Von Lukas Reimann*

Boris ist Profi. London wählt links. Ausser Boris schafften es nur linke Kandidaten. «Aufpassen Queen: Wer als Konservativer in London gegen den bisherigen Bürgermeister siegt, der kann alle aus dem Amt drängen», sagten die Londoner 2008 nach der Wahl scherzhaft. Zwar nicht die Queen, aber den Premier und die EU-Spitze besiegte er: Boris gewinnt Brexit. Jetzt ist er aussichtsreicher Kandidat für das Amt des Premiers.

Wie schaffte er diese Erfolge? Obwohl er polarisiert, mögen ihn Briten von links bis rechts. Er ist unterhaltsam, sympathisch und mit unkonventionellen Meinungen oft auch ein Exot, dafür unabhängig, kreativ und unbestechlich. Mit dem Velo unterwegs, ist er offen für Gespräche mit allen. «Er versteht uns, weil er einer von uns ist», höre ich oft in den Pubs.

Im britischen Parlament sitzen zumeist Aristokratenfamilien mit besten Uni-Abschlüssen oder sogar Erbadelige. Johnson gehört zur Elite, aber er kennt Sprache und Sorgen des Volks. Nicht umsonst widmete die Brexit-Kampagne diesen Sieg nicht den Briten über die EU-Bürokraten, sondern dem realen Volk über die Eliten: «This was for the real people, for the ordinary people, for the decent people.»

Die historische Abstimmung gab es nicht dank Boris, sondern dank der Unabhängigkeitspartei Ukip von Nigel Farage, der unablässig Druck auf den nie durch EU-Begeisterung aufgefallenen David Cameron machte. Seit ihrer Schulzeit kennen und rivalisieren sich «Bo-Jo» und Cameron auf ihrem Weg: Eton-Internat, Oxford-Studium und 2001 Wahl ins Parlament.

Ukip als Auns Grossbritanniens
Auch die beiden Stars vom Brexit sind bei Wahlen die ärgsten Konkurrenten. Farage warf Johnson Karrierepolitik vor. Dieser nannte Parteifreunde, die mit der Ukip sympathisierten, «Nüsse, die den Verstand verloren haben». Die Brexit-Kampagne hat beide Alphatiere zusammengebracht: Johnson und Farage wehrten heftige Angriffe ab. Sie mussten zusammenhalten und ihr Mundwerk zügeln.

Boris Johnson weiss mit den Torys eine breite Basis hinter sich. Nigel Farage konnte bisher im nationalen Parlament wegen des Wahlsystems kaum punkten, seine Partei wurde aber bei der letzten Europawahl mit 27 Prozent stärkste Kraft. Parlamentarisch wird der Stand der Ukip schwer. Denn EU-Skeptiker können unter Premier Johnsen künftig ohne Gewissensbisse die Traditionspartei wählen.

Wo liegt nun noch die Existenzberechtigung der Ukip? Wie die Auns in der Schweiz braucht es auch im Vereinigten Königreich eine starke Kraft, die für Freiheit, Unabhängigkeit und Demokratie einsteht. Diese starke Kraft ist die Ukip. Nicht auszuschliessen ist, dass Nigel Farage unter einem Premier Johnson Aussenminister würde.

Bo-Jo begann seine Karriere da, wo sie nun ihren Höhepunkt hat: Als Korrespondent von 1989 bis 1994 für «Daily Telegraph» berichtete er aus Brüssel. Mit unterhaltsamen Schlagzeilen zeigte er Schwächen der EU schonungslos auf und gewann viele begeisterte Leser. Viele behaupten, er sei nur aus Karrieregründen für den Brexit eingestanden und habe sich lange nicht entschieden. Falsch! Wie kann man das behaupten, wenn man nur einen seiner leidenschaftlichen Auftritte zum Brexit sah?

Tatsache ist, dass er seit Jahren Gast war an Anlässen der europaweiten Allianz EU-kritischer Organisationen und sich ganz klar in seiner EU-Kritik ausdrückte. Als Stärke kann er auch schnell reagieren: Als ihm Studenten sagten, sie würden Europa lieben, konterte er: «Die EU ist nicht Europa. Für die korrupte Bande (EU) stimmen, nur weil man Europa mag – ja (er lacht) – das wäre gleich dumm, wie wenn man für die korrupte Fifa stimmen würde, nur weil man den Fussball mag.»

Kenner der Schweiz
Johnson erfand 2012 «Britzerland». Heute finden sich Tausende Artikel, Grafiken und Stellungnahmen dazu. Grossbritannien und die Schweiz hätten grösstes Interesse daran, enger zusammenzuarbeiten und ohne EU gegenseitige Handelsabkommen abzuschliessen. Dies könnte Realität werden – vermutlich indem Grossbritannien in die Efta mit Liechtenstein, Island, Norwegen und der Schweiz zurückkehrt. Die Insulaner gründeten sie einst als EU-Alternative: für freien Handel ohne politische Einmischung in die Staaten. Bo-Jo kennt die Schweiz. Er mag uns als Menschen und als Feriendestination: Die Berge, die Freiheit, speziell von der EU, und die direkte Demokratie – das möchte er auch in Grossbritannien. Nach dem Brexit hielt er fest, klar sei, dass Norwegen, die Schweiz und Grossbritannien gemeinsam für eine Neureglung der Einwanderung mit Brüssel verhandeln sollen. Die Verhandlungsposition der Schweiz wäre gestärkt.

Wird Boris Premier, steht ein Freund der Schweiz an der Spitze Grossbritanniens. Wir könnten uns freuen. Die Briten sowieso, denn Bo-Jo ist ein harter Verhandler, der die EU noch oft zum Einlenken zwingen wird.

* Lukas Reimann ist Nationalrat (SVP/SG). Als Auns-Präsdident lud er Nigel Farage nach Bern ein. Er pflegt regelmässige Kontakte zu britischen Politikern.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper