Für die Sicherheit der Schweiz sind die Deutschschweizer zuständig. Die Romands interessieren sich wenig für Militärfragen – und noch viel weniger für die Armee-Folklore. Wenn sie Reformen vorschlagen, dann undogmatisch, wie der Genfer FDP-Regierungsrat Pierre Maudet, der 2011 eine Armee von 20 000 Mann forderte und die Wehrpflicht infrage stellte – und dafür vor allem aus der Deutschschweiz viel Prügel kassierte.

Das welsche Desinteresse an Sicherheitsfragen zeigt sich auch unter der Bundeshauskuppel. Von den 38 Sicherheitspolitikern in National- und Ständerät kommen gerade mal 11 aus der Westschweiz, wovon wiederum 6 aus dem linken Lager stammen, das eher am Ab- denn am Aufbau des Militärs arbeitet.

Gar die Armee ganz abschaffen wollten die Stimmbürger der Kantone Genf und Jura. Sie nahmen Ende 1989 als einzige Stände die Initiative der «Gruppe für eine Schweiz ohne Armee» (GSoA) an.

Im Jura hat die Skepsis gegenüber der Armee auch historische Gründe. In den 60er- und 70er-Jahren wehrte sich die dortige Bevölkerung mit Erfolg gegen die Schaffung eines Waffenplatzes in den Freibergen – ein Kampf, der sowohl die regionale Identität gegen Bern stärkte als auch die Schaffung eines eigenen Kantons förderte.

Die armeekritischere Haltung in der Romandie dürfte sich auch heute beim Abstimmungsresultat zur Wehrpflicht-Initiative zeigen. Zwar werden aller Voraussicht nach beide Sprachregionen die GSoA-Vorlage zur Aufhebung der Wehrpflicht ablehnen, die Romands aber weniger stark als die Deutschschweizer.

Der fundamentalste Unterschied zwischen der Deutschschweiz und der Westschweiz liegt im Staatsverständnis. Ähnlich wie die Franzosen wollen die Romands einen starken Staat, der bei Bedarf für seine Bürger einsteht. «Die Romands haben mehr Ansprüche an den Staat», sagte der abtretende Genfer Finanzdirektor David Hiler. Den Finanzhaushalt hält er nicht mit Sparen, sondern mit weniger Mehrausgaben im Lot. Eine andere Philosophie als in der Deutschschweiz. Und folglich auch ein anderes Verhalten. So erklärt etwa der Genfer Nationalrat Antonio Hodgers die vergleichsweise hohen Arbeitslosenzahlen in seinem Heimatkanton nicht nur mit der höheren Erwerbslosigkeit, sondern auch damit, dass dort jeder, der seinen Job verliert, sich gleich bei der Arbeitslosenkasse meldet und sich nicht, wie zum Teil in der Deutschschweiz, aus Scham lieber zurückzieht.

Die höheren Sozialausgaben verdankt die Romandie auch den militanteren Gewerkschaften. Sie leisten Widerstand gegen jeglichen Abbau beim Arbeitnehmerschutz – und damit auch gegen die 24-Stunden-Einkaufsgesellschaft, wie sie jetzt mit der Liberalisierung bei den Tankstellenshops auf dem Programm steht. Gemäss der neusten Umfrage des Meinungsforschungsbüros GFS Bern sprechen sich in der Romandie nur 38 Prozent eher oder bestimmt für die Vorlage aus. In der Deutschschweiz sind es 52 Prozent. Gut möglich, dass heute Sonntag bei dieser Frage in den beiden Sprachregionen unterschiedliche Mehrheiten resultieren.

Auch bei der dritten Abstimmung, der Revision des Epidemiengesetzes, könnte sich ein kleiner Röstigraben zeigen. Denn grundsätzlich sind die Romands forschungsaffiner, ja forschungsgläubiger. Die Zürcher SP-Nationalrätin Chantal Galladé hat während ihrer achtjährigen Amtszeit in der Bildungskommission einen «ethischen Graben» beobachtet. «Die Westschweizer verteidigten die Anliegen der Forschung, die Deutschschweizer argumentierten mit ethischen, moralischen und gesundheitlichen Bedenken.»

Die Impfgegner haben es jedenfalls in der Westschweiz schwieriger. «Beim Epidemiengesetz geht es letztlich um eine Frage, wie viel Vertrauen der Bürger in den Staat hat», sagt Lukas Golder von GFS Bern. Auch das dürfte in der Westschweiz prinzipiell grösser sein.

Wofür die Welschen aber kein Verständnis haben, sind neue staatliche Vorschriften auf Nebenschauplätzen – beim Abfallwesen zum Beispiel. So wehrten sie sich lange gegen die Sackgebühr. Neuenburg und ein Grossteil der Waadtländer Gemeinden haben sie erst 2013 eingeführt. Genf will noch heute nichts davon wissen. Der Widerstand gegen die Sackgebühr, die Liebe zum Auto und die Vernachlässigung des öffentlichen Verkehrs haben den Romands den Ruf eingehandelt, in Umweltfragen lascher zu sein. Dabei wurde die erste grüne Partei der Schweiz in Neuenburg von Gegnern eines Autobahnprojekts gegründet. Und der erste grüne Nationalrat stammte ebenfalls aus der Romandie: 1979 schaffte der Waadtländer Daniel Brélaz den Sprung nach Bern.

Für Lacher oder Kopfschütteln sorgte in der Romandie das «Badiverbot» für Asylbewerber im aargauischen Bremgarten. Wie auch viele andere Massnahmen in der Ausländerpolitik. Linke wie bürgerliche Romands verstehen die «Hysterie» der Deutschschweizer in Bezug auf Ausländer nicht, sie leben einfach mit ihnen. Die grössere Gelassenheit stammt eventuell auch daher, dass alle Westschweizer Kantone mit Ausnahme von Freiburg eine Aussengrenze haben.

Alle Westschweizer Kantone ausser das Wallis haben 2010 die SVP-Ausschaffungsinitiative abgelehnt, auch Genf, das unter einer hohen Kriminalitätsrate zu leiden hat. Ein Jahr zuvor lehnten Genf, Waadt und Neuenburg als Einzige die Minarett-Verbotsinitiative ab. Während in der Deutschschweiz alle bürgerlichen Parteien aus Angst vor der SVP ein Migrationspositionspapier nach dem anderen verfassen, bleiben die Westschweizer Kollegen gelassen. Bei der neu gegründeten Genfer BDP kommt das Wort «Zuwanderung» nicht einmal im Parteiprogramm vor. Weil es aus ihrer Sicht kein Zuwanderungsproblem gibt, wie der Genfer BDP-Präsident Charles Piguet der «Tribune de Genève» erklärt.

Bei der einst grössten politischen Differenz, bei der EU-Frage, hat sich die Westschweiz der Deutschschweiz stark angenähert. Auch sie schaut heute mit grosser Skepsis auf ihre europäisches Umland. Die feinen Unterschiede hingegen bleiben: Die Romands sind armeekritischer, staatsgläubiger, kämpfen militanter für ihre Arbeitsrechte, sind gegenüber der Wissenschaft offener eingestellt und sind weniger fremdenfeindlich. Und sie sind etwas «lockerer und fantasievoller», sagt Nationalrat Christian Lüscher. «Aber als Minderheit können wir uns das leisten.»

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