Ein Saal voller IT-Spezialisten und doch technische Probleme: Die Schweizer Piraten starteten gestern in Aarau ihren ersten Kongress mit über einer Stunde Verspätung. Die Verbindung zwischen Beamer und Laptop wollte einfach nicht halten. «Wir sind eben auch nur Menschen», sagt Denis Simonet, Sprecher und ehemaliger Präsident der Piraten.

Danach geht es dafür umso schneller weiter. Ohne grosse Diskussionen klärte die Partei erstmals die EU-Frage: Sie lehnt einen Beitritt mit deutlicher Mehrheit ab, denn es fehle an direkter Demokratie. Die eigentliche Auseinandersetzung zwischen den Mitgliedern fand im Vorfeld – wie könnte es anders sein – im Internet statt.

Lange zögerten die Piraten, umschifften stets das Thema EU-Beitritt. «Sollen sich die anderen zerfleischen», sagt Parteipräsident Thomas Bruderer noch vor wenigen Monaten. Das Problem: Ihre 2000 Mitglieder – grösstenteils junge Männer aus der IT-Branche – kommen aus dem linken wie rechten Lager. Und alle sollen mitentscheiden, was bei sehr unterschiedlichen Ansichten schwierig ist. Doch die Piraten müssen und wollen sich ausserhalb ihres Kernthemas Digitalpolitik positionieren, ansonsten drohen sie in der vielfältigen Schweizer Parteilandschaft unterzugehen. Mit dem Nein zum EU-Beitritt sei ein erster wichtiger Schritt gemacht, sagt Bruderer. Der 30-Jährige trat im März das Präsidentenamt an, um der Partei eine klare politische Identität zu verleihen. Er gibt aber zu: «Es dauert alles etwas länger als ich gedacht habe.»

Damit kennt sich auch Jens Seipenbusch, ehemaliger Vorsitzender der Piratenpartei Deutschland, aus. «Auch wir mussten ein Stück weit erwachsen werden», sagt der 43-Jährige heute. Das sieht man ihm auch an: Anders als die meisten der rund 100 Piraten im Saal trägt er ein Sakko und – wie die amerikanischen Politprofis – einen goldenen Pin. Dieser zeigt eine Piratenflagge. Seipenbusch nimmt wie rund 30 weitere Piraten aus aller Welt am zweitägigen Kongress gestern und heute teil. Er will die noch jungen Schweizer Piraten unterstützen. Das ist eine Eigenheit und gleichzeitig Stärke der Piraten: Die Partei hat wie keine andere rund um den Globus Schwesterparteien, die in verschiedenen Stufen ihrer Entwicklung stecken und voneinander profitieren. Seipenbusch sieht ähnliches Potenzial bei den Schweizer Piraten wie in Deutschland. Dort befand sich die Partei zuletzt in einem Umfragehoch.

Natürlich würden die deutschen Piraten davon profitieren, dass die Bevölkerung stark nach mehr direkter Demokratie lechze, sagt er. Seine Schweizer Kollegen müssten ein anderes Feld finden, das sie bearbeiten könnten. Schliesslich würde die technische Entwicklung keinen Lebensbereich unberührt lassen. Daran arbeiten die Schweizer Piraten. Sie wollen sich demnächst auch zu Fragen der Energiepolitik oder der Landwirtschaft äussern.

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