Die Rede, die sie am 1. August in Farvagny FR hielt, schrieb sie persönlich. Und sie gab sie zuerst ihrem Ehemann Lukas Hartmann zur Beurteilung, dem Schriftsteller. Dann erst ging das Manuskript ins Departement zur Feinjustierung.

Tritt Sommaruga in vollen Sälen auf, ist sie charismatisch. Kaum steht sie, nimmt sie den Raum ein. Es war mucksmäuschenstill, als die Justizministerin im Dezember in Thun vor den SP-Delegierten zur Asylgesetzrevision sprach.

Auf den ersten Blick mag die Berner Magistratin sanft, fein und zerbrechlich wirken. Doch Simonetta Sommaruga ist ehrgeizig, hartnäckig und diszipliniert. Sie will politisch gestalten. Als sie ein Jahr lang vor schier unüberwindbaren Problemen im Asylwesen stand, nagte das an ihr. Schritt für Schritt brachte sie den Asylbereich auf Vordermann.

Dafür griff sie auch zu harten Massnahmen. Alard du Bois-Reymond, Direktor des Bundesamts für Migration (BfM) und noch von Vorgängerin Eveline Widmer-Schlumpf eingesetzt, musste gehen. Zu schlecht war du Bois-Reymond mit Kantonen und Gemeinden vernetzt. Gehen musste auch Stellvertreterin Eveline Gugger. Als Projektleiterin für die verunglückte BfM-Reorganisation war sie vorbelastet.

Sommaruga ist aber auch die Gewissenhaftigkeit in Person, eine Perfektionistin. Sie fordert Ausserordentliches von sich selbst – und viel von ihren Kadermitarbeitern. Das erfuhr ihre Kommunikationschefin Christine Stähli. Obwohl von Sommaruga ausgesucht, musste Stähli nach einem Jahr wieder gehen.

Inzwischen aber verlassen wichtige Mitarbeiter das Departement selber. Zuerst Michael Leupold, Direktor des Bundesamts für Justiz, das juristische Gewissen. Und nun Marc Gebhard von der Kommunikationsabteilung, das politische Gewissen. Nach nur zwei Jahren wechselt Gebhard in die Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün der Berner Gemeinderätin Ursula Wyss.

Das lässt aufhorchen. Zwar betonen beide, ihre Wechsel seien persönlich begründet. Leupold, neuer Aargauer Kapo-Chef, wollte zurück in den Aargau. Gebhard sagt: «Dieses Jobangebot in meinem Lieblingsthema – der Verkehrspolitik – liess mich schwach werden. Für einen Berufsberner wie mich ist es toll, bei so wegweisenden Projekten wie dem Tram Region Bern mitwirken zu dürfen.»

Gebhard ist ein gewichtiger Abgang. Er hatte den Wahlkampf mitgeprägt, der Sommaruga sensationell in den Ständerat brachte. Gebhard gilt als Spin Doctor der Berner SP, der Ursula Wyss, Evi Allemann und heute Nadine Masshardt auf dem Weg zu nationalen Bekanntheiten begleitet hat. Er war entscheidend daran beteiligt, dass Rot-Grün im Regierungsrat des Kantons Bern die Mehrheit erhielt. Gebhard ist der Partner Allemanns.

Es ist die ständige Verfügbarkeit, die EJPD-Mitarbeitern zu schaffen macht. Oft sind sie um 23 Uhr nach internen Sitzungen am Bahnhof anzutreffen, um noch nach Zürich zu reisen. Oder Sommaruga versendet um 23 Uhr E-Mails. Es gebe keine Weisung, diese bis 23.10 Uhr zu beantworten, heisst es. Erwartet wird es aber schon. Das sei im Geschäftsleben heute normal. Auch am Wochenende erhalten Mitarbeiter E-Mails ihrer Chefin. «Beantwortung nächste Woche reicht längst», steht da aber meist. Obwohl sie in Spiegel bei Bern wohnt, hat Sommaruga eine Wohnung in der Stadt Bern gemietet. Wochentags lebt sie in dieser Arbeitsklause.

«Mir hat sie gesagt, ein grosses Problem als Bundesrätin sei, nicht abzuheben», sagte SP-Parteilegende Helmut Hubacher im «SonntagsBlick» zu Sommaruga. Im Departement selbst gibt es, bei einzelnen, genau diese Erkenntnis: Macht verändert – auch Sommaruga. In ihrer 1.-August-Rede ging sie darauf ein. «Ich trage heute andere Kleider, die Haare sind kürzer als damals», sagte sie in Farvagny. Wie sie sich sonst verändert hat, dazu schwieg sie allerdings.

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