Es war eine Frage, die in verschiedenen Kantonsregierungen Hektik ausbrechen liess. Gehören die Regierungsräte einer Konfession an? Und wenn ja: welcher? Dies wollte die «Schweiz am Sonntag» von den 26 Kantonen wissen. Nur wenige antworteten so transparent und selbstbewusst wie Markus Dörig, Ratsschreiber von Appenzell Innerrhoden: «Wie von einem katholischen Kanton zu erwarten, sind derzeit alle sieben Regierungsmitglieder katholischen Glaubens.»

Gleich sieben Kantone geben keine Informationen zur Konfession ihrer Regierungsmitglieder. Nidwalden erachtet die Religionszugehörigkeit als «nicht politischen Teil des Regierungsratsamtes». Als Privatsache der Regierungsräte wird die Konfession in den Kantonen AR, BL, BS, GE, OW und VD bezeichnet.

Doch selbst wer Angaben macht, liefert sie teilweise nur anonym. Wie die Kantone Wallis (vier katholische Regierungsräte, ein konfessionsloser) und Zürich (sechs reformierte Regierungsmitglieder, ein konfessionsloses). Oder der Kanton Bern: Vier Mitglieder bestätigen – anonym – evangelisch-reformiert zu sein. Drei Mitglieder «verzichten auf eine Teilnahme an der Umfrage», wie Kommunikationschef Christian Kräuchi schreibt. Sie sagen selbst anonym nichts.

Meist wurde die Umfrage zum Thema auf höchster Stufe. Sie könne nicht rückmelden, wer in Zürichs Regierung konfessionslos sei, schrieb Susanne Sorg-Keller, Leiterin Kommunikation des Regierungsrates, auf Nachfrage. Die Regierungsräte wünschten, «dass die Antworten summarisch bleiben und nicht einzelnen Personen zugeordnet werden». Und Obwaldens Landschreiber Stefan Hossli hielt fest: «Der Regierungsrat wird Ihre Fragen anlässlich der nächsten Regierungssitzung besprechen.» Er entschied, nichts zu sagen.

Die Auswertung der Umfrage selbst ergibt das Bild einer deutlich katholisch regierten Schweiz. 156 Regierungsratssitze gibt es in den 26 Kantonen. Mindestens 63 Regierungsvertreter sind katholisch, nur gerade 38 reformiert. Selbst wenn man diese Angaben um jene sieben Kantone hochrechnet, die keinerlei Angaben machen, bleibt die katholische Mehrheit komfortabel.

Als konfessionslos bezeichnen sich gemäss Umfrage nur gerade acht Regierungsräte, obwohl die Konfessionslosen inzwischen in den Kantonen Genf, Neuenburg und Basel-Stadt die grössere Gruppe bilden als jene jeder anderen Religionsgemeinschaft. Das zeigt die Auswertung der Strukturerhebung 2013 des Bundesamts für Statistik (BFS) zur ständigen Wohnbevölkerung ab 15 Jahren nach Religionszugehörigkeit. Auch in den Städten Zürich, Genf und Basel bilden sie 2013 die grösste Gruppe.

Zu den Konfessionslosen in Schweizer Regierungen gehören Susanne Hochuli (Grüne, AG), Marie Garnier (Grüne, FR), Marcel Schwerzmann (parteilos/LU), Manuele Bertoli (SP/TI) und Manuela Weichelt-Picard (Alternative, Grüne, ZG). Dazu ein Walliser Staatsrat.

Regine Aeppli (SP) ist gemäss Recherchen das konfessionslose Mitglied der sonst reformierten Zürcher Regierung. Und Norman Gobbi (Lega) ist, neben dem aktuellen Regierungspräsidenten Bertoli, das zweite konfessionslose Mitglied der Tessiner Regierung, wie er bestätigt. «Ich wurde zwar katholisch getauft», sagt er, «doch ich bezeichne mich als konfessionslos, habe auch nie Kirchensteuern bezahlt.»

