Noch hat die SP den Plan nicht aufgegeben, einem alternativen Kandidaten zum SVP-Dreierticket zur Wahl in den Bundesrat zu verhelfen. Die Linken profitieren vom Unmut, der selbst in der SVP über die offizielle Auswahl spürbar ist – und von der Verlockung in allen Parteien, die umstrittene SVP-Parteiausschlussklausel zu unterlaufen. Es kursieren Namen wie jene der Nationalräte Heinz Brand (GR), Thomas Hurter (SH), Hannes Germann (SH), des Ständerats Roland Eberle (TG) oder des Zuger Regierungspräsidenten Heinz Tännler.

Um jeden Preis wird die SP jedoch nicht einen Sprengkandidaten ins Spiel bringen. Das oberste Ziel der Sozialdemokraten ist es, den Zuger Nationalrat und Bundesratskandidaten Thomas Aeschi zu verhindern. SP-intern wird er als «Hans-Rudolf Merz im Quadrat» sowie als «Blocher-Jünger» bezeichnet.

Am Montag trifft sich die SP-Spitze mit den Grünen und Grünliberalen, um sich auf eine gemeinsame Strategie für diese Bundesratswahl zu einigen. Offiziell bestätigen will das zwar niemand, doch zwei Quellen bestätigen das Treffen. Dabei sollen vor allem die Grünen verpflichtet werden, im Notfall doch einen SVP-Kandidaten zu wählen, entgegen der bisherigen Ansage der Partei.

Das linke Lager wird dieser Bundesratswahl den Stempel aufdrücken – auch wenn das viele noch gar nicht realisiert zu haben scheinen. «Die SP entscheidet, ob Guy Parmelin Bundesrat wird oder nicht», sagt ein FDP-Parlamentsmitglied. Ohne SP habe Parmelin kaum eine Chance, mit der SP liege die Chance des Waadtländers bei 50:50. Und mit den Grünen, falls sie nicht leer einlegen, bei deutlich über 50 Prozent.

Damit ist Guy Parmelin Favorit. Ohne Sprengkandidat kommt er auf ein Potenzial von 100 Stimmen, die Grünen nicht mitgerechnet. Als einziger Kandidat hat er Stimmenpotenzial in fast allen Parteien, obwohl er in den Hearings bei FDP und CVP eher schlecht abschnitt.

Mit seinen 56 Jahren wäre Parmelin ein Übergangsbundesrat. «Solch eine Lösung schadet nicht und tut niemandem weh», heisst es in der CVP. Im Gegensatz zu Thomas Aeschi (36) und dem Tessiner Regierungspräsidenten Norman Gobbi (38): Die beiden könnten den Bundesrat über mehrere Legislaturen mitprägen.

Aeschi kommt auf ein Grundpotenzial von 80 Stimmen, fast ausschliesslich bei SVP und FDP. Einige Stimmen dürften aber auch aus der CVP kommen. Generell erhält Aeschi links keine und in der Mitte nur sehr wenige Stimmen. In der Mitte punktet vor allem Gobbi, dessen Chancen im Steigen begriffen sind. «Er hat enorm Terrain gutgemacht», sagt ein SVP-Parlamentarier. Im Moment kommt er auf ein Potenzial von rund 40 Stimmen. Ein Schlussgang Aeschi gegen Gobbi gilt für die SP als Worst-Case-Szenario. Trotz Gobbis Strategie, im linken Lager Stimmen zu holen, halten ihn die meisten Sozialdemokraten wegen seiner Ausfälle gegen Ausländer für unwählbar.

Gelingt es der SP nicht, eine Sprengkandidatur aufzubauen, läuft die Wahl der Sozialdemokraten auf Guy Parmelin hinaus – ein Kandidat, der in der SP für «schwach» gehalten wird, was für die Linken ein starkes Argument ist, ihn zu wählen. Gegen Parmelin spricht aus linker Sicht nur die Tatsache, dass er der SVP als Bundesrat in der Romandie zum Durchbruch verhelfen könnte.

Wenig deutet derzeit darauf hin, dass die SP mit einem Alternativ-Kandidaten Stimmen ausserhalb des linken Lagers gewinnt. Vor allem die CVP verweigert sich Gesprächen relativ konsequent – und ohne CVP geht nichts. «Ein abgekartetes Spiel können wir uns diesmal nicht leisten», sagt ein einflussreiches CVP-Parlamentsmitglied. «Wir sollten keine Spiele machen und die SVP unaufgeregt in die Verantwortung nehmen. Damit wir zum Tagesgeschäft übergehen können», sagt CVP-Präsidiumsmitglied Elisabeth Schneider-Schneiter.

Gerüchte kursieren dennoch viele. Das zeigt sich am Beispiel von Heinz Tännler (SVP), Landammann des Kantons Zug. Tännler war im Sommer kurz auf der SVP-Kandidatenliste, bevor er sich zurückzog. In den letzten drei Tagen kamen Spekulationen auf, Tännler sei bereit, als wilder SVP-Kandidat anzutreten, würde zur FDP übetreten, sollte er gewählt werden. Die Rede war selbst von einer Telefonkonferenz mit der FDP.

«Das stimmt nicht», dementiert Tännler entschieden. Er kann das kaum fassen. Immerhin bereitet er als OK-Präsident seit 14 Tagen eine allfällige Wahlfeier für Thomas Aeschi minuziös vor – und stellt die Einladungsliste mit 800 Personen zusammen. Irgendjemand wolle ihm schaden, glaubt er.

Dass die Linke langsam, aber sicher ihre Chance zu wittern beginnt, die bevorstehende Bundesratswahl entscheidend zu beeinflussen, zeigt sich an der Aussage von Grünen-Fraktionschef Balthasar Glättli. Von der bisher offiziell gültigen Position, definitiv keinen SVP-Vertreter zu wählen, ist die Partei inzwischen abgerückt. «Die Grüne Fraktion wird sich am Dienstag und in einer Sondersitzung am Mittwochmorgen treffen, damit wir unsere Haltung zu Entwicklungen in den letzten Stunden vor der Wahl besprechen können», sagt Glättli.

Die Bundesratswahl wird nach den Hearings der SP am Dienstag wieder einmal in der Nacht der langen Messer entschieden.

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