Herr Karrer, mit welchen unmittelbaren Folgen rechnen Sie nach dem Brexit für die Schweizer Wirtschaft?
Heinz Karrer: Der Aufwertungsdruck auf den Franken gegenüber dem Pfund und dem Euro nimmt weiter zu. Und das werden viele Firmen bei der Exportfähigkeit unmittelbar zu spüren bekommen. Grossbritannien ist bekanntlich der fünftgrösste Exportmarkt der Schweiz. Dass nun Schottland über den Verbleib in Grossbritannien abstimmen will, macht die Lage zusätzlich noch volatiler. Zudem werden für viele britische Touristen Ferien in der Schweiz wohl zu teuer. Darunter wird der Tourismus-Sektor zu leiden haben.

Die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative hat eine Frist von drei Jahren. Sollte sie verlängert werden?
Nein, dafür sehe ich zurzeit keinen Grund. Im Gegenteil, wir sollten weiter an einer raschen Lösung arbeiten. Ob die EU dann mitmacht, werden die nächsten Monate zeigen.

Die EU wird nun mit anderen Dingen beschäftigt sein…
Klar, das macht es nicht einfacher. Es ist auch davon auszugehen, dass die Verhandlungen zwischen Grossbritannien und EU viele Jahre dauern werden, was eine zeitige Lösung mit der Schweiz beeinträchtigen könnte. Denn die Brexit-Austrittsregelungen werden Priorität haben.

Schweizer Firmen zählen in Grossbritannien über 100‘000 Angestellte. Werden Investitionen vor Ort nun abnehmen?
Die Wahrscheinlichkeit, dass Schweizer Firmen in Grossbritannien weniger investieren werden, ist gross, da auch die Unsicherheiten mit dem Brexit massiv zugenommen haben. Schliesslich gab es auch ausländische Firmen, die nach Annahme der Masseneinwanderungsinitiative wegen der politischen Unsicherheit weniger in der Schweiz investierten, oder sich sogar zurückzogen.

Viele Schweizer Firmen haben sich mit Müh und Not auf einen Frankenkurs von 1.10 eingerichtet. Teils forderte dies Entlassungen. Müsste die Nationalbank nun ihre Strategie ändern?
Nein, die SNB hat einen gesetzlichen Auftrag und den sollte sie mit den zur Verfügung stehenden Mitteln erfüllen, also mit Zinspolitik und Interventionen am Devisenmarkt.

Kein Mindestkurs?
Die SNB muss weiterhin eine unabhängige Geldpolitik betreiben können. Aber natürlich muss sie alles unternehmen, damit der Euro würde die Kursregion von 1.10 Franken auch kurzfristig nicht gegen unten verlässt.

Grossbritannien könnte der Efta beitreten, und so zusammen mit der Schweiz und den anderen Mitgliedsstaaten ein politisches und ökonomisches Gegengewicht zur EU schaffen.
Dieses Szenario halte ich nicht für realistisch. Grossbritannien wird nun in erster Linie versuchen, mit der EU ein stabiles Verhältnis mittels bilateralen Verhältnissen aufzubauen. Zudem ging es beim Brexit ja um den Wunsch, unabhängig zu sein. Dass sie nun vom einen Bund sofort in den nächsten gehen, halte ich deshalb für unwahrscheinlich.

Sehen Sie positive Aspekte im Brexit?
Kurz- und mittelfristig für die Schweizer Wirtschaft nicht. Aber die EU könnte den Austritt zum Anlass nehmen, um Reformen vorzunehmen, zum Beispiel bei der Regelung der Personenfreizügigkeit. Das könnte positiv für die Schweiz sein. Entweder werden nun innerhalb der EU Stimmen laut, die eine stärkere Integration fördern, bis hin zu einer Fiskalunion. Oder der Föderalismus wird an Bedeutung gewinnen. Aus Schweizer Sicht wäre Letzteres zu begrüssen.