Es ist ein Triumphzug helvetischer Art. Hintereinander bahnen sich die sieben Bundesräte einen Pfad durch die Menge, einer nach dem andern, angeführt von Bundespräsident Ueli Maurer. Vor ihnen ragen die Mauern des Schlosses auf, eine Marschkapelle spielt, und als der Bundespräsident endlich auf dem Podium steht und die Leute begrüsst, klatschen sie alle. Nicht überschwänglich, so sind die Schweizer nicht einmal in der Romandie, doch der Applaus ist herzlich und lange.

Hunderte Menschen haben sich an diesem Mittwochmittag auf den kleinen Platz in der Altstadt von Nyon gedrängt, viele schwenken Schweizerfahnen. Eine «Begegnung mit der Bevölkerung» hat der Bundesrat angekündigt, und das Volk ist gekommen. Es jubelt, als Maurer sein Weinglas in die Höhe streckt und auf die Heimat anstösst, und es glaubt ihm, als er in breitem français fédéral sagt: «J’aime votre région vraiment!»

nach Maurers Ansprache mischen sich die Bundesräte unter die Menge. Sie schütteln Hände, posieren für Fotos und signieren T-Shirts. Ein junger Mann, der dieses Wochenende heiratet, hält ein Kartonschild in die Höhe, darauf steht: «Un bisou pour le futur marié!» Alain Berset drückt ihm einen Kuss auf die Wange. Didier Burkhalter scherzt mit einer lokalen Spassbruderschaft in Seeräuberkluft, und Doris Leuthard schwärmt einem Mann vom Schloss in Prangins vor, wo die Regierung zuvor getagt hatte.

Selbst farblose Magistraten erstrahlen in der Sonne von Nyon im Glanz. Johann Schneider-Ammann, der beim Einmarsch des Kollegiums noch steif in die Menge winkte, doziert nun mit ausladenden Handbewegungen über die Bedeutung der Exportindustrie. Jeden zweiten Franken verdiene die Schweiz im Ausland, sagt der Wirtschaftsminister zu einer älteren Dame. Dessen Französisch sei zwar eher holprig, sagt die Frau später. «Doch die Hauptsache ist, dass er die Arbeitslosigkeit in unserem Land im Griff hat.»

Dreissig Menschen seien auf ihn zugegangen, sagt Schneider-Ammann. Fast ausnahmslos hätten sie sich bei ihm für seine Arbeit bedankt. Nur ein Mann habe sich kritisch geäussert: Wenn die Strassen nicht endlich besser würden, werde der nächste Empfang nicht so herzlich ausfallen. Unglaublich wichtig seien solche Kontakte, sagt Schneider-Ammann, «in Bern sitzen wir oft 16 Stunden im Büro». Er dreht sich um, der nächste Gratulant wartet.

Die Beziehung der Schweizer zu ihrer Regierung ist innig. Wer es einmal ins Bundeshaus schafft, geniesst Respekt und Ehrerbietung, wie sie früher nur guten Königen zuteil wurden – und das in einer der ältesten Demokratien der Welt. Die Westschweizer bezeichnen die Bundesräte ganz selbstverständlich als «les sept sages», die sieben Weisen.

Fast undenkbar scheinen Szenen, die in Nachbarländern gang und gäbe sind: Szenen wie etwa in Berlin, wo kürzlich Studenten den deutschen Verteidigungsminister Thomas de Maizière so lange ausbuhten, bis er seine Rede abbrach. Und ist ein Bundesratsmitglied doch einmal harten Angriffen ausgesetzt, setzt eine Solidarisierung ein: Eveline Widmer-Schlumpf wurde 2009 vom nationalen TV-Publikum zur «Schweizerin des Jahres» gekürt, nachdem sie von der SVP als Verräterin gebrandmarkt und aus der Partei verstossen worden war. Ihre Attacken auf die Bundesrätin hat die SVP inzwischen eingestellt.

Am 9. Juni stimmt die Schweiz über eine Volksinitiative der SVP ab, die das Wahlsystem für den Bundesrat ändern will. Gewählt werden soll die Regierung nicht mehr wie bis anhin vom Parlament, sondern von den Stimmbürgern. Zweimal schon, 1900 und 1942, lehnten die Schweizer diese Forderung ab. Und wer heute die Leute in Nyon nach der Initiative fragt, erhält erstaunlich oft die Antwort: Nein, das wollen wir nicht. Ein «Höllengstürm» würde das geben, sagt ein 72-jähriger Berner, der vor 50 Jahren in die Romandie zog. «Die Bundesräte wären nur noch im Wahlkampf.»

Die grosse Zurückhaltung der Bundesräte in Wahlkämpfen verleiht ihnen einen ähnlichen Status wie dem Staatspräsidenten in Italien oder den heutigen Monarchen Europas: Sie stehen über den Niederungen der Parteipolitik. «Ueli Maurer war politisch nie auf meiner Linie», sagt in Nyon eine Angestellte der Mobiliar-Versicherung, die in der Mittagspause auf den Schlossplatz gekommen ist. «Als Bundesrat macht er seinen Job aber sehr gut.»

Maurer selbst, der als aggressiv politisierender Parteipräsident massgeblich zum Aufstieg der SVP beitrug, sieht seinen Wandel heute ähnlich. «Ich bin vielleicht in vielen Fragen für die Partei nicht mehr das, was ich war, aber es ist eine andere Rolle», sagte er kürzlich in der Sendung «Focus» des Schweizer Radios. «Jene, die den Rollentausch nicht begreifen, haben das halt verpasst.»

Der Bundesratshistoriker Urs Altermatt vergleicht die Wahrnehmung der Bundesräte mit jenen von Landesvätern und -müttern: Fürsten also, die sich um ihr Land kümmern, mit dem sie emotional verbunden sind. Bezeichnen lasse sich dies als «eine republikanische Übertragung monarchischen Denkens», sagt Altermatt. Und Oswald Sigg, früherer Bundesratssprecher, sagt: «Die Bevölkerung will keine Könige, aber sie hat den Wunsch nach Bundesräten, die mehr sind als nur Politmanager.»

In wohl kaum einem anderen Land pflegt die Regierung den Kontakt zur Bevölkerung wie in der Schweiz. Das schlägt sich sogar in der Terminplanung nieder. Sigg erinnert sich, wie die Bundesräte Willi Ritschard und Adolf Ogi für den kurzen Fussweg vom Bundeshaus zum Mittagessen in einem Berner Restaurant jeweils eine gute Viertelstunde einberechneten – damit beim Gang über den Bundesplatz genug Zeit für einen Schwatz mit den Leuten bleibe.

Den Bundesräten hilft, dass ihre Machtfülle im Vergleich zu ausländischen Ministern bescheiden ist. Das verringert das Gefälle zu den Bürgern. Und es trägt dazu bei, dass sich die Regierenden selbst nicht zu wichtig nehmen. In der gleichen «Focus»-Sendung sagte Maurer: «Es passiert gar nichts, wenn man einen Bundesrat umbringen würde. Es kommt der Nächste, und das Leben geht weiter. Ein Bundesrat hat keine Macht.»

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