blocher habe diese Meinung geteilt, die SVP Tessin hingegen nicht. «Das wäre eine einmalige Chance gewesen, erstmals einen Sitz zu gewinnen», glaubt Moor.

«Die Kontakte im Tessin fanden statt», bestätigt SVP-Präsident Toni Brunner. Für ihn ist der Zug mit Moor und Cotti noch keineswegs abgefahren. «Solche Prozesse brauchen Zeit», betont er und denkt an die Phase nach den Wahlen. «Ich würde es sehr begrüssen, wenn sie beim Aufbau mithelfen.» Mit Cotti habe nur die SVP Schweiz Kontakt gehabt, sagt Pierre Rusconi, Präsident der SVP Tessin. Und Moor habe zu viel gewollt: «Er verlangte sogar die Option, im November als Bundesrats-Kandidat antreten zu dürfen.»

CVP-Präsident Christophe Darbellay wollte sich zum neusten Ärger nicht äussern. Generalsekretär Tim Frey meint lakonisch: «Offenbar ist die SVP der Ansicht, bei uns gutes Personal zu finden. Was ich natürlich verstehe. Wir haben gutes Personal.»

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