Mit dem Lügen ist es so eine Sache. Eine richtig angekratzte, postmoderne Angelegenheit. Denn wenn wir ganz genau schauen, wurde Lügen erst in den letzten zehn, zwanzig Jahren so richtig ernst. Je stärker die mathematischen Sicherheiten die Welt und auch die Menschen zu erklären behaupten, umso eher gibt es eine schon fast perverse Suche nach einer absoluten Wahrheit.

Es ist auffallend, dass keine der Weltreligionen jemals die Lüge für eine Todsünde gehalten hat. Unter den Zehn Geboten findet sich kein Verbot, das besagt: «Du sollst nicht lügen.» Es heisst: «Du sollst nicht falsch’ Zeugnis ablegen wider Deinen Nächsten.» Erst Immanuel Kant brachte eine grosse Verwirrung punkto Lügen und Wahrheit.

So meinte der grosse Philosoph sinngemäss: «Fragt Dich der Mörder Deines Freundes, wo er Deinen Freund finden kann, weise ihm den Weg.» In dem Moment hatte Kant wirklich nicht alle Tassen im Schrank. Er vergass, dass Lügen sich eindeutig von falschen Zeugnissen, von Verleumdung, von einer Anschwärzung mit wirklich bösem Ziel unterscheiden. Dabei ist genau dieser Punkt entscheidend: Es gibt weisse Lügen und es gibt klare, menschenverachtende Verleumdungen.

Die Demokratie lebt von Unwahrheiten. Ohne die fette Lüge, dass das Trojanische Pferd ein Geschenk und kein Soldatenbehälter war, hätten die Griechen nie ihr Weltreich errichten können. Churchill hätte Europa nie vor dem Nationalsozialismus retten können, wären die Kameras, die Fotoapparate, die Erbsenzähler schon damals so mächtig wie heute gewesen. Denn Churchill war nun wirklich ein wunderbarer Politiker, doch fotogen sieht anders aus. Zudem: Seine berühmte Rede zu «Blut, Schweiss und Tränen» war zwar die Wahrheit, aber nicht die ganze. Denn Churchill verschwieg, wie schlecht es zu diesem Zeitpunkt wirklich um Grossbritannien stand.

Noch im 20. Jahrhundert war Lügen also an der Tagesordnung. Der mit Abstand beste US-Präsident, Franklin D. Roosevelt, wäre ohne die Verschleierung der Wahrheit über seinen Gesundheitszustand nie gewählt worden. Auch John F. Kennedy konnte über seine Schmerzen, seine Sexsucht, seine privaten Schwierigkeiten nie ein Wort verlieren. In der Geschichte finden wir unzählige Beispiele starker Männer, deren Wirken nicht zuletzt von Unwahrheiten abhing.

Hätte sich Bill Clinton beispielsweise damals nicht zum verheerenden Satz «Ich hatte nie Sex mit dieser Frau» hinreissen lassen, würden wir alle wohl in einer ganz anderen Welt leben als in der, die uns heute mit dieser ekligen Finanzfratze entgegenstarrt. Mit Clin-ton begann die verheerende Karriere der obsessiven Wahrheitssuche auf Kosten der grossen Zusammenhänge. Denn seit Clinton war klar, dass nur noch Politi-ker an die Macht kommen würden, die wissen, wie mit Lügen umzugehen ist.

Pervers ist seitdem an der Geschichte, dass je mehr jemand lügt, umso eher er vom herrschenden Mediensystem belohnt wird. Denn an notorische Lügner gewöhnt man sich, an Gutmenschen, die normalerweise nicht lügen, reibt man sich. So können sich Blocher und Co. ständig Unwahrheiten erlauben, denn darauf baut ja ihre Macht. Doch wehe, ein linker Politiker schwadroniert auch nur ein bisschen. Dann ist die Hetzjagd nicht nur eröffnet, sondern brutal.

