Es war das Jahr der Kriege, der Krisen und des Terrors. Wer auf 2015 zurückblickt, findet Anschläge und Flüchtlinge. Wer auf 2016 blickt, findet einen weiteren Umbruch im 21. Jahrhundert. Er wird die Schweiz viel stärker verändern, als es die Flüchtlingskrise tut: Die Babyboomer, das Herzstück der Bevölkerung, erreichen das Rentenalter – und das ganze Land muss zittern, ob das gut geht.

2016 markiert einen Meilenstein in der Debatte, wie die Schweiz mit einer immer älter werdenden Bevölkerung und einer sinkenden Geburtenzahl umgehen soll. 1980 lebten in der Schweiz noch fast doppelt so viele 20-Jährige wie 65-Jährige. Heute beträgt das Verhältnis 1 zu 1, bis 2025 soll es auf 0,8 fallen. Es wächst eine Gesellschaft der Alten und sehr Alten. Und mit dem Wandel drohen gigantische Löcher in der Rentenfinanzierung.

Ins Zentrum der Debatte rückt Bundesrat Alain Berset (SP) mit seiner «Altersvorsorge 2020». Sie soll 2016 Kompass des Wandels sein: Wie kann man die Bevölkerung überzeugen, länger zu arbeiten, auf Geld aus der Pensionskasse zu verzichten und obendrein mehr Steuern zu zahlen?

Der Nationalrat wird noch 2016 über die 286-seitige Vorlage befinden. Darin enthalten ist die Reform der ersten und der zweiten Säule, der Alters- und-Hinterlassenen-Versicherung (AHV) und der beruflichen Vorsorge (BVG). Über ein Dutzend Gesetze sind betroffen. Die Kernpunkte: Frauen sollen wie Männer erst mit 65 Jahren in Pension gehen, der Rentenbezug ist flexibel zwischen 62 und 70 Jahren möglich, und die Mehrwertsteuer soll in den nächsten Jahren schrittweise um ein Prozent angehoben werden.

Ob die Änderungen tatsächlich beschlossen werden, ist allerdings offen. Riesige – und darüber hinaus unpopuläre – Reformen gehen oft in Grabenkämpfen des politischen Alltags unter. Während europäische Länder wie Deutschland, Grossbritannien oder Spanien das Rentenalter bereits auf 67 gehoben oder eine Erhöhung angekündigt haben, ist diese Option in der Schweiz so beliebt wie ein deutscher Finanzminister in Griechenland. Wer sich hierzulande ein höheres Rentenalter auf die Fahne schreibt, sei es noch so gut begründet, zahlt einen hohen Preis. Diese Erfahrung haben 2003 die Freisinnigen gemacht, und sie steckt ihnen bis heute in den Knochen.

Pascal Couchepin (FDP), Bundespräsident 2003, verteidigte auch viele Jahre später seinen Kurs für ein höheres Rentenalter: «Wenn ich dieses Amt einmal aufgebe, will ich mir nicht sagen müssen: Du hast etwas nicht gemacht, was du hättest machen müssen, nur aus Angst um deine Popularität.»

Doch die Angst durchdringt noch immer die Parteien: Die anstehenden Herausforderungen werden entweder totgeschwiegen oder unterschätzt. Forscher gehen davon aus, dass innerhalb der nächsten 40 Jahre auch in der Schweiz die ersten Menschen 130 Jahre und älter werden – und damit ein halbes Leben von der Rente zehren. Als die AHV 1948 eingeführt wurde, lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 77 Jahren.

Schon länger drängen Wirtschaftsvertreter auf ein höheres Rentenalter. Der Rechtsrutsch in den Nationalratswahlen könnte diese Strömung verstärken. Wie eine Auswertung der Online-Wahlhilfe Smartvote zeigt, ist eine Mehrheit der Nationalratsvertreter für eine Erhöhung des Rentenalters. Die freisinnigen Kandidaten sprechen sich mit 91 Prozent am deutlichsten dafür aus, gefolgt von GLP und SVP. Ein Horrorszenario für Gewerkschaften und Linke, die vor einem schleichenden Leistungsabbau warnen.

«Der rechten Mehrheit muss klar sein: Ein Rentenabbau kommt für uns nicht infrage. Dann ist das Referendum sicher», sagt SP-Nationalrätin Bea Heim (SO). Ein höheres Rentenalter laufe der Realität auf dem Arbeitsmarkt zuwider, sagt sie. Zu oft würden ältere Angestellte auf die Strasse gesetzt.

Ganz anders sieht es FDP-Fraktionschef Ignazio Cassis (TI): «Belassen wir das Pensionsalter bei 65 Jahren, braucht das Rentensystem viel mehr Geld.» Eine Änderung des Systems sei deshalb unabdingbar für eine sichere Rente. «Die eingesparten Gelder aus der Angleichung des Rentenalters für Männer und Frauen auf 65 müssen vollumfänglich in die AHV fliessen.»

Doch das Pensionsalter ist nicht die einzige grosse Frage. In der zweiten Säule stecken derzeit unfassbare 800 Milliarden Franken. Der Umwandlungssatz liegt gegenwärtig bei 6,8 Prozent. Er bestimmt die Höhe der Renten aus der Pensionskasse. Die Altersvorsorge 2020 schlägt eine Senkung auf 6 Prozent vor. Während Versicherungen und Ökonomen bezweifeln, dass die Massnahme länger als ein paar Jahre Abhilfe schafft, kämpfen auf der anderen Seite die Gewerkschaften gegen jede Senkung.

