Der Radio-Journalist fingert nervös an seinem Aufnahmegerät herum. Aussenminister Didier Burkhalter wartet stoisch. Und erlaubt sich ein Scherzchen mit dem Journalisten, mit dem er per Du ist: «Machst du das zum ersten Mal?» Und als der Journalist auch beim Fragen ins Stocken gerät, schmunzelt er: «Hast du deine Frage gefunden?» Alle lachen. Burkhalter hat die Situation entspannt.

Die Episode vom Freitag hat Symbolcharakter. Die Schweiz erlebt einen neuen Didier Burkhalter: Seit er vom Sozial- ins Aussenministerium wechselte, ist er kaum wiederzuerkennen. Er blüht auf. Aus dem zögerlichen, wenig entscheidungsfreudigen und langatmig argumentierenden Innenminister, der sich sichtlich unwohl fühlte, ist ein forscher und doch staatsmännischer Aussenminister geworden. Einer, dem es auf dem Parkett der Diplomatie behagt. In zwei Monaten als Aussenminister entschied Burkhalter in der öffentlichen Wahrnehmung fast ebenso viel wie in zwei Jahren als Innenminister.

Didier Burkhalter selbst bestätigt gegenüber dem «Sonntag», dass ihm die Arbeit «sehr viel Spass» bereite. «Ja, es gefällt mir», sagt der Neuenburger. Auch die Gesundheits- und Sozialpolitik sei interessant gewesen. «Nur ist sie sehr technisch.» Den Unterschied zeichnet er mit zwei Gesten nach. Ein Innenminister müsse in die Tiefe gehen, sagt Burkhalter, streckt die Hände vertikal nach unten, senkt den Kopf und blickt ihnen nach. Dann richtet er sich wieder auf, deutet mit seinen Händen in Richtung Horizont: Ein Aussenminister müsse Verbindungen schaffen. Und zuletzt spricht Burkhalter ein Wort aus, das aus seinem Mund überrascht: «Super.»

In einem Tempo, das man ihm nicht zugetraut hätte, räumt er mit den Hinterlassenschaften von Micheline Calmy-Rey auf. Aktive Neutralität? Den Begriff hat er aus dem Wortschatz gestrichen. Weltweit Konflikte zu schlichten wie zwischen Russland und Georgien oder der Türkei und Armenien ist nicht sein Hauptziel. Öffentliche Diplomatie? Ebenfalls wegradiert. Diplomatie soll unter ihm dann öffentlich sein, wenn es den Interessen der Schweiz dient.

Isolierte Alleingänge? Wegradiert. Burkhalter will seine Aussenpolitik mit den anderen Bundesräten abstützen. Gemäss Recherchen hatte Calmy-Rey SVP-Bundesrat Ueli Maurer sogar bewusst von Konsultationen ausgeschlossen. Das soll nicht mehr geschehen. «Die Kooperation der Departemente ist matchentscheidend», betont er. Spektakuläre Scheinwerfer-Auftritte? In roten Schuhen als erster ausländischer Regierungsvertreter die Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea zu überschreiten, ist definitiv nicht Burkhalters Ding.

Es muss ihn frappiert haben, was er im EDA antraf. Calmy-Rey hatte eine Art postsowjetisches Kontrollregime installiert. Zweimal täglich, um 11.30 und 17.30 Uhr, wurden ihr zum Beispiel sämtliche Anfragen von Journalisten persönlich unterbreitet. Sie entschied selbst bei Details, was geantwortet wird.

Gleichzeitig fehlte eine aussenpolitische Strategie. Das bestätigt Burkhalter: «Auf jeden Fall gab es sie sehr lange nicht, das stimmt. Die letzte stammt von 2003.» Und die Beziehungen mit den grossen Nachbarstaaten Deutschland, Frankreich und Italien lagen darnieder.

Besonders gross war die Krise mit Frankreich. Der Entscheid der Schweiz, den Rafale-Kampfflieger nicht zu kaufen, hatte die Beziehungen total blockiert. Über Monate hinweg versuchte das EDA vergeblich, ein Treffen mit Aussenminister Alain Juppé zu arrangieren. Als es am Rande der 19. Tagung des UNO-Menschenrechtsrats in Genf doch noch zu einem 30-minütigen Treffen kam, liess Juppé sein Desinteresse demonstrativ durchblicken. Erst als Burkhalter seine Powerpoint-Präsentation zur EU-Strategie über den Tisch schob, begann Juppé gespannt zu blättern.

Noch als Innenminister hatte Burkhalter entschieden, dass er seine Aussenpolitik auf die Präambel der Bundesverfassung abstützen wird. Das Schweizer Volk gebe sich die Verfassung «in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken». In Artikel 2 umreisst die Verfassung den Zweck: Die Schweiz schütze Freiheit und Unabhängigkeit, wahre Sicherheit und fördere Wohlfahrt.

Kernelement von Burkhalters Aussenpolitik sind die Interessen der Schweiz. Dazu fokussiert er auf die grossen Nachbarländer. Habe die Schweiz Probleme mit diesen, strahle das weltweit aus, sagte er am Freitag. Parallel dazu arbeitet er darauf hin, dass die Schweiz bei den G20 Singapur mit seinem Beobachter-Status ablösen kann.

Ob Burkhalter genau dafür die nötige Härte hat, bezweifeln aber sogar Freisinnige. Eine Kritik ist jedenfalls bereits zu hören: Er habe zu wenig kompromisslos mit Tunesien verhandelt in Sachen Asylrückkehr. «Dann arbeite ich weiter und zeige», kontert Burkhalter die Befürchtungen, «dass das nicht stimmt.»

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