Die Regierungsräte in der Schweiz haben in Sachen Religion aber noch mehr zu bieten, zeigen Recherchen. Vor allem die Regierungsräte aus Basel-Stadt, die sich an der Umfrage nicht beteiligten. Hans-Peter Wessels (SP) ist Atheist, wie er 2012 in der «Basler Zeitung» betonte. Damit ist er wohl der einzige atheistische Regierungsrat der Schweiz. Und Baschi Dürr (FDP) engagierte sich zwar in der katholischen Jungwacht und las als Ministrant in der katholischen Kirche aus der Bibel vor. Der katholischen Kirche gehöre er aber nicht mehr an, schrieb die «Basler Zeitung» in einem Porträt über ihn. Und Basels Regierungspräsident Guy Morin (Grüne) sagt von sich, er spiele jeweils ein «Unser Vater» und singe dazu, bevor er auf der Orgel übe. Morin ist Mitglied der evangelisch-reformierten Landeskirche und hat vor seinem Medizinstudium zwei Semester Theologie studiert. Sogar promovierter Theologe ist der Solothurner Bildungs- und Kulturminister Remo Ankli (FDP).

Besonders spannend präsentiert sich die Ausgangslage zurzeit im Kanton Zürich. Dort wird sich bei den Wahlen vom 12. April auch zeigen, wie der Regierungsrat nach den Abgängen von Ursula Gut (FDP) und Aeppli konfessionell zusammengesetzt sein wird. Wahrscheinlich ist, dass ihm wieder ein konfessionsloses Mitglied angehört. Jacqueline Fehr (SP) wie Carmen Walker Späh (FDP) sind konfessionslos, obwohl Fehr aus einem reformierten Elternhaus stammt. Silvia Steiner (CVP) ist katholisch. Markus Bischof (Alternative Liste) ist zwar katholisch getauft, zahlt aber keine Kirchensteuern: «Ich würde mich als Agnostiker bezeichnen, glaube nicht an Gott.»

Reformiert ist Nik Gugger (EVP). Der Gesamtleiter der reformierten Fabrikkirche Winterthur erzählt Erstaunliches. Ab und zu habe er in Pausen des Wahlkampfs religiös-spirituelle Diskussionen mit Regierungsrats-Kandidaten geführt. «Spirituelle Intelligenz» sei zurzeit in der Wirtschaftswelt sehr gefragt, sagt der Unternehmensberater. In naher Zukunft könnte die christliche Wertediskussion «auch in der Politik wieder mehr Wert sein», denkt er: «Die Zehn Gebote sind jedenfalls ein guter politischer Leitfaden.»

Eine Untersuchung des Statistischen Amtes des Kantons Zürich zur Entwicklung der reformierten und katholischen Kirche kam 2012 zu einem für die Reformierten alarmierenden Befund. Noch 1850 vereinigte die evangelisch-reformierte Kirche im Kanton Zürich über 95 Prozent der Bevölkerung auf sich. Die römisch-katholische Kirche verdoppelte ihren Anteil erst von 1900 bis 1970 von 18 auf 37 Prozent. Heute bilden die Katholiken in der Stadt Zürich die grösste und im Kanton Zürich nur knapp die zweitgrösste Religionsgemeinschaft.

Die BFS-Strukturerhebung von 2013 zeigt, dass heute nur noch gerade sieben Kantone reformiert geprägt sind: GL (hauchdünn), TG, AR, BL, ZH, SH und BE (sehr deutlich). Noch 2000 waren es zehn Kantone. Gekippt sind in den letzten 13 Jahren BL, NE und VD.

Der Zürcher Bericht zeichnet für die Reformierten ein wenig erfreuliches Bild. «Bei den Reformierten, zu 95 Prozent schweizerischer Nationalität, ist der Anteil älterer Menschen überdurchschnittlich hoch, jener der jungen Erwachsenen aber unterdurchschnittlich», heisst es. «Im Schnitt sind die Reformierten 45 Jahre alt, drei Jahre älter als die national bunter gemischten Katholiken.»

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