Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, lautet ein geflügeltes Wort. Im Kampf um die Initiative der SVP «gegen Masseneinwanderung», über die am 9. Februar abgestimmt wird, machen Befürworter wie Gegner mit Zahlen zu Einwanderung und Wirtschaftswachstum Stimmung. Jede Seite greift gerade die Statistik heraus, die ihre Argumentation angeblich stützt.

Besonders auffällig sind Inserate des Komitees «Nein zur SVP-Abschottungsinitiative». Sie sollen zeigen: In keinem anderen Land ist der Wohlstand pro Kopf so stark gestiegen wie in der Schweiz – natürlich dank der Personenfreizügigkeit. Im Komitee sitzen illustre Persönlichkeiten wie FDP-Präsident Philipp Müller, CVP-Präsident Christophe Darbellay, BDP-Präsident Martin Landolt und auch Sozialdemokraten, Grüne und Grünliberale.

Gemäss dem Inserat ist seit 2002, also seit Start der Personenfreizügigkeit, das reale Bruttoinlandprodukt pro Kopf bei uns um 4500 Euro gewachsen, in Deutschland und Österreich dagegen nur um 3600 Euro (siehe Abbildung 1). Quelle dieser Daten ist Eurostat, das statistische Amt der EU. Doch die Initiativgegner arbeiten mit Tricks, um das gewünschte Ergebnis zu erhalten:

> Trick 1: Wahl der Zeitperiode. 2002 bis 2012 klingt eigentlich nach einem logischen Zeitraum, denn 2002 wurde die Personenfreizügigkeit eingeführt. Nur: Diese wurde schrittweise eingeführt, anfänglich galten auf dem Arbeitsmarkt der Inländervorrang und bis 31. Mai 2007 sogar Einwanderungskontingente. Just diese beiden Massnahmen möchte ja die SVP-Initiative wieder aktivieren. Mit anderen Worten: Erst seit 1. Juni 2007 haben wir – mit den alten EU-Ländern – die volle Freizügigkeit und auch entsprechend viele Einwanderer (siehe Abbildung 2); davor galt das SVP-Initiativ-Regime. Dazu kommt: Mit den neuen EU-Ländern gab es anfänglich sogar überhaupt keine Freizügigkeit, diese wurde – unter Inländervorrang und mit Kontingenten – erst Mitte 2006 eingeführt.

Um die Auswirkungen auf den Wohlstand pro Kopf zu beurteilen, muss man folglich die Periode 2007 bis 2012 betrachten, in der die «Masseneinwanderung» stattfand. Und siehe da: Von der vom Komitee hervorgehobenen BIP-pro-Kopf-Zunahme von 4500 Euro zwischen 2002 und 2012 entfallen nur gerade 800 Euro auf die Periode von 2007 bis 2012 (siehe Abbildung 3). Sprich: Der Wohlstandsgewinn fand in der Zeit vor der vollen Personenfreizügigkeit statt. Seither sind wir nur unwesentlich reicher geworden – im Gegensatz etwa zu Deutschland, das seither stärker wuchs. Warum? Weil unser BIP zwar markant stieg, die Bevölkerungszahl aber fast ebenso stark, pro Einwohner blieb so kaum mehr übrig.

> Trick 2: Absolute statt relative Zahlen. Selbst wenn wir den Zeitraum 2002 bis 2012 betrachten, welcher für die Initiativgegner vorteilhaft ist, wird das Bild getäuscht. Denn das Komitee verwendet absolute und nicht relative Zahlen. Da die Schweiz viel reicher ist als Deutschland und Österreich, entspricht ein Zuwachs von 4500 Euro pro Kopf bei uns einem schwächeren Wachstum als in anderen Ländern. Denn bei uns beträgt das BIP pro Kopf gemäss Eurostat 44 600 Euro (2012), in Deutschland 30 200 und in Österreich 32 200 Euro. Will man die Wohlstandsveränderungen effektiv vergleichen, muss man sie relativ messen, und da fällt die Schweiz zurück (siehe Grafik 4). Das BIP-Wachstum pro Kopf von 2002 bis 2012:
- Schweiz + 11,22 Prozent
- Deutschland + 13,53 Prozent
- Österreich + 12,59 Prozent

Noch klarer ist das Resultat für die «faire» Zeitperiode 2007 bis 2012: Da wuchs Deutschland pro Kopf mehr als doppelt so stark wie die Schweiz. Der Wohlstandsvorsprung gegenüber unserem nördlichen Nachbarland ist geschmolzen.

> Trick 3: Euro-Franken-Effekt. Die Statistik, die das Komitee verwendet, rechnet die BIP der Länder in Euro um. Basis ist das Jahr 2005. Damals war ein Euro noch Fr. 1.55 wert. 2012 war er noch Fr. 1.20 wert. Also ist der Franken enorm stärker geworden. Das macht die Schweiz in internationalen Vergleichen reicher, weil wir im Ausland mehr Kaufkraft haben. In einer inländischen Betrachtung spielt das aber keine Rolle. Aus der Eurostat-Statistik geht nicht zweifelsfrei hervor, wie weit dieser Währungseffekt herausgerechnet wurde. Tendenziell dürfte er aber die BIP-Zunahme der Schweiz überzeichnen.

> Fazit: Alle drei Tricks führen zum selben Effekt: Sie überzeichnen den Wohlstandsgewinn der Schweiz. Mit Sicherheit lässt sich sagen: Die Schweiz ist nicht dasjenige Land in Europa, das pro Kopf beim BIP am meisten zugelegt hat. Und: Vor der Einführung der vollen Freizügigkeit 2007 war das Wachstum stärker als danach. Das Nein-Komitee sagt zur Kritik an der Grafik, die Daten seien korrekt, doch natürlich wolle man damit die Folgen der Freizügigkeit «vorteilhaft» darstellen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper