Alles ging Schlag auf Schlag. Am 10. Januar wählte das TV-Publikum Didier Burkhalter zum «Schweizer des Jahres». Er siegte mit einem Vorsprung, wie man ihn aus kommunistischen Ländern kennt. Den Titel erhielt er für das Präsidium der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) im Jahr 2014.

Am 7. Februar wurde Didier Burkhalter in München geehrt. Die OSZE durfte an der Sicherheitskonferenz den renommierten Ewald-von-Kleist-Preis für Frieden und Konfliktlösung entgegennehmen. Für den Einsatz in der Ukraine-Krise.

Am 15. März machte die «Schweiz am Sonntag» publik, dass zehn Parlamentarier Burkhalter für den Friedensnobelpreis von 2014 nominiert haben. Er ist damit einer der 227 Kandidaten, welche die Liste umfasst. Nur eine Woche später schrieb der «SonntagsBlick», es mehrten sich die Anzeichen, dass sich Burkhalter aktiv um den Posten als UNO-Generalsekretär bemühe.

Hat Didier Burkhalter nach dem Jahr als OSZE-Präsident und Bundespräsident in höhere Sphären abgehoben? Den Boden unter den Füssen verloren?

Diverse Beobachter monieren das hinter vorgehaltener Hand. Anzeichen dafür waren bereits an der Medienkonferenz des Bundesrats vom 11. Februar zur Umsetzung der Masseneinwanderungs-initiative auszumachen. Während Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga demonstrierte, dass sie das Dossier in Händen hält, blieb die Rolle von Aussenminister Burkhalter unklar. Er übersetzte Sommarugas Äusserungen ins Französische. Vor allem aber wirkte er entrückt.

Entrückt vom Alltag der politischen Knochenarbeit in Bern. Burkhalters Aussenministerium (EDA) sei zurzeit auch in der Regierung kaum spürbar, sagen Eingeweihte. Zwar hatte sich Burkhalter im Gegensatz zu seinen Kollegen mit Mitberichten stets zurückgehalten. Zudem bringt das EDA traditionellerweise wenig Geschäfte in die Regierung. Doch selbst unter Berücksichtigung dieser Fakten fällt Burkhalters diskreter Auftritt in der Regierung auf. Selbst beim Thema Europa: In Sachen Masseneinwanderung liegt der Lead bei Sommarugas EJPD. Und Doris Leuthards Uvek hat ihn beim Stromabkommen.

Umso stärker werden Burkhalters Promi-Auftritte bemerkt. Bei «Jeder Rappen zählt» gab er im Duett mit Musiker Bastian Baker den Bruce-Springsteen- Song «The River» zum Besten. Baker traf er am «Swiss Award» im Hallenstadion erneut. Zur Jamsession. Diesmal mit Gattin Friedrun, die ihren Mann auch oft auf Auslandreisen begleitet. Sie sei eine wesentliche Triebfeder dafür, dass er möglichst oft die Weltbühne betrete, heisst es.

Es war die «Schweizer Illustrierte», die ihn nach Sri Lanka begleitete und in der neusten Ausgabe feststellt: «Burkhalter erobert die Welt.» Er habe noch gar nicht Zeit gehabt, alle Erfahrungen im OSZE-Jahr zu verarbeiten, gesteht er. Deshalb überlege er sich, «über das letzte Jahr ein Buch zu schreiben».

Das OSZE-Jahr hat in Burkhalters Leben vieles verändert. 32 Auslandreisen mit 47 Aufenthalten in 30 verschiedenen Ländern absolvierte der Neuenburger im vergangenen Jahr. Dabei traf er Vertreter von fast 50 Ländern, besuchte 26 internationale Konferenzen und hielt fast 100 öffentliche Reden.

Und immer erinnerte der braun gebrannte Didier Burkhalter in seinen perfekt sitzenden Anzügen, mit seinem Charme und seinem Schalk ein wenig an George Clooney. Nie mussten sich die Schweizer fremdschämen für ihren weltmännischen Bundespräsidenten.

Dass hinter der Leichtigkeit, mit der Burkhalter sie zu absolvieren scheint, fast preussisch anmutende Disziplin steckt, wissen nur wenige. Oft erhalten seine engsten Mitarbeiter kurz vor Mitternacht noch Mails vom Chef, die sie umgehend beantworten. Morgens um 4 Uhr meldet sich Burkhalter dann schon wieder mit Antworten und Fragen.

Er habe ihr am OSZE-Ministertreffen in Basel gesagt, lange hätte er die Intensität der OSZE-Präsidentschaft nicht mehr ausgehalten, denn er habe sehr schlecht geschlafen, sagt FDP-Ständerätin Christine Egerszegi. Und Kabinettschef Damien Cottier, sein persönlicher Mitarbeiter, sagt: «Ich habe noch nie eine Person gesehen, die mehr arbeitet als er.»

Im OSZE-Jahr hatte Burkhalter das Glück, politische Schwergewichte näher kennen zu lernen, die EU-Präsident Jean-Claude Juncker inzwischen in seine Kommission gewählt hat. Frans Timmermans, bis 2014 Aussenminister der Niederlande und heute erster Vizepräsident und Stellvertreter Junckers, lernte Burkhalter im Zusammenhang mit dem Abschuss der Boeing 777 der Malaysia Airlines in der Ostukraine kennen. Jyrki Katainen, Ex-Premierminister Finnlands und heute EU-Kommissar für Arbeitsplätze, bei einem Staatsbesuch.

Burkhalter gelang es auch, enge Kontakte zu den Spitzenvertretern der Nachbarländer Deutschland, Frankreich und Italien zu knüpfen. Etwa mit Italiens Aussenministerin Federica Mogherini, inzwischen EU-Aussenbeauftragte. Am 18. Februar traf er in Berlin Kanzlerin Angela Merkel und in Paris Frankreichs Aussenminister Laurent Fabius. Präsident François Hollande empfing Burkhalter später im Élysée-Palast. Diese Kontakte, hofft Burkhalter, werden helfen, die Probleme der Schweiz mit der EU zu lösen. Er pflegt zu sagen: «Das Menschliche macht 60 Prozent der Beziehungen aus.» Ein Schuss Clooney kann dabei nur nützlich sein.

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