Ein von Guttenberg kann sogar seine ganze Dissertation auf einer Lüge aufbauen und wird von der «Zeit» ein halbes Jahr später mit einer Rehabilitation und von Merkels Gnaden mit einem Posten in Brüssel belohnt. Ein Ministerpräsident aus Hannover wird sogar Bundespräsident, wenn er möglichst viel verschweigt, nur zugibt, was nachgewiesen werden kann, und von Lügen weiss, dass sie nur dann zum Problem werden, wenn sie tatsächlich juristischen Straftatbestand aufweisen. So kommt es, dass in der Gegenwart die Guten wegen so genannter Lügen gehen müssen, die Schlechten jedoch weiterhin wie gedruckt lügen und regieren können.

Das Medienzeitalter hat eine sehr befremdliche Mechanik in die Demokratie gebracht. Da wird mit einer Detailversessenheit jedes Wort exponierter Menschen zitiert, überprüft und gewogen, doch mehr und mehr die Hintergründe, die Strukturen, die Menschen lügen oder die Wahrheit sprechen lassen, verdrängt.

Elisabeth Kopp musste 1990 nicht einfach zurücktreten, weil sie nachweislich die Öffentlichkeit und ihre Parteikollegen belogen hat. Sie musste gehen, weil das System FDP einen Sündenbock brauchte, weil die Finanztransaktionsgeschichten ihres Mannes selbst die dreckigen Geschäfte der Zürcher Bahnhofstrasse übertrafen und weil die erste Frau im Bundesrat wenig Rückhalt unter den Frauen hatte.

Lügen können sich eben nur Menschen leisten, die über die entscheidenden Netzwerke verfügen. Tony Blair und Gerhard Schröder etwa. Die gaben vor, Sozialdemokraten zu sein, wenn sie realpolitisch alles taten, um der Sozialdemokratie den Todesstoss zu versetzen.

Was also eine Lüge ist und was nicht, ist letztlich eine Frage der Macht und nicht des Wahrheitsgehaltes. Hier sind wir beim springenden Punkt in der Causa Hildebrand. Nicht Hildebrand hat gelogen, sondern die mächtige Truppe um «Weltwoche», SVP und Christoph Blocher. Die «Weltwoche» hat gegen den Nationalbankpräsidenten bewusst falsches Zeugnis abgelegt, einzig mit dem Ziel, die Person Hildebrands von ihrem Amt zu entfernen. Dabei tat Hildebrand nur, was täglich geschieht: ein klassisches Devisengeschäft mit Wechselkursen.

Hier und nicht bei Hildebrand wäre bei der Geschichte anzusetzen gewesen. Denn kein anderes System ausser der Finanzwirtschaft lügt so viel, so ausdauernd, so effektiv und so vernichtend. Die Causa Hildebrand ist nämlich eine Causa Nationalbank und deren interne Regelungen. Sie ist auch eine Causa nahe an der Verbrecherlinie kämpfender Grossbanken. Doch dank Augenwischerei und politischer Verwirrung fallen genau diese Themen unter den Tisch. Wer sich mit den largen Regeln der Nationalbank befasst, realisiert mit Entsetzen: Jedes kleinere und mittlere Unternehmen wäre bei solch seltsamen Geschäftspraktiken vom Erdboden verschwunden.

Doch so tritt Hildebrand zurück, Blocher und Co. inklusive «Weltwoche» haben den einzigen Mann in diesem Lande, der es wagte, sich auch nur ein bisschen mit den Banken anzulegen, von seinem Posten entfernt und können weiterhin mächtig die Wirklichkeit so verdrehen, dass die Lüge gewinnt und die Wahrheit gar nie erkannt wird.

Haben Lügen kurze Beine? Klar doch. Doch nur die weissen Lügen. Denn das lügende System wird weiterwursteln. Oder wie meinte schon Cicero? Sacrilegia minuta puniuntur, magna in triumphis feruntur – kleine Verbrechen werden bestraft, die grossen in Triumphzügen gefeiert.

* Regula Stämpfli ist Politologie-Professorin.

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