Hinzu kommen die historisch tiefen Zinsen. Sie führen dazu, dass die Pensionskassen zu wenig Ertrag erwirtschaften, um ihre Renten finanzieren zu können. Oder aber sie gehen höhere Anlagerisiken ein und setzen vermehrt auf Aktien. Doch Risiken können sich nur jene leisten, die Reserven haben. Ein Teufelskreis.

Fakt ist: Wegen des tiefen Zinsniveaus verzinsen die Pensionskassen die Guthaben der Versicherten deutlich schlechter als noch vor zehn Jahren.

Erst diese Woche brach eine Zürcher Pensionskasse ein Tabu: Laufende Renten sollen gekürzt werden, um jüngere Generationen zu entlasten. Die Kasse will deshalb die Klärung vor dem Bundesgericht in Lausanne.

Die vielen Fragen spiegeln das Dilemma jedes Reformversuchs wider: Demografische Forschung ist eine Welt von Zahlen, in der die Orientierung schnell verloren gehen kann. Die Materie ist komplex, Fakten sind rar. Einer, der sich mit der alternden Gesellschaft auskennt, ist Mike Martin. Der Professor für Gerontologie sitzt im 4. Stock des Psychologischen Instituts der Universität Zürich, umgeben von Büchern und Studien, die sich um die Lebensspanne, das kognitive und soziale Altern drehen. Vom schon mehrmals heraufbeschworenen Krieg zwischen Alt und Jung hält er nichts. «Ich wehre mich dagegen, es als Problem zu betrachten, dass wir immer älter werden», sagt er. «Es wird nur dann ein Problem für die Sozialsysteme, wenn wir das mit einer starren Pensionierungsgrenze verbinden.»

Die entscheidende Frage lautet deshalb gemäss Martin: «Was müsste passieren, damit wir gern länger als bis 65 arbeiten?» Und er gibt gleich die Antwort: Flexibilität. Von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Für Martin sind drei Punkte entscheidend: Erstens: Dass Ältere nicht mehr arbeiten, habe oft nichts mit ihrer Leistung zu tun, sondern damit, dass man ihnen den Job schlicht nicht mehr zutraue. Kognitive Fähigkeiten wie Konzentration oder Gedächtnis hätten einen Leistungshöhepunkt, der deutlich über 65 liege. «Die Unternehmen müssen sich anpassen und Arbeitsplätze für 70- oder sogar 75-Jährige anbieten.»

Martin führt die neusten Forschungen ins Feld: Pilotstudien aus den USA haben gezeigt, dass viele Menschen bereit wären, bis ins Alter von 75 Jahren zu arbeiten, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. In einem Versuch war es möglich, ab 55 das Pensum frei zu wählen – ohne Schaden für die Rente. Das Ergebnis: Alle zusammengenommen haben letztlich mehr gearbeitet als im herkömmlichen Rentenmodell.

Zweitens geht es um Anerkennung. Laut Martin sind wir zu stark auf die Erwerbstätigkeit fixiert. Es herrsche der Glaube: Nur wer Geld verdient, leistet auch etwas. Das sei falsch. Menschen würden auch produktive Dinge tun, die für die Gemeinschaft wichtig sind, ohne dafür bezahlt zu werden. Dazu gehörten beispielsweise Grosseltern, die ihre Enkelkinder hüteten, oder Senioren, die Ausländern Deutschunterricht geben. Martin bringt eine Parallelwährung ins Spiel: «Mein Vorschlag wäre, so etwas wie einen Community-Dollar einzuführen. Eine Währung, die Menschen entlohnt, die etwas tun, das für die Gesellschaft wichtig ist.»

Der dritte Punkt betrifft die Arbeitsstunden. Firmen müssten Wege finden, wie man selbstbestimmter arbeiten könne. Darunter falle auch das Pensum. «Heute ist es unvorstellbar, dass jemand seinen Arbeitsumfang reduziert, ohne seine Aufstiegschance zu gefährden», sagt der Altersforscher. Hier müssten Firmen umdenken und unterschiedliche Karriereverläufe als selbstverständlich ansehen. Personen, die Teilzeit arbeiten, würden ansonsten bei Beförderungen zu oft übersehen. «Wer ohne negative Konsequenzen sein eigenes Pensum wählen kann, ist in der Regel auch bereit, länger zu arbeiten.»

Wie alt wir eines ferneren Tages werden, weiss selbst die Forschung nicht. Die Schweiz zählt zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung (siehe Artikel rechts). «Wir müssen anfangen, uns ‹Was-wäre-wenn-Fragen› zu stellen», sagt Martin. «Was müsste passieren, dass wir auch mit 80 noch gesund sind und arbeiten wollen?» Nur wer von der Zukunft her denkt, könne die Gegenwart verändern und neue Chancen schaffen: Vielleicht ergäbe sich daraus die Einsicht, dass wir mehr Lebensarbeitszeit- und Teilzeitmodelle bräuchten. «Wenn wir mit 65 noch weitere gute 35 Jahre vor uns haben», sagt er, «können wir noch einmal einen ganz neuen Job anfangen.»

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