Wie ein gewöhnlicher Zuschauer zwängte er sich letzten Mittwoch durch die Menschenmassen. Den unterirdischen Eingang für VIPs hatte er links liegen lassen. «Ueli», rief es von allen Seiten. Und: «Ueli, ein Bild mit dir.»

Geduldig liess sich Bundesrat Ueli Maurer vor dem Cupfinal zwischen dem FC Basel und dem FC Luzern mit Fans ablichten. Er genoss den Auftritt im vertrauten Sportumfeld sichtlich. Und war wieder jener aussergewöhnliche Bundesrat, der für jeden Normalbürger greifbar ist. Der sogar seinen Chauffeur dazu motivierte, es mal mit Langlauf zu versuchen und den Engadiner zu absolvieren. Ein Bundesrat weit weg von seinen politischen Sorgen. Bodennah, gelassen.

Und dann dies: Bei der Pokalübergabe machten sich FCB-Spieler lustig über den Sportminister. «Respektlos», wie Walter Stierli sagt, VR-Präsident des FCL. Unversehens war Maurer auf dem Boden des Alltags gelandet.

Dort hat er zurzeit nichts zu lachen. Im Bundesrat ist er isoliert, erleidet mit vielen Geschäften bittere 1:6-Niederlagen. Im eigenen Departement stecken er und die Armeespitze in einer Art Guerilla-Frontenkrieg mit einer bis heute nicht identifizierten Fraktion. Sie torpediert den Kauf des schwedischen Kampfjets Gripen mit schwerwiegenden Indiskretionen. Und selbst in der eigenen Partei steht er im Gegenwind: Mit Nationalrat Thomas Hurter steht ein Parteikollege an der Spitze jener Subkommission, die den Gripen-Kauf untersucht.

Maurer ist als Bundesrat einsam geworden. Das macht ihm zu schaffen. Selbst enge Wegbegleiter sind beunruhigt. Er sei dünnhäutiger geworden, wirke öfters bedrückt, stecke Attacken nicht mehr so leichtfüssig weg wie früher. Seine Taucher hätten zugenommen. Das eigentliche SVP-Bashing, das mit der SVP-Wahlniederlage eingesetzt habe, sei selbst in der Regierung spürbar, beklagt sich Maurer intern. Verklausuliert soll er im engeren Umfeld sogar schon die Sinnfrage gestellt haben: Macht die Arbeit als SVP-Einzelmaske in dieser Regierung tatsächlich noch Sinn? Oder soll er sie nicht besser verlassen? Noch sind das theoretische Gedankenspiele. Das könnte sich aber ändern.

Eine steife Bise weht dem Verteidigungsminister selbst in Kerngeschäften um die Ohren. So etwa in Sachen Finanzierung des Gripen. Der Bundesrat hatte entschieden, das Armeebudget müsse erst ab 2015 aufgestockt werden, auf 4,7 statt auf 5 Milliarden Franken. Begründung: Die Auslieferung der Jets verzögere sich bis 2018. Da damit kein Sparpaket nötig wird, schrieben Medien von «Maurers Kampfjet-Coup». Das ärgerte diesen massiv: Es war die Gesamtregierung, die ihm diese Version aufoktroyiert hatte.

Die Regierung steht auch Maurers Plänen, Olympische Winterspiele in die Schweiz zu holen, verhalten gegenüber. Und die 85 Millionen Franken für nationale Sportzentren, die der Sportminister am 6. Dezember am Swisslos-Sport-Gipfeltreffen vor hundert Parlamentariern angekündigt hatte, strich ihm der Bundesrat auf 50 Millionen zusammen.

Menschlich versteht sich Maurer mit den meisten Bundesräten zwar gut. Vor allem mit den Frauen. Hat er wieder mal eine 1:6-Niederlage erlitten, begleiten diese ihn gar zum Essen, um ihn zu trösten. Politisch aber schenken sie ihm nichts: Eveline Widmer-Schlumpf aus finanzpolitischen Gründen und Simonetta Sommaruga aus asylpolitischen nicht. Seit sie Maurer die Schuld am Asyldebakel in die Schuhe zu schieben versuchte, hat sich deren Beziehung verschlechtert.

Wenn Ueli Maurer etwas nicht ausstehen kann, ist es das Gefühl, verraten zu werden. Nur so lassen sich die deftigen Aussagen erklären, die er Journalisten in Sachen Gripen-Indiskretionen in die Mikrofone diktierte. Von einer «verdammten Sauerei» sprach er am Montag. Es bereite ihm Sorgen, «mit solchen Feinden in den Krieg ziehen zu müssen». Maurer: «Ich muss sie eliminieren.»

Dass zwei vertrauliche Testberichte aus der Kampfjetevaluation gar im Internet publiziert wurden, kam für ihn einem GAU gleich. Öffentlich spielt Saab das Ganze zwar herunter: In allen Ländern habe es mediale Schlammschlachten gegen den Sieger gegeben. Nur: Im schwedischen Konzern ist man massiv verärgert. Weder Indien noch Brasilien seien zum nur annähernd vergleichbaren Informationssieb geworden wie die Schweiz, heisst es hinter den Kulissen. Die Rede ist von Geschäftsschädigung.

Dass ausgerechnet Parteikollege Thomas Hurter Präsident jener Subkommission ist, welche die Gripen-Evaluation untersucht, ist Maurer ein Dorn im Auge. «Ein Rafale-Befürworter lädt den anderen Rafale-Befürworter ein», sagte er am Montag einer Journalistin. Und meinte damit Hurter, der den Armasuisse-Chefingenieur Gérald Levrat hatte anhören lassen.

Wie stark sich das Verhältnis zwischen Hurter und der VBS-Spitze abgekühlt hat, zeigt eine Episode in Wängi TG. Am Fest zu Ehren von Nationalratspräsident Hansjörg Walther marschierte Armeechef André Blattmann an Hurter vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. «Das ist nicht mein Problem», sagt Hurter. Natürlich sei die Situation nicht einfach. «Aber ich habe einen Auftrag. Und den muss ich möglichst gut durchführen.»

Maurer setzt nun bei der Armasuisse an. Während er nicht an der Loyalität von Luftwaffenchef Markus Gygax und dessen Truppe zweifelt, richtet sich sein Fokus zunehmend auf das Beschaffungszentrum. Es verfügt seit Mirage-Zeiten über gute Beziehungen zum französischen Konzern Dassault, der den Rafale herstellt. Bisher war Armasuisse Vermittlerin zu Saab. Das will Maurer unterbinden: Künftig soll sein eigener Stab den Kontakt halten. Es stehen wichtige Wochen bevor: Ende Juni erwartet Maurer Karin Enström in Bern. Sie ist seit dem18. April neue schwedische Verteidigungsministerin und soll einen «Letter of Intent» unterzeichnen, ein Rahmenabkommen zwischen Schweden und der Schweiz.

Dass das Leck bei Armasuisse liegt, daran zweifeln Insider allerdings. Sie orten es im engsten Umfeld Maurers: «Gewisse Papiere können nur von dort kommen.» Für Ueli Maurer wäre dies eine Hiobsbotschaft. Damit verlöre er seinen letzten Hafen. Von einem geht er nämlich aus: dass sein engstes Umfeld absolut loyal hinter ihm steht.

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