Er ist zurzeit der gefragteste Schweizer. Alle wollen Thomas Jordan treffen, alle wollen etwas von ihm. Ende März wird Hotellerie Suisse an die Börsenstrasse 15 in Zürich pilgern, wo die SNB ihren Sitz hat. «Zusammen mit den Sozialpartnern führen wir ein Gespräch mit Herrn Jordan», bestätigt Andreas Züllig, Präsident des Hotellerie-Verbands und SNB-Wirtschaftsbeirat. «Es geht um einen Austausch zur Frage: Wie geht es den Branchen, die am stärksten betroffen sind?» Mit von der Partie sind die Gewerkschaften Unia, Syna und Hotel & Gastro Union:

Anfang April wird auch eine Delegation von Swissmem der SNB die Aufwartung machen. Hans Hess, Präsident des Verbands der Maschinenindustrie, sagt: «Es geht darum, eine erste gemeinsame Lagebeurteilung der neuen Situation vorzunehmen.» Es sind die vom Frankenkurs stark betroffenen Branchen und Kantone, die bei der Nationalbank vorstellig werden. Paul Rechsteiner, Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) und SP-Ständerat, sagt: «Das ist aussergewöhnlich und zeigt die Tragweite des Entscheides. Wir stehen vor einer riesigen Herausforderung.» Seit zwei Wochen häufen sich die Meldungen über den Abbau oder die Verlagerung von Arbeitsplätzen, und fast immer heisst es: Das Ende des Euro-Mindestkurses sei der Auslöser.

Der Walliser Hotelier und Ex-SP-Präsident Peter Bodenmann sieht die Mindestkurs-Abschaffer in Rücklage. «Jene, die Jordan medial zur Aufhebung des Mindestkurses getrieben haben, sind verdammt still geworden. Sie sind im Funkloch», sagt er. Bodenmann prophezeite im «Blick», dass Jordan Ende 2016 nicht mehr Nationalbank-Präsident sei. Die Aufhebung des Mindestkurses sei am Parteitag jener SVP, «die vor kurzem noch Jordan zujubelte», kein Thema mehr gewesen: «Die Fronten bröckeln», diagnostiziert Bodenmann.

Unzufrieden seien auch die Arbeiter. «Die Unternehmen beginnen flächendeckend die Arbeitszeiten zu erhöhen», sagt Bodenmann. «Die betroffenen Arbeiter müssen neu gratis Überstunden leisten, Überstunden, die bisher gut bezahlt wurden.» Das sei Lohnabbau.

Für Bodenmann ist klar: «Wenn Jordan den Kurs nicht über 1.10 bringt, braucht es wieder einen offiziellen Mindestkurs. Diesen kann nur einen Nachfolger glaubhaft durchsetzen. Genau das hat der Bundesrat faktisch in seinem Aussprachepapier festgehalten.»

Das Papier sickerte via «Weltwoche» an die Öffentlichkeit, und man fragt sich: Wer im Bundesrat hat ein Interesse an einer Indiskretion in dieser heiklen Sache? Unterschrieben ist das Papier laut «Weltwoche» von Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf und von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Es verlange, dass die beiden Departemente «den Informationsaustausch mit der SNB intensivieren, mit dem Ziel, die Geldkonjunktur und die allgemeine Wirtschaftspolitik inhaltlich und kommunikativ zu koordinieren». Angeblich haben die beiden Bundesräte auch über einen neuen Mindestkurs nachgedacht.

Nach Informationen der «Schweiz am Sonntag» peilt die SNB inoffiziell einen Euro-Kurs von 1.10 an, stösst dabei aber an Grenzen. Im Februar erhöhten sich die Devisenbestände infolge des Abwehrkampfes gegen den starken Franken um 10 Milliarden auf über 500 Milliarden Franken. Und morgen startet die Europäische Zentralbank (EZB) das «Quantitative Easing»-Programm: Sie überschwemmt die Märkte nun Monat für Monat mit 60 Milliarden Euro – bis September 2016. Wie die Grafik links zeigt, hat sich der Euro gegenüber dem Dollar bereits kontinuierlich abgewertet, auf den tiefsten Stand seit 2003.

Star-Investor Warren Buffett prognostiziert einen Schwach-Euro auf Jahre hinaus; er verschuldet sich deswegen jetzt in Euro. Die Annäherung an die 1.10er-Grenze dürfte für die SNB vor diesem Hintergrund noch schwieriger beziehungsweise teurer werden. Befürchtet wird, dass der Franken nicht mehr der Euro-Kurve, sondern der Dollar-Kurve folgt.

Aus SNB-nahen Kreisen verlautet, der Negativzins müsse darum noch erhöht werden. Zurzeit liegt der Zinssatz für Guthaben auf den Girokonten, die einen bestimmten Freibetrag übersteigen, bei −0,75 Prozent. Erwogen wird gemäss diesen Quellen ein Satz von −1,5 Prozent. SNB-Kritiker Peter Bodenmann glaubt indes nicht, dass diese Massnahme die gewünschte Wirkung hätte: «Die Anleger weichen aus. Bereits hat der Run auf Bankschliessfächer begonnen. Und auch unter den Schweizer Matratzen hat es noch etwas Platz.»

Die Negativzinsen stehen politisch ebenfalls im Kreuzfeuer der Kritik, und nicht nur von links: Weil sie nicht nur ausländische Investoren treffen, sondern beispielsweise auch die Guthaben der Pensionskassen, will CVP-Ständerat Pirmin Bischof für Vorsorgegelder eine Sonderregelung.

Die Linke verlangt inzwischen geschlossen eine neue Untergrenze. «Wir brauchen sie zumindest implizit», sagt Unia-Gewerkschafter und SP-Nationalrat Corrado Pardini. «Diese muss bei mindestens 1.15 liegen.» Das sieht SP-Präsident Christian Levrat genauso.

Auffällig ist, wie sich die Wirtschaftsverbände um Normalität bemühen. In ihren Aussagen zu Thomas Jordan vermeiden sie jeden Misston, der als Kritik gedeutet werden könnte. Swissmem-Präsident Hans Hess etwa stösst sauer auf, dass Ständerat Thomas Minder das SNB-Direktorium vergrössern und von der Bundesversammlung wählen lassen will. «Die Diskussionen um die Governance der Nationalbank sind ein völliger Nebenkriegsschauplatz», sagt Hess. «Das ist unverständlich. Insgesamt macht die Nationalbank einen guten Job.» Auf die Frage, ob Jordan gefährdet sei, meint Hess: «Das sehe ich überhaupt nicht so.»

Noch weiter geht Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer. «Abgesehen vom Zeitpunkt des Entscheides höre ich sehr wenig Kritik im Zusammenhang mit Thomas Jordan», sagt er. Und fügt hinzu, wie der Präsident eines Fussballklubs, der seinen umstrittenen Trainer verteidigt: «Wir stehen voll und ganz hinter der SNB-Leitung.»

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