Monatelang zeigten die Umfragen für die FDP steil nach oben. Doch eine Woche vor dem 18. Oktober erfasst den Freisinn die Angst vor dem eigenen Erfolg. Das gesteht selbst FDP-Präsident Philipp Müller ein. «36 Jahre lang hat die FDP nur noch verloren», sagt er. «Nun bin auch ich selber nervös. Und meine Nervosität steigt mit jedem Tag, mit dem die Wahlen näherrücken.» Der Erfolgsdruck sei hoch, sagt auch FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann. «Es wäre deshalb schwierig für uns, könnten wir die Erwartungen nicht erfüllen», sagt er. «Man erwartet von uns, dass wir um 1,5 Prozent oder mehr zulegen. Lägen wir darunter, wäre das enttäuschend.»

In der FDP fürchten viele, auf den letzten Metern an die SVP zu verlieren. Weil die Erfahrung zeigt, dass die SVP in der Schlussmobilisierung eine Klasse für sich ist. 1,7 Prozent legt die FDP in der vierten Welle des GfS-Wahlbarometers gegenüber den Wahlen 2011 zu: Sie klettert auf neu 16,7 Prozent. Auch die SVP gewinnt neuerdings markant: Sie erhöht ihren Wähleranteil um 1,3 Prozent auf 27,9 Prozent. Noch in der zweiten Welle der GfS-Wahlumfrage im Juni war die Differenz grösser gewesen: FDP +2 Prozent zu SVP mit nur +0,5 Prozent.

Noch immer hat die FDP den höchsten Wählerzuwachs im Vergleich zu 2011. Auch verfügt sie mit Philipp Müller über den glaubwürdigsten Parteipräsidenten, trotz des Autounfalls.

Bis im Juni verlor die FDP erstmals seit 1979 keine Wähler mehr an die SVP. Es war im Gegenteil die SVP, die wieder Wähler zur FDP ziehen lassen musste. Für die aktuelle freisinnige Politiker-Generation ist das ein völlig neues Siegergefühl jener Partei gegenüber, die sie jahrzehntelang gedemütigt hat. Die FDP gewinne «namentlich bei GLP-Wählenden von 2011 und solchen, die damals für die SVP gestimmt haben», heisst es im Medienbericht zum GfS-Wahlbarometer vom März, nach dem Frankenschock vom 15. Januar.

Dass der «kleine Bruder» plötzlich Muskeln zeigte, muss den SVP-Strategen um Doyen Christoph Blocher zu denken gegeben haben. Ganz offensichtlich beschlossen sie einen Strategiewechsel. Erstmals sichtbar wurde er am 21. Juni. SVP-Präsident Toni Brunner erklärte den bürgerlichen Schulterschluss mit FDP und CVP in der «Schweiz am Sonntag» zur «Makulatur».

Kaum war die Sommerpause vorbei, setzte eine Serie von Attacken gegen die FDP ein. Alles begann mit dem «Abc des Unfreisinns» in der «Weltwoche» vom 2. September. Darin wurde die FDP-Prominenz um Präsident Müller und die Bundesräte Didier Burkhalter und Johann Schneider-Ammann kritisiert. Nach dem Unfall vom 10. September fand sich FDP-Präsident Müller am 17. September erneut auf dem «Weltwoche»-Cover, diesmal unter dem Titel «Menschliches Versagen». Eine Woche später, am 24. September, fragte die «Weltwoche» unter dem Titel «Mister 18 Prozent», wie verlässlich Müller in politischer Hinsicht sei. Eine weitere Woche später, am 1. Oktober, nahm Christoph Blocher diesen Vorwurf auf in einem «Weltwoche»-Streitgespräch mit Peter Bodenmann. Ohne Müllers Namen zu nennen, taxierte Blocher ihn als «einen Präsidenten, der immer wieder etwas anderes sagt». Die Halbwertszeit der Aussagen Müllers entspreche «nicht einmal einem Tag». Kurz davor, am 25. September, wurde Blocher in «Teleblocher» persönlich. Er sprach von einem «schweren Defizit» Müllers. Und davon, dass die FDP «Meister im Vertuschen von Nachteilen» sei.

Müller und Blocher waren schon einmal aneinandergeraten. Blocher hatte ihm im Zusammenhang mit dem Kampfjet Gripen indirekt vorgeworfen, plötzlich an Geld gekommen zu sein: Müller, einst «nur» Gipser, trage heute einen schönen Anzug. Daraufhin sprachen die Alphatiere drei Monate nicht mehr miteinander. An der Medienkonferenz der FDP zu den Bilateralen vom Freitag nahm Präsident Müller das Wort SVP demonstrativ nie in den Mund. «Wie heisst diese Partei schon wieder?», fragte er seinen welschen Vizepräsidenten Christian Lüscher vor versammelter Medienschar zweimal. Und gab die Antwort gleich selbst, auf französisch: «UDC?»

Hinter den Kulissen herrscht dicke Luft zwischen FDP und SVP. «Es ist wirklich sehr erstaunlich, dass man zuerst um uns wirbt und ständig von einer bürgerlichen Mehrheit spricht», sagt Philipp Müller. «Dann aber geht man plötzlich mit Attacken auf die FDP los, frei nach dem Motto ‹Zuckerbrot und Peitsche›.»

Das sieht man in der SVP nicht so. «Ich habe den Eindruck, SVP und FDP haben im Tagesgeschäft auch in jüngster Zeit relativ intensiv und gut zusammengearbeitet», sagt SVP-Generalsekretär Martin Baltisser. «So zum Beispiel bei mehreren Deregulierungs-Motionen in der dringlichen Wirtschaftsdebatte der Herbstsession.»

In bürgerlichen Kreisen gilt es als offenes Geheimnis, dass in der SVP mehr denn je nur ein Mann das Sagen hat: Blocher. Zu dessen engsten Vertrauten gehört «Weltwoche»-Verleger und SVP-Nationalrats-Kandidat Roger Köppel. Und von dort kommen die Attacken gegen die FDP. Für viele erhalten sie damit offiziösen SVP-Anstrich. Das führt zu zunehmender Unlust in der FDP, einen zweiten SVP-Bundesrat zu wählen. Vor allem bei welschen FDPlern. Die «Weltwoche» sei «eine unabhängige Zeitung mit klarer Ausrichtung und grösster Offenheit für andere Standpunkte», sagt Köppel dazu. «Sie berichtet über alle Parteien kritisch, wenn nötig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die FDP unsere Artikel zum Anlass parteipolitischer Strafaktionen gegen die SVP nähme.» Für Köppel wäre das «ja ein unschweizerischer, antiliberaler Anschlag auf die Schweizer Erfolgsformel der Konkordanz, zu der sich die FDP immer bekannte».

Viele Bürgerliche glauben inzwischen, die SVP wolle keinen zweiten Bundesratssitz. Weil Christoph Blocher, Bundesrat zwischen 2003 und 2007, keinen SVPler sehe, der nach ihm den Sitz in der Regierung verdiene. Ausser Präsident Toni Brunner? Nur will der nicht. Oder Roger Köppel? Wird er am 18. Oktober von der SVP ultimativ als zweiter Bundesrat gefordert? Köppel antwortet auf die Frage mit Golo Mann: «Überschätzen Sie mich heute nicht, auf dass Sie mich morgen nicht unterschätzen.